Eine gute Idee ist überall einsetzbar. Michael Bloomberg

„Böses braucht eine Strategie"

Bin Laden war kein Hitler und Nazis haben nichts mit Terroristen zu tun. Alan Wolfe sprach mit Anna Polonyi über das Konzept des Bösen in der zeitgenössischen Politik.

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The European: Woher kommt Ihr Interesse am Konzept des „politischen Bösen“?
Wolfe: Ich bin einer der Menschen, die während des Vietnamkrieges politisch interessiert wurden und war damals gegen den Krieg sowie ein Teil der Protestbewegung. Mit fortschreitender Zeit, besonders nach den ethnischen Säuberungen und Genoziden in den 80er- und 90er-Jahren, wurde mir jedoch deutlich, dass wir im Westen verpflichtet sind, den Opfern böser Staatsführer zu helfen. Also änderte ich meine ursprüngliche Meinung. Nun hatte ich eine dritte Eingebung: Der Fokus, den viele von uns auf die Schutzverantwortung vor bösen Anführern gelegt haben, hat in vielen Fälle das Gegenteil bewirkt. Wir müssen wesentlich vorsichtiger mit dem Begriff des Bösen umgehen, wenn wir über Außenpolitik und Intervention sprechen.

The European: Das bringt uns zu der Frage, was das politische Böse eigentlich ist.
Wolfe: Warum Menschen furchtbare Dinge tun, ist stets eine faszinierende Frage. Das Böse als Thema hat schon immer die größten Denker der Welt beschäftigt – von der griechischen über die christliche Tradition, durch alle religiösen Traditionen und die Aufklärung. Wenn wir das Böse allerdings nur aus psychologischer Perspektive betrachten, so bleibt es ein Mysterium. Wenn wir von einer religiösen Sicht ausgehen, uns also fragen, wie eine allmächtige, allwissende Kraft dennoch Böses in der Welt erschuf, dann landen wir auch bei metaphysischen, theologischen Fragen, die wir nicht beantworten können. Ein Fokus auf das „politische Böse“, den Einsatz von Bösem für politische Ziele, erlaubt jedoch einen Ansatzpunkt. Wir können die politischen Absichten betrachten, welche Böses nach sich ziehen und diese Absichten bekämpfen. Handlungen sind leichter zu verändern als Menschen: Schlussendlich können wir die Natur des Menschen nicht verändern, jedoch sehr wohl den Schaden, den böse Menschen zum Erreichen von politischen Zielen verursachen.

The European: Wie erkennt man politisches Böse? Es gibt anscheinend eine Reihe von Definitionen …
Wolfe: Es wird in der Tat auf verschiedene Weise definiert, doch deswegen ist es wichtig, dabei stets auf universellen Konzepten von Menschenrecht und Menschenwürde zu beharren. Für mich entsteht politisches Böse, wenn die Anführer eines Landes oder einer Bewegung mit Staatesabsicht mörderische Taten gegen unschuldige Menschen anwenden, um strategische Ziele zu erreichen. In dem Sinne braucht das politische Böse eine Strategie, ein Ziel, welches erreicht werden soll. Es ist nicht einfach Gewalt, es ist der Einsatz von spontaner und wahlloser Gewalt gegenüber Unschuldigen, das Böses von Krieg trennt. Böses kann während eines Krieges entstehen, doch Krieg ist nicht per Definition böse, da er ein Kampf zwischen zwei Armeen ist und keine systematische Auslöschung Unschuldiger.

“Es gibt viel Böses auf der Welt”

The European: Gibt es einen Zusammenhang mit dem Bösen, das zum Aufstieg in einem politischen System gebraucht wird?
Wolfe: Es gibt viel Böses in der Welt, doch um es nachhaltig zu bekämpfen, müssen wir unsere Sichtweise einschränken. So gibt es Böses, das keinem politischen Ziel dient. Beispielsweise finde ich die Vertuschung des Kindesmissbrauches in der Kirche böse – doch es ist nicht politisch, sondern bürokratisch. Es gibt Menschen, die Abtreibung für böse halten, schlimmer noch als Genozid. Meine Position ist das nicht, aber es wäre eine Form von Bösem ohne politische Dimension.

The European: Der Politikwissenschaftler Hans Morgenthau betonte, dass die Moral in der Politik zwischen Staaten keinen Platz habe. Hilft uns der moralische Ansatz überhaupt weiter?
Wolfe: Eine Person, die diese Ansicht in den USA verkörpert, wuchs in Deutschland auf: Henry Kissinger. Ich bin damit allerdings definitiv nicht einverstanden. Sicher, Außenpolitiker müssen oft „Realisten“ sein und die Tradition der Realpolitik kann auch nicht ignoriert werden. Doch es ist an der Zeit, in der Diskussion darüber hinauszugehen, nicht nur Realpolitik einerseits und einen Woodrow-Wilson-artigen Zusammenschluss für Menschenrechte andererseits zu sehen. Seit der Gründung der Vereinten Nationen und der Verabschiedung internationaler Verträge für Menschenrechte gibt es tatsächlich eine Schutzverantwortung – sowie eine moralische Verpflichtung dazu. Die Frage ist, wie man es angeht: Osama bin Laden als Reinkarnation Hitlers zu beschimpfen oder den Terrorismus als neuste Verkörperung der faschistischen Bewegungen der 30er-Jahre abzutun, sind falsche Diagnosen.

“Wir sollten das Böse nicht durch eine ideologische Komponente aufladen”

The European: Viele Menschen sind Ideologien generell leid – ist das aufgrund des Bösen, was in ihrem Namen geschieht?
Wolfe: Manche halten den radikalen Islam oder den Zionismus für inhärent böse und beides sind in gewisser Weise Ideologien. Doch wenn wir das Böse einer Ideologie zuschreiben, dann sind wir auf dem Holzweg. Unser Ziel sollte es sein, das Böse nicht durch eine ideologische Komponente aufzuladen, sondern es an sich zu betrachten, um etwas dagegen unternehmen zu können.

The European: Was ist das effektivste Mittel dagegen?
Wolfe: Das Böse hat verschiedene Formen: Terrorismus, ethnische Säuberungen, Genozid und sogar Maßnahmen – wie Folter oder außerordentliche Auslieferung – mit denen gegen das Böse angekämpft wird. Jede Form verlangt nach einer anderen Antwort. Es muss uns klar werden, dass sie alle für politische Ziele verwendet werden – unsere Antwort auf Völkermord muss dennoch eine andere sein als auf ethnische Säuberungen. Eins der Probleme ist, dass wir sie oft vermischen.

The European: Was macht diese Kategorien wichtig – gibt es eine Hierarchie des Bösen?
Wolfe: Konzeptionell betrachtet steht der Genozid für das Auslöschen eines kompletten Volkes, ethnische Säuberungen jedoch für eine Verschiebung gewisser Volksgruppen an einen anderen Ort. In der Realität sind diese allerdings vermischt: Wenn man Menschen von ihrem Land zu zwingen versucht, so werden viele dabei getötet und es sieht nach Völkermord aus. Daher ist er verständlich, wenn Leute behaupten, sie seien ein und dasselbe. Ich denke jedoch, dass wir den Genozid als die schlimmste Form des politischen Bösen anerkennen sollten. Wenn Menschen nur aufgrund ihrer Volkszugehörigkeit oder Rasse ausgelöscht werden, dann ist es enorm wichtig klarzustellen, dass dies nicht tolerierbar ist. Ethnische Säuberungen sind moralisch jedoch wesentlich komplexer, zumal sie öfter stattfinden. Unter Hitler waren die Deutschen für den schlimmsten Völkermord aller Zeiten verantwortlich – den Holocaust – doch andererseits wurden Deutsche nach dem Krieg vertrieben, als die Ländergrenzen neu angepasst wurden. Die Vereinigten Staaten sind z.B. sehr effektiv im Kampf gegen Genozid. Doch viele Menschen würden das Vertreiben der amerikanischen Ureinwohner als ethnische Säuberung bezeichnen.

“Bin Laden war kein Hitler”

The European: Im Hinblick auf den Terrorismus, als Beispiel für politisches Böses, scheint der Kampf dagegen nur mäßig erfolgreich gewesen zu sein. Kommt das, weil wir versucht haben, den Terror mit noch mehr Terror zu bekämpfen?
Wolfe: Nach den Anschlägen vom 11. September verglich Präsident Bush die Anführer von al-Qaida mit den totalitären Anführern der 30er-Jahre, wie Hitler. Das war ein völlig verrückter Vergleich: Hitler hatte eine gigantische Armee und unter sich einen zentralisierten Staatsapparat. Terroristen fehlt der Staat, sie sind ein völlig anderes Phänomen. Beim Führen eines globalen Krieges gegen den Terror konnten wir nie die richtigen Ziele identifizieren. Als Obama Präsident wurde, verzichtete er auf diese Rhetorik und konzentrierte sich auf die Tötung von Osama bin Laden – erfolgreich, wie sich herausstellte. Israel ist auch das Opfer von Bösem: Hamas und die Hisbollah sind terroristische Vereinigungen, die regelmäßig auf brutalste Weise unschuldige Israelis töten. Doch die israelische Antwort, der Vergleich dieser Organisationen mit Faschisten und radikaler Palästinenser mit Nazis vermischt alle Kategorien und steht so im Weg für eine politische Stimmung im Nahen Osten, die den Terror reduzieren könnte. Präsident Patil ging damit nach den Terroranschlägen in Mumbai um, ebenso wie Zapatero nach den Angriffen in Madrid.

The European: Im Hinblick darauf, dass Böses zu mehr Bösem führt, sowie „Gut“ und „Böse“ fundamental zum menschlichen Wesen gehören, ist das politische Böse verhinderbar?
Wolfe: Ich denke nicht, dass ihre Zugehörigkeit zum menschlichen Wesen einen Unterschied macht. In meinem Buch setzte ich mich mit der Frage auseinander, ob wir alle eine inhärente Kapazität für Böses haben. Letztlich ist das allerdings egal: Denn nicht jeder hat die gleiche Kapazität für Politik. Es ist sind wirklich die politischen Fähigkeiten der Menschen, die politisch Böses verursachen, um die wir uns kümmern sollten. Wäre Osama bin Laden – den ich für einen wahrhaftig bösen Mann halte – kein brillanter politischer Takteur gewesen, dann wäre er zu keinem Problem für uns geworden. Es waren seine politischen Fähigkeiten, seine Fähigkeit, Menschen davon zu überzeugen, für seine Absichten sterben zu wollen, die uns Sorgen bereiteten. Nicht etwa, dass er psychologische Probleme hatte. Seine menschliche Natur ist mir egal – ich wünschte nur, wir hätten ihn eher gestoppt.

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