Wir kranken daran, dass Älterwerden von anderen definiert wird. In der Regel von Jüngeren, die selbst noch keine Erfahrung damit haben. Frank Schirrmacher

„Mami, gib mir Geld oder ich schlage dich“

Unsere Kinder wollen alles, können wenig und fordern viel. Am Ende haben sie vor allem ein Elternproblem.

75 Prozent der Deutschen glauben, dass wir auf dem Weg in eine Gesellschaft von Egoisten sind und dies vor allem dadurch, dass Eltern ihre Kinder verwöhnen. Das ergibt das Ergebnis einer Umfrage des Magazins „Familie&Co“. Aber die Aufgabe von Eltern und anderen Erziehungskräften in Kindergarten, Schule und Berufsausbildung ist, Kinder so zu fördern, dass sie mit Selbstbewusstsein und Verantwortung ihr eigenes Leben meistern können. Dazu ist Hinwendung und nicht Verwöhnung notwendig.

Aufwachsen im Schongang hilft nicht

Wachsen Kinder in einem zu behüteten Umfeld auf, fehlt es an altersgemäßen Herausforderungen. Der Entwicklung von Selbstwirksamkeit – ein Schlüsselbegriff der Resilienzforschung – fehlt somit die Basis. Denn ein Aufwachsen im Schongang führt nicht zu Durchhaltekraft, Stabilität, Selbstbewusstsein und Eigenverantwortung.

Aber was kennzeichnet ein Kind mit solchen sozialen Kompetenzen? Es lässt sich nicht vom ersten Gegenwind umpusten, sieht sicht nicht als den Mittelpunkt der Welt, bringt sich förderlich in die Gemeinschaft ein, lernt mit Spannungen und Konflikten umzugehen, kann nachgeben ohne aufzugeben, erkennt mit dem Älterwerden immer deutlicher, dass Eltern nicht das Attribut der Vollkommenheit besitzen und demnach nicht immer alles richtig machen.

Das ermöglicht auch mit eigenen Begrenztheiten besser umgehen zu können. So erhalten Kinder die besten Voraussetzungen, sich zu liebenswürdigen Erwachsenen mit einem stabilen Ich entwickeln zu können. Es geht also um die Vermittlung eines „Ich pack das Leben an“-Faktors.

Eltern tragen die Kämpfe ihrer Kinder aus

Besonders die sogenannten Helikopter-Eltern verhindern eine Mut machende Lebensvorbereitung. Ständig sind sie mit ihrem: „Ich mach das schon für dich“, „das wird zu schwer sein“, „ wenn du nicht möchtest, dann brauchst du nicht“ zur Stelle. In den USA wird schon zwischen elterlichen „Rettungs-, Kampf- und Transport-Hubschraubern“ unterschieden.

Wer die Vergleiche mit diesen fast überall starten und landen könnenden Fluggeräten nicht mag, sollte trotzdem sein eigenes Verhalten kritisch überprüfen. Denn dass Eltern anstelle ihrer Kinder – ob am Sandkasten, in der Schule oder beim Nachwuchs-Fußballclub – in die Kampf-Arena steigen oder ihre Töchter und Söhne ständig herumchauffieren, um ihnen ein müheloses Leben zu ermöglichen, ist zur Normalität geworden.

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul, der als Verfechter einer entspannten Erziehung gilt, beschreibt in einem „Spiegel“-Interview die Folgen von Überbehütung so: „Verwahrlosung, Ignoranz und Desinteresse“, so argumentiert er, „richteten gar weniger Schaden in Kinderseelen an als jener Narzissmus, der den Nachwuchs glücklich und erfolgreich sehen will, um sich selbst als kompetent zu erleben.“

Kein Übungsfeld für spätere Konflikte

Wer Kindern ständig Hindernisse aus dem Weg räumt, ihnen Mühe und Schweiß, täglich notwendige Arbeiten oder Mitwirkungen ersparen will – selbst die Erfahrung von Trauer, etwa beim Tod der Großeltern – der führt diese gezielt in ein Terrain von Misslingen und Zukunftsangst. Solche Kinder wissen nichts über andere Menschen und nichts über sich selbst. Sie spüren nicht, was es heißt, traurig oder frustriert zu sein, kennen kein Mitgefühl, besitzen keine Herzenswärme, sind letztlich unter sozialen Aspekten lebensuntauglich.

Der Irrglaube, dass eine Ausgrenzung von kindgerechter Anstrengung und Mühe den Start ins eigenständige Leben erleichtern könne, verbreitet sich rasant. Aber wie können sich Kinder auf die Herausforderungen des Lebens als Erwachsene in Beruf, Familie und Freizeit vorbereiten, wenn ihnen das notwendige Einübungsfeld verwehrt wird, sie kaum Konsequenzen – ob positive oder auch negative – ihres Handelns erfahren?

Ohne Herausforderungen werden Kinder zu Nichtskönnern und Versagern

Der Lebensalltag verdeutlicht immer wieder neu: Wer Selbstverantwortung und Eigenständigkeit nicht erlernt, kann nicht in gutem Zusammenwirken mit anderen zielorientiert und erfolgreich handeln und wird kaum zu Selbstwirksamkeit und innerer Zufriedenheit gelangen. Insofern führt dieses allgegenwärtige Vorenthalten von altersgerechten Herausforderungen unsere Kinder gezielt zu Nichtkönnen und Versagen. Viele Probleme im Beruf und in der Partnerschaft haben dort ihren Ursprung.

Das erzieherische Unvermögen im Umgang mit unseren Kindern ist extrem steigerungsfähig. Hier zwei aktuelle Belege zu verwöhnten Kindern aus der Schweiz:
„Mami, gib mir Geld oder ich schlage dich.“ Das neuste Smartphone, die teuerste Tasche: Bekommen Kinder und Jugendliche nicht, was sie wollen, ticken sie aus.
„Verwöhnte Teenies kriegen keine Lehrstelle. Kritikunfähig, zart besaitet, zu wenig ehrgeizig: Viele Junge müssen ihre Lehre abbrechen, weil sie zu verwöhnt sind“, sagt Psychologe Henri Guttmann.

Dazu titelt „Die Welt“: „Die Schule geschafft, aber der Arbeitswelt nicht gewachsen. Seit Jahren sollen ‚unnötige Härten‘ vermieden werden: keine Grundregeln beim Schreiben, keine schriftlichen Prüfungen, kein Sitzenbleiben. Mit der wahren Arbeitswelt sind Jugendliche so überfordert.“
Wenn die im Auftrag des „Stern“ durchgeführte tiefenpsychologische Kinderstudie als Resultat formuliert: „Eltern, erzieht uns endlich wieder!“, und folgert: „Nicht Leistungsdruck überfordert unseren Nachwuchs, sondern Eltern, die ihren Job nicht richtig machen“, dann ist adäquates Handeln angesagt.

„Es geht um meine Kinder, da hat sich niemand einzumischen“

Dies ist jedoch leichter formuliert als umgesetzt. Denn eingefahrene Verhaltensmuster, wie eine zu starke Identifikation mit dem eigenen Nachwuchs, permanenten Zeitdruck empfinden, selbst keine Spannung oder Anstrengung aushalten und sich nicht wirklich auf das eigene Kind, mit seinen jeweiligen Bedürfnissen, einlassen zu wollen bzw. zu können, werden vielfältige Abwehrmechanismen aktivieren. „Schließlich geht es um meine Kinder, da hat sich niemand einzumischen“, ist der häufigste Verteidigungsversuch.

Ein tiefer gehender Blick macht deutlich, dass es meist nicht um die Kinder, sondern ums eigene Wollen und Wohlbefinden geht. Um die notwendigen Veränderungsschritte einzuleiten, ist eine kräftige Portion Selbst-Kritik und Umorientierungsbereitschaft notwendig. Hier die Mut machende Praxis-Konkretisierung einer Journalistin und dreifachen Mutter:

„Es ist ja nicht so, dass, bloß weil etwas stimmt, man es auch automatisch gerne gesagt bekommt. Bisher hatte ich immer gemütlich gedacht, dass es in Ordnung sei, wenn ich meine Kinder ab und zu verwöhne. Hier ein Eis außer der Reihe, da eine halbe Stunde länger Fernsehen. Wird schon nicht so schlimm sein, dachte ich, sofern ich überhaupt darüber nachdachte, bis ich Dr. Albert Wunsch anrief, den Erziehungswissenschaftler und Autor des Buches ,Die Verwöhnungsfalle‘.

„Verwöhnung macht asozial“

,Ist Verwöhnen denn immer schlecht?‘, frage ich und bin mir dabei noch keiner Gefahr bewusst. Zunächst täuscht mich der bezaubernde, rheinländische Singsang des Gelehrten über die Schonungslosigkeit seiner Aussagen hinweg: ,Verwöhnung macht asozial, lebensuntüchtig und einsam‘, sagt Wunsch und ich ziehe den Kopf ein. Zu spät. Volle Breitseite. ,Sie haben den Auftrag, Ihre Söhne in ein eigenständiges Leben zu führen und das ist nicht im Schongang erlernbar.

Stehlen Sie den Kindern ihre Probleme nicht! … Dadurch erziehen Sie sie zu unselbstständigen Menschen, die alles wollen, aber nichts geben und später in der ersten eigenständigen Wohnung erschrocken feststellen, dass der Mülleimer nicht von alleine leer, und der Kühlschrank nicht von alleine voll wird. Kinder brauchen Herausforderungen, um stark zu werden.‘“ Die „Brigitte“-Problemzonen-Kolumnistin ist aktiv in die Selbst-Auseinandersetzung eingestiegen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Adrian Sonder, Ilona Böhnke, Alina Papke.

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