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Verschlimmbesserungen

Die Blütezeit des Arabischen Frühlings ist vorbei. Die aktuelle Ruhe ist trügerisch: Die verbliebenen Regime stehen auf tönernen Füßen, die Gefahr der Re-Islamisierung bleibt hoch. Ein Narr, wer dabei optimistisch bleibt.

In Libyen haben die Aufständischen mit militärischer Unterstützung der NATO nach monatelangen Kämpfen das Regime von Gaddafi gestürzt. Im Gegensatz zum libyschen Volksaufstand herrschen in Ägypten und auch in Tunesien immer noch die Militärs. Diese haben durch die Beseitigung des jeweiligen Präsidenten lediglich die politische Visitenkarte ausgetauscht.

Es besteht nun die Möglichkeit, dass der libysche Aufstand auch für andere arabische Staaten Signalwirkung haben könnte. Bereits jetzt wird in zwei weiteren arabischen Staaten gegen das jeweilige Regime gekämpft. In Syrien ist es die sunnitische Mehrheit, die das Minderheitenregime der Alawiten und des Führers Assad stürzen will. Im Jemen kämpfen verschiedene Gruppen – Schiiten, ehemalige Marxisten aus Südjemen und Al-Qaida-Anhänger – gegen das herrschende Regime.

Die Ruhe trügt

In anderen arabischen Staaten herrscht noch Ruhe, allerdings eine trügerische. Sobald der Geldzufluss und damit die Subsidien nicht mehr an die Bevölkerung fließen, ist es denkbar, dass der libysche Aufstand in Saudi-Arabien zum Vorbild wird und die Streitkräfte das wahhabitische Königshaus stürzen. Sollte dieses fallen, werden auch der haschemitische König von Jordanien und seine Anhängerschaft weggefegt werden.

Welche weiteren Auswirkungen könnte der sich zunehmend durch Gewalt auszeichnende Arabische Frühling haben? Einen Umsturz in Saudi-Arabien werden die Ayatollahs und Mullahs des Irans für sich ausnützen. Nicht nur werden sie definitiv den Irak zu einem Satelliten degradieren, sie werden auch ihre geopolitische Stellung im Persischen Golf ausdehnen. Der Aufstieg des Irans zu einer wirklichen Regionalmacht wäre für die Weltmacht USA eine machtpolitische Herausforderung. Vorderhand können sich die USA für ihre Präsenz im Golf auf ihre Beziehungen zum wahhabitischen Königshaus stützen. Sollte dieses jedoch fallen, hätten die USA, deren geopolitische Stellung in der Welt bereits geschwächt ist, im Golf nur noch ihre Stützpunkte in Bahrain, Katar und Kuwait. Die Fortsetzung des Arabischen Frühlings im Persischen Golf dürfte auf Kosten der Machtstellung der USA gehen, was wiederum die Versorgung der Industriestaaten mit Erdöl und Erdgas einschränken würde. Zu den Verlierern würden neben den USA und Europa auch Japan und China gehören.

Re-Islamisierung ist eine reale Gefahr

Doch neben diesem Vorbildcharakter für Saudi-Arabien gibt es noch eine andere Entwicklung, die nicht unterschätzt werden darf: der Machtzuwachs der Salafiten, al-Qaida und damit extremer Islamisten in Ägypten und anderen arabischen Staaten. Deren Machtgewinn könnte zu einer Re-Islamisierung einiger bis dahin säkular beherrschter arabischer Staaten führen. Diese würde nicht nur eine Bedrohung für die vielen christlichen Minderheiten in diesen Staaten bedeuten, sondern die gesamte geopolitische Lage in Nordafrika und im Mittleren Osten verändern. So wäre insbesondere Israel davon betroffen. Das Land wäre plötzlich von einem Ring islamischer Republiken umgeben. Ein Übergang zu einem Kriegszustand in der Region wäre absehbar. Aber auch der Einfluss Europas würde eingeschränkt, was zum Zeitpunkt einer sich abzeichnenden Rezession der europäischen Volkswirtschaften gefährliche Folgen haben würde.

Sicher ist dieses Szenario das schlimmste aller denkbaren Entwicklungen für die arabische Welt, Israel und Europa. Ein Grund mehr, dieses ernst zu nehmen und sich davor zu wappnen.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Benjamin Koppe – 06.09.2011 - 12:57

    Früher war alles besser. Jedenfalls hatte man da noch Vertrauen in die freiheitliche Demokratie, die ja zur Zeit in den arabischen Ländern zur Gefahr Nr. 1 aufgestiegen zu sein scheint. Wir wir jetzt, so müssen sich die Fürsten im ausgehenden 18. Jhd. gefühlt haben, als Franzosen und Amerikaner sich die Freiheit erkämpften – auch nicht ganz gewaltlos.

  • Theeuropean-placeholder
    Hektor – 06.09.2011 - 13:02

    Sehr geehrter Herr Stahel,

    ich bin zugegebenermaßen kein Experte des Nahen Ostens oder des Islams. Daher bin ich bei zwei Punkten Ihres Artikel unschlüssig. Einerseits irritiert mich die Vorstellung, dass Saudi-Arabien kippen könnte. Wer hätte daran Interesse? Das Königshaus agiert zwar harsch, aber gibt es in dem Maße Unterdrückung wie es sie z.B. in Libyen gab? Und wäre ein Aufstand im Land der heiligen Stätten überhaupt denkbar, ohne dass die gesamte islamische Welt mit ihren unzähligen Konfessionen ins Wanken gerät?

    Zudem ist der Iran in Ihrem Artikel ein grundsolider Staat. Was macht Sie so sicher, dass nicht auch im Iran oppositionelle Kräfte noch einmal an Stärke gewinnen könnten? Weil sie schon einmal im Zaum gehalten wurden?

    Über eine Antwort von Ihnen persönlich freue mich.

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