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Die katholische Kirche und die Aufklärung

Darum erregt der Papst meinen Zorn

Benedikt verleumdet die pluralistische Demokratie, deutet die Geschichte systematisch um und akzeptiert die Trennung von Religion und Naturwissenschaft nicht. Deshalb müssen wir die Würde des aufgeklärten Europäers gegen die Anmaßungen Roms verteidigen.

  • © gettyimages Benedikt XVI.
 

Benedikt XVI.

 

Die katholische Kirche und die Aufklärung

Datum: 2009-09-24

Ein Kollege ruft an. Er müsse mir die betrübliche Mitteilung machen, dass er meine Streitschrift gegen Papst Benedikt XVI. im Radio verreißen werde. Woher denn mein Hass gegen die Kirche komme, mein Zorn gegen diesen ehrenwerten alten Mann?

Was sollte ich dem Kollegen sagen? Ich habe ihm natürlich für den Verriss Absolution erteilt. Und erklärt: Ich habe keinen Hass auf die Kirche; wohl aber einen Zorn auf Benedikt XVI. Was meinen Zorn erregt, ist nicht sein Rollback innerhalb der Kirche. Was mich erzürnt, ist sein Angriff auf die moderne Gesellschaft. Benedikt verleumdet die pluralistische Demokratie als “Diktatur des Relativismus”.

Ich lebe in einer anderen Welt. Ich sehe überall um mich herum Menschen, die hart arbeiten, die sich oft genug gesellschaftlich oder politisch engagieren. Ich sehe eine Gesellschaft, die sich wie keine zuvor in der Geschichte um die Schwachen kümmert. Man frage einmal, wie es um die Moral in jenen Gesellschaften bestellt war, wo die katholische Kirche einst das Sagen hatte – in Francos Spanien, Salazars Portugal oder in James Joyces “priest-ridden” irischer Republik. Gemessen an der Bigotterie, die überall dort herrscht, wo diese Religion über Macht verfügt, sind die modernen, gottlosen Gesellschaften Europas geradezu Muster an Moralität.

Benedikt kann die Trennung von Naturwissenschaft und Religion nicht akzeptieren

Und was die “Diktatur des Relativismus” angeht: Wer eine solche Kritik erhebt, hat den Diskurscharakter der europäischen Zivilisation nicht begriffen. Doch Benedikt ist besessen von der Vorstellung, seiner Wahrheit zum Sieg zu verhelfen. So kann er die Trennung von Naturwissenschaft und Religion nicht akzeptieren, die beiden eine eigene Weise der Erkenntnis zuweist. Benedikt aber meint verkünden zu können, dass Darwins Theorie der Evolution falsch, die Pseudotheorie des “Intelligent Design” aber richtig sei.

Benedikt hat die einfache Lehre nicht beherzigt, die Galileo Galilei seinen Peinigern ins Stammbuch schrieb: Die Kirche solle nicht zu erklären versuchen, wie der Himmel beschaffen sei, sondern wie man in den Himmel komme. Folgerichtig hat dieser den Prozess gegen Galilei zu rechtfertigen versucht. Wer – wie ich – in der von Galilei neu begründeten empirischen Naturwissenschaft die überragende Leistung des Westens in den letzten 500 Jahren und den Schlüssel unseres Überlebens in den nächsten 500 Jahren erblickt, muss sich ans Herz fassen, wenn wieder aus dem Vatikan verkündet wird, was sein darf und was nicht.

Anmaßungen à la Vatikan

Von Johannes Paul II. hieß es, er wolle zwei Revolutionen rückgängig machen: die Russische und die Französische. Benedikts Pontifikat steht im Zeichen dieses unvollendeten Programms. Es geht ihm um nichts weniger als um die Rückkehr hinter die Aufklärung – ein Ziel, das er freimütig bekennt.

Zu diesem Zweck betreibt er eine systematische Umdeutung der Geschichte, in der Auschwitz als Vollendung der Aufklärung erscheint; und die Kirche – nicht die Juden – als das eigentlich gemeinte Opfer der Nazis. Im Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit sieht Benedikt den europäischen Sündenfall; allein durch Unterwerfung unter die Wahrheit der Kirche wäre Europa zu erlösen. Da sei Jürgen Habermas vor, möchte man sagen; aber seit der Philosoph des herrschaftsfreien Diskurses im Dialog mit Joseph Ratzinger versagt und der Kirche einen bevorrechteten Zugang zur Ethik eingeräumt hat, müssen wir die Würde des aufgeklärten Europäers gegen die Anmaßungen Roms selbst verteidigen.

 

von Alan Posener – 24.09.2009

 

Leserbriefe

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    von Boris Nawi – 16.04.2010 - 19:03

    Kirche muss Position beziehen und ihre Glaubensinhalte glaubwürdig darstellen und dies insbesondwere in einer stark von Medien geprägten Gesellschaft, in der alle nur denkbaren modern oder tradiditionell ausgerichteten Gruppen ihre gesellschaftspolitischen Interessen vertreten. Die Kirche ist auf das 2000 Jahre alte Evangelium verpflichtet und kann eben nicht beliebig jedem Zeitgeist hinter her laufen. Dies eben versucht Beneedikt XVI.

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