Nirgendwo sieht man so viele Menschen, die öffentlich in Trainingsanzügen rumschlurfen wie in Berlin. Thilo Sarrazin

Alles nichts

Wenn Dostojewski sagt, ohne Gott sei alles erlaubt, leugnet er selbigen. Wenn alles erlaubt ist, kann es keinen Gott geben und da in seinem Namen auch viel Grausames getan wird, darf es ihn auch nicht geben.

Dostojewskis Diktum, ohne Gott sei alles erlaubt, bedeutet eine Verurteilung der Religion und Leugnung Gottes. Wie das?

Zum einen zeigt die Beobachtung des Ist-Zustands unserer Erde, von deren Geschichte ganz zu schweigen, dass in der Tat alles erlaubt ist. Jedes denkbare Verbrechen wird ausgeführt. Jedes vorstellbare Leid gibt es tausend- und millionenfach. Gäbe es einen Gott, wäre so etwas „nicht erlaubt“. Die Menschen wären anders erschaffen, anders beschaffen. Die Ausrede, Gott habe ihnen den freien Willen gegeben, sich für das Böse zu entscheiden, ist theologisch armselig. Denn die Frage bleibt, warum Gott ihnen diesen Willen gegeben hat. Da „alles erlaubt ist“, kann es keinen Gott geben.

Gute Menschen tun böse Dinge wegen der Religion

Zum Zweiten zeigt das Verhalten der Gläubigen aller Zeiten, dass mit den Göttern alles erlaubt ist. Es bedarf nicht viel, einen bösen Menschen dazu zu bringen, Böses zu tun; um einen guten Menschen zum Bösen zu verleiten, bedarf es der Religion. Wenn also der Gott des Auserwählten ihm das Verbrechen erlaubt, sei es die Hexenverfolgung oder das Selbstmordattentat, die Vertuschung des Kindesmissbrauchs oder die Fatwa gegen den Apostaten, darf es Gott nicht geben.

Und zum Dritten wäre dieser Satz, sollte er zur Verteidigung der Religion gebraucht werden, das Eingeständnis, dass Gott eine Schöpfung des Menschen ist. Denn dann hieße es: Wir brauchen Gott, um Ordnung zu halten. Dann ist Gott da, damit nicht das erlaubt sei, was uns nicht passt: Mord, Vergewaltigung, Selbstmord, Revolution, Ungehorsam gegen die Eltern, Diebstahl, Prostitution, Ehebruch, Lug und Betrug, Drogen, Pornografie, Abtreibung, PID, Onanie, Schweinefleisch essen, Milchiges und Fleischiges vermischen, Zinsen nehmen, als Frau ohne Kopftuch herumlaufen und so weiter und so fort.

Wer Gott instrumentalisiert zur Begründung irdischer Ordnung, so wünschenswert sie sein mag, oder als Lückenbüßer für das noch nicht Erklärbare, so fundamental das Unwissen sein mag – der reduziert Gott, der macht ihn zum Instrument seines eigenen Bedürfnisses nach Ordnung und Erkenntnis. Bekanntlich ist dies der Vorwurf, den viele Jesuiten dem Theologen Joseph Ratzinger machen.

Weil es Gott gibt, ist alles erlaubt, sagt der Christ

Im Gegensatz zu Ratzinger hat Jesus von Nazareth die instrumentelle Falle erkannt. „Ist der Mensch für das Gesetz da, oder das Gesetz für den Menschen?“, fragt er. Sein Maßstab: der Mensch, nicht Gott. Paulus behauptete, mit seinem Tod am Kreuz habe Jesus den Preis für die Sünde vorweg bezahlt, womit dem „neuen Menschen“ alles erlaubt sei. Selbstverständlich finden sich im Neuen Testament Worte von Jesus und Paulus, die das genaue Gegenteil behaupten. Gerade das begründet die darwinistische Fitness des Buchs der Bücher. Aber dass man mit der Bibel alles beweisen kann, ist kein Grund, sich nicht darauf zu beziehen, besonders als Atheist. Denn die Bibel dokumentiert die Entwicklung Gottes von einem Wesen, der jedes Übertreten seiner Verbote persönlich ahndet, zu einem Wesen, das alles erlaubt und die Menschen in die Freiheit entlässt.

Der Christ wäre nach Paulus also einer, der sich für das Gute entscheiden kann, weil er sich nicht fragen muss, was die Strafe für das Böse wäre. So geht es dem Atheisten auch. Weil es Gott gibt, ist alles erlaubt, sagt der Christ. Weil es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt, sagt der Atheist. Lasst uns überlegen, was wir mit dieser Freiheit anfangen, könnten beide sagen, wenn die modernen Sadduzäer und Pharisäer nicht sagen würden: „Gott sei Dank, ich bin nicht so wie diese.“

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    hoppladihopp – 21.04.2011 - 09:45

    Henryk Broder hatte – wenn auch mit der ihm eigenen Derbheit – wohl doch recht, als er Herrn Posener attestierte, dass dieser einfach nur “Bull-shit” von sich gebe. Das gilt vor allem dann, wenn sich Posener zu Fragen der Religion äußert.

    Hier nur ein Beipsiel unter vielen:

    “Die Ausrede, Gott habe ihnen den freien Willen gegeben, sich für das Böse zu entscheiden, ist theologisch armselig. Denn die Frage bleibt, warum Gott ihnen diesen Willen gegeben hat. Da „alles erlaubt ist“, kann es keinen Gott geben.”

    Hätte sich unser Autor nur ein wenig mit Theologie beschäftigt, so könnte er nicht allen Ernstes derartige Sätze schreiben. Dass Gott den Menschen als freies Wesen erschaffen hat, ist eine der stärksten Topoi der christlichen Anthroplogie: Der Mensch als Ebenbild Gottes soll frei, in personaler Verantwortung ja sagen können zu dem Guten, ja zu Gott. Könnte der Mensch nur die Wahl treffen, das Gute zu lieben und das Gute zu tun, dann gäbe es weniger Leid auf der Welt, aber der Preis dafür wäre hoch: Es gäbe dann nämlich kein Wesen, dass in freier Verantwortung das Gute tun könnte. Damit wäre aber auch der Begriff des Guten entleert, da dieser immer eine personale Entscheidung voraussetzt. Es liegt in der Natur der personalen Entscheidung, dass die Freiheit auch den Weg zum Bösen hin einschlagen kann.

    Gott aber, der ein Gegenüber seiner Freiheit wollte, musste also das Risiko des freien Menschen eingehen; Roboter zu bauen, ist uns Sterblichen überlassen.

    Wie Posener noch eines oben drauf setzen kann, indem er aus der Freiheit ableitet, dass es keinen Gott geben kann, bleibt in den unergründlichen Windungen seiner Gedanken verborgen. Gerade die Personalität ist eine selbstevidente Erfahrung, die auch jenseits aller Religion nach übermaterialistischer Wahrheit fragen lässt.

    So möchte man dem Verteter der Springer-Presse zurufen: Alain, auch wenn Ostern vor der Tür steht – anstatt zu versuchen, aufsteigende religiöse Anwandlungen mittels pseudointellektueller Kritik zu widerlegen, geh doch ieber raus, genieß das schöne Wetter und vereinige dich mit der “großen Mutter” Natur …

  • Theeuropean-placeholder
    Wolfgang Broschhe – 21.04.2011 - 21:38

    @hoppladihopp

    Ihre Beiträge sind Zeugnisse jener Armseligkeit, von der Alan Posener spricht.
    Von der Freiheit der Christenmenschen zu faseln, ist eine der größten Vernebelungstaktiken dieser schäbigen Religion.
    Allein die Vorstellung, zwischen Gut und Böse wählen zu können (oder letztendlich doch zu müssen), ist kleingeistig. Gut und Böse sind nicht bloß niederträchtige, sondern auch abscheulich dumme Kategorien. Es gibt kein Gut und Böse ohne Definition.
    (Und die Definition triffen natürlich der Papst und seine verbrecherische Kardinalsclique im Vatikan, ganz so wie es ihnen beliebt und ihrer Kirche nützt! – Nur deshalb hat es Hexenverfolgung, Kreuzzüge und Kiderfickereien gegeben!!!)
    Und zweitens: was ist das für eine Wahl, die der Christengott den Menschen überläßt – das ist keine Wahl, sofern ein für alle Mal Gut und Böse festgelegt sind; das Christentum zwingt den Menschen auch nicht zwischen Gut und Böse zu wählen, sondern zwischen einem Leben mit oder ohne Gott.
    Was ist das für ein armseliger Gott, der immerwährende Anbetung braucht, Eunuchen für sein Himmelreich, fastende oder sich anderweitig kasteiende Menschen – was ist das für ein Gott, der in größtmöglicher Eitelkeit und in Besoffenheit seiner Allmacht seinen eigenen Sohn ermorden läßt, um damit seine Anhänger ebenso besoffen zu machen, nur damit sie nicht merken, daß ihr Gott ein Mörder ist, der seinen Gläubigen auch noch das Fleisch und Blut seines Sohnes für Kannibalismus und Vampirismus zur Verfügung stellt.
    Nein, es gibt Gut und Böse nicht – diese Dichotomie ist schon immer hinfällig gewesen – und im Falle des ermordeten Gottessohnes extrem paradox: wir sollen also einen Kindesmord als Wohltat für die Menschheit annehmen?!
    Meine Herren, ist das schäbig und sind die Menschen, wie Sie, die uns soetwas weismachen wollen, schäbig und niederträchtig!
    Es ist in der Tat alles erlaubt: und deshalb müssen wir uns im Namen der Menschen immer wieder zusammenfinden, um die Bedingungen des Zusammenlebens auszuhandeln, ohne transzendente Begriffe von Gut und Böse.
    Ihre billige jesuitische Kasuistik zieht nicht mehr!

  • Theeuropean-placeholder
    EJ – 22.04.2011 - 13:25

    Die Kritik des Komentators hoppladihopp ist insofern berechtigt, als Alan Posener die im engeren Sinne, die avancierte theologische Tradition des Christentums in vieler Beziehung (weit) unterschätzt. Insofern er die volkskrichliche, die (mindetens in der katholischen Kirche) nur wenig argumentierende, eher nur appellative “Predigt-Theologie” der Verkündigung und Seelsorge (auch und vor allem des Papstes) meint, liegt er aber wohl durchaus richtig.

    Wenn Alan Posener sich durchringen könnte, zwischen dem einen und dem anderen zu unterscheiden (was allerdings einen gewissen Mehraufwand bedeuten würde), würden seine einschlägigen Arbeiten erheblich gewinnen – vor allem dadurch, dass sie in dem Bereich, um den es geht, aller Voraussicht nach, auf weniger radikale Ablehnung bzw. mehr Diskussionsbereitschaft stoßen würden.

  • Theeuropean-placeholder
    thogorst@gmx.de – 21.04.2011 - 09:56

    - Nachtrag -

    In einem jedoch ist – trotz aller Kritik im Einzlnen – Herrn Posener da recht zu geben, wo er sich eindeutig gegen jede Instrumentalisierung – egal ob zum Guten oder Bösen – ausspricht:

    “Wer Gott instrumentalisiert zur Begründung irdischer Ordnung, so wünschenswert sie sein mag, oder als Lückenbüßer für das noch nicht Erklärbare, so fundamental das Unwissen sein mag – der reduziert Gott, der macht ihn zum Instrument seines eigenen Bedürfnisses nach Ordnung und Erkenntnis.”

    Dem ist nichts hinzuzufügen!

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    Rolf Kohl – 21.04.2011 - 13:11

    @hoppladihopp
    Ich finde es immer noch erstaunlich, das der Mensch, so wie wir ihn Heute kennen, nach der Ansicht von Kirche und Theologen keine Vorfahren gehabt haben soll. Der war mal einfach so schwupps da, weil Gott es so wollte. Religionen, egal welche, dienten am Anfang nur dem Zweck den Tot erträglicher zu machen bzw ihn zu erklären. Jeder Neanderthalerstamm hatte schon seinen Gott, dem in Ritualen gehuldigt wurde. Erst als so etwas wie Völker enstanden erkannten einige das man mit Religion den Menschen lenken konnte. Dadurch entstand eine Vielzahl von Göttern, die für verschiedene Bereiche des Lebens zuständig waren.Der Visionär Jesus erkannte das auch und zur Untermauerung seiner Thesen gab er sich eine göttliche Abstammung, eine Legetimation. Wie andere Religionen auch, und darin ist der Zulauf ergründet, verspricht er das ewige Leben.Denn die Urangst des Menschen ist nun mal der endgültige Tod. Wäre dieses Versprechen nicht, müsste man Jesus als das bezeichnen was er eigentlich nur war, der die die ersten sozialen Gedanken gepredigt hat.

  • Theeuropean-placeholder
    hoppladihopp – 21.04.2011 - 14:32

    @ Herr Rolf Kohl

    “dass” in Konsekutivsätzen wird mit Doppel-s geschrieben,

    es heißt Legitimation, nicht Legetimation,

    “tot” kann man sein, Sie aber wollten doch das Substantiv verwenden, also dann bitte “Tod” …

    So könnte ich noch fortfahren – Mensch, Herr Kohl, bevor Sie sich zu so komlipzierten Themen wie Religion und Metaphysik äußern, bringen Sie doch erst mal Ordnung in Orthographie und Interpunktion.

    Klarheit des Inhalts setzt nämlich Klarheit der Form voraus!

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    Rolf Kohl – 21.04.2011 - 15:50

    @hoppladihopp
    Wenn die Argumente fehlen muss eben die Othoraphie und Interpunktion Gott erklären und wenn das auch nicht hilft mimt man den Allwissenden.

  • Theeuropean-placeholder
    hoppladihopp – 21.04.2011 - 17:06

    @ Herr Rolf Kohl

    Lassen Sie uns doch von dieser aggressiven Diktion wegkommen. Ich wollte Sie mit meinem Ratschlag nicht verletzen, wenngleich Ihre emotionaliserte Reaktion darauf hinweist, dass ich gerade das getan zu haben scheine. Entschuldigen Sie, bitte.

    Selbst Herr Posener, um dessen Thesen wir in diesem Blog ja streiten, lässt sich Kritik und Gegenrede gefallen, und wehrt sich, wo er es als notwendig erachtet. Das dürfen sie, das darf ich, dass dürfen wir alle. So wollte auch ich auf Ihren Beitrag einen kritischen Focus lenken, nicht inhaltlich, sondern vorthematisch.

    Nein, mein Exkurs auf Orthographie und Interpunktion sollte ohne Polemik wirken. Doch meine Erfahrung mit sogenannten Religionskritikern ist die, dass Sie Ihre Meinungen allzu oft nicht durchdenken. Täten Sie das, würden sich viele ihrer Thesen (oder vielleicht sogar dahinter stehende Lebensprobleme?) von selbst lösen. Daher meine Bitte an alle Blogger: Erst Zeit und Kraft in die Gedankenführung investieren, diese dann in die angebrachte Form bringen und dann die Tastatur bemühen. sonst ist es am Ende wirklich so, dass “alle Blöden bloggen”.

    Ich selbst möchte aufgrund dieser Erfahrung jetzt auch wieder aus dem Bloggerleben aussteigen. Denn dort, wo Ortographie als “Othorapie” geschrieben wird, fühle ich mich ästhetisch nicht beheimatet.

    Nein, da sage ich “Ciao, ihr Blogs”, wir haben Differenzen in Sachen des guten Geschmacks.

    Übrigens, Herr Posener, Sie als aktiver Online-Publizist solten mal einen Artikel über die Welt der Kommentatoren schreiben, über Niveau und Anstandsfragen innerhalb der diskutierenden Communities. Da können Sie sicherlich ebenso pointenreich formulieren wie auf dem Feld der religiösen Fragen. Diesen Artikel werde ich dann auch mal wieder online lesen …

  • Theeuropean-placeholder
    wolfgang brosche – 21.04.2011 - 21:48

    Ach ja… Dann immer wieder dieses Aufjaulen über Christenverfolgung durch Religionskritik.
    Das Christentum ist nicht weniger schäbig als jede andere Religion!
    Und dann noch das ständige Beharren auf den Feinheiten der Theologie und der theologischen Ungebildetheit der Religionskritiker…
    Es gehört zu den feinsinnigen Gerissenheiten besonders der Christen, ihre Gegner in theologische Diskussionen zu verstricken – 2000 Jahre wurde da ein Gespinst von Unsinn und Perfidie entwickelt, das durch den Anspruch auf Mystik und Spiritualität und den Verweis auf “Gottes Wort” sich selbst als unantastbar gerierte. Noch heute katzbuckelt die Gesellschaft, katzbuckelt die politische Klasse (inzwischen ja auch die Linken) vor den Verkündern dieses “himmelschreienden” Unsinns.
    Nein, im 21. Jahrhundert vor Religioten und ihren frechen Märchen zurückzuweichen, ist ein Fehler.
    Religion hat Jahrtausende lang alles vergiftet – es muß vor allem der katholischen Kirche und ihrer Wühlarbeit in den demokratischen Staaten ein Riegel vorgeschoben werden.
    Antisemitismus, Schwulenhaß, Rassismus, Frauenverachtung – alles Erfindungen der katholischen Kirche – und mit ein paar Märchen über Liebe und Erlösung streut sie uns noch heute Sand in die Augen. Und Leute wie Sie gehören zu den Sandmännern!

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