Was ist das für ein Ding, die deutsche Leitkultur? Handelt es sich um eine Kultur, die Deutsche quasi von Geburt an haben und die andere leiten soll? Oder handelt es sich um eine zu erlernende Kultur, die auch Deutsche leiten sollte? Wie wäre sie zu definieren? Wer bestimmt, was zu dieser Kultur gehört? Und, wenn wir schon beim Fragen sind: Wie kann Kultur überhaupt "leiten“? Und wohin?
Nutzlose Begrifflichkeiten
Nun haben die Kanzlerin und ihr Präsident den Begriff mit Inhalt gefüllt, und man muss ihnen dankbar sein, denn ab sofort ist er endgültig nicht mehr zu gebrauchen. Die "Leitkultur“ dieses Landes ist nunmehr ausweislich seiner höchsten Repräsentanten “christlich-jüdisch”. Man möchte erwidern: Das glaube ich, wenn das Laubhüttenfest ein offizieller Feiertag ist und die Geschäfte am Samstag geschlossen bleiben. Aber Spaß beiseite: Beginnend mit Bassam Tibis Aufforderung an den Islam, die "europäische Leitkultur“ – also die Leitlinien der Aufklärung – zu übernehmen und auf diese Weise zum aufgeklärten, demokratiekompatiblen "Euro-Islam“ zu werden, sind wir nun angelangt bei der Leitkultur als Kampfbegriff gegen den Islam – und gegen die Aufklärung.
Dass unsere europäische Kultur vom Christentum geprägt ist – wer wollte das leugnen? Das stimmt im Guten wie im Bösen, etwa im Erbe des Antisemitismus. Vom Judentum ist unsere Kultur hingegen, auch wegen jenes christlichen Antisemitismus, aber auch wegen der jüdischen Vorliebe für ihre eigene Parallelgesellschaft, überhaupt nicht geprägt, und wer von einer christlich-jüdischen Leitkultur schwafelt, beschämt sich und beleidigt andere. Als die Kölner etwa nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Stadt neu aufbauten: Dachten sie etwa daran, dort, wo die vom antisemitischen Mob abgefackelte Altstadtsynagoge stand, eine neue aufzubauen – oder wenigstens den Platz leer zu lassen und nach ihr zu benennen? Ach wo. Sie bauten dort, wo schon die Nazis "Kultgebäude“ errichten wollten, ihre neue Oper und hörten dort ihren Wagner. "Christliche Leitkultur“, das könnte man noch akzeptieren als Beschreibung für den Zustand Westdeutschlands unter Konrad Adenauer, und wie das konkret aussah, hat Heinrich Böll gut beschrieben. Aber "christlich-jüdisch“? Schmarren.
Die antireligiöse Moderne
Genauso stark wie vom Christentum ist unsere Kultur – vielleicht nicht auf dem Dorf bei Mainz, wo Sie herkommen, Herr Görlach, aber in der ehemaligen Revolutionsstadt Mainz gewiss, ebenso wie in Frankfurt am Main und an der Oder – vom Kampf gegen die Religion geprägt. Von Luthers Kampf gegen Rom wollen wir hier noch gar nicht reden, obwohl mit seinem "Hier stehe ich …“ alles anfängt, wohl aber von der Renaissance und der Aufklärung, von den Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts, vom Liberalismus und von der Arbeiterbewegung. Und im 20. Jahrhundert von der, jetzt in der Tat stark jüdisch geprägten, Explosion der areligiösen, oft antireligiösen Moderne.
Die Union mag ihre Leitkultur (was das auch immer sein mag) als "christlich-jüdisch“ bezeichnen. Das ist dann bloß verlogen und bedeutet, dass ein Ehebrecher wie Seehofer ggf. die "Kultur der christlichen Barmherzigkeit“ heranzieht, um nicht zurücktreten zu müssen. Aber weder die Kanzlerin noch ihr Präsident haben das Recht, dem Land eine andere Leitkultur als das Grundgesetz zu verpassen. Darauf hat Christian Lindner verwiesen, und dafür muss man ihm dankbar sein. Auch Sie müssten ihm dankbar sein, Herr Görlach, denn das Reich Christi ist, wie Sie wissen, "nicht von dieser Welt“, und nicht einmal Ihre Kirche kann ohne Weiteres von sich behaupten, eine "christliche Leitkultur“ zu besitzen.
Leserbriefe
- 1
- 2





















Zunächst einmal kann ich Herrn Posener, in seiner Analyse des Begriffs “christlich-jüdisch” nur Recht geben. Seit wann bestreitet der, der nur “christlich” sagt, die offensichtlichen jüdischen Elemente des Christentums, auch wenn diese im Laufe der Geschichte stark an Bedeutung verloren haben? Dagegen so zu tun, als hätte das Judentum einen gleichberechtigten Einfluss auf unsere Kultur gehabt, ist heuchlerisch und geschmacklos. Die verfolgten Juden früherer Jahrhunderte hätte es jedenfalls sehr interessiert zu hören, dass sie ja eigentlich in einer “christlich-jüdischen” Kultur leben. Wie es geschehen konnte, dass dieser Begriff, der bereits von den Nazis propagiert wurde, damals aber um das Christentum zu diskreditieren, heute plötzlich zum politisch korrekten Vokabular gehört, ist mir ein Rätsel.
Wo ich Herrn Posener nicht folgen kann ist bei seiner Berufung auf das Grundgesetz. Bereits die Präambel spricht von unserer “Verantwortung vor Gott und den Menschen”. Damit ist zumindest bestimmt nicht Wotan gemeint. Und wenn der christliche und der muslimische Gott derselbe sind, dann ist Gott schizophren.
Im Gegensatz z.B. zu Frankreich leben wir nämlich nicht in einem laizistischen Staat. Bei uns ist Religion eben nicht nur Privatsache, sondern auch eine öffentliche Angelegenheit, die aber dem Staat entzogen ist. Daher gibt es bei uns z.B. auch einen Religionsunterricht an staatlichen Schulen, da unsere Verfassung die religiöse Erziehung für nützlich und gesellschaftlich vorteilhaft hält. Die Verfassungen einzelner Bundesländer wie Bayern oder Baden-Württemberg billigen außerdem den “christlich-abendländischen Bildungs- und Kulturwerten” eine bevorzugte Stellung zu.
Das ist der entscheidende Punkt. Herr Posener verwechselt christliche Religion mit christlicher Kultur. Drei eng miteinander verwobene Kulturen waren für unsere Kultur entscheidend: Die griechische, die römische und die christliche (garantiert nicht die ägyptische, Herr Lindner). Daraus resultiert alles andere, wie Humanismus, Aufklärung oder andere spätere Geistesströmumungen, die außerhab Europas ursprünglich in dieser Form unbekannt waren. Das kann man nun nennen wie man will, Fakt ist aber, dass das insgesamt die Kultur ist, die uns ausmacht und an die sich Zuwanderer zumindest zu “leiten” haben.
Ein “Verfassungspatriotismus”, den sich manche unserer Habermas-fixierten “Intellektuellen” wünschen, holt aber keinen Deutschen hinterm Ofen hervor. Das Problem ist, dass Deutschland im Gegensatz zu fast allen andern europäischen Ländern kein übergeordnetes Selbstbild von sich als Staat mehr besitzt und das nicht erst seit 65 Jahren, sondern seit mindestens 200. Frankreich z.B. hat kein Problem damit, alle paar Jahrzehnte eine neue Republik auszurufen, denn über dem steht seit Jahrhunderten Frankreich als Idee. Das bewahrt es zwar auch nicht vor Problemen mit Immigranten, aber dafür vor verkorksten Leitkulturdebatten. Denn die gibt es tatsächlich nur in Deutschland…
Im Gegensatz zu ihnen Herr Posener, bin ich nicht dankbar dafür, dass der Gedanke der “Leitkultur” aufgrund der absurden Definitionen dieser durch christliche Politiker generell als unbrauchbar oder gar gefährlich angesehen wird.
Wie Thea Dorn bei Maybrit Illner vor einigen Monaten sagte: Für eine erfolgreiche Integration reicht es nicht aus, Menschen ein Grundgesetz in die Hand zu drücken und ihnen zu sagen, dass sie sich daran halten sollen. Das geht an der Lebenswirklichkeit in Deutschland (und Europa) doch völlig vorbei. Doch über genau dieses “Unsere Leitkultur ist unser Grundgesetz” gehen nunmal fast alle Politiker, die sich explizit nicht an der “jüdisch-christlichen Leitkultur” orientieren nicht hinaus. Das halte ich für unverantwortlich, denn die Konsequenz ist doch klar: Die absurde Vorstellung einer christlichen Leitkultur wird zu einer weiteren religiösen Polarisierung in unserem Land führen, deren langfristiges Konfliktpotential ich mir nicht ausmalen mag. Aber der Vorstoß von Herr Lindner und einiger säkularer Sozialdemokraten ist da schonmal ein Hoffnungsschimmer. Säkular orientierte Politiker sollten und dürfen sich nicht damit zufrieden geben, negativ zu definieren, für was sie nicht stehen, sondern sollten auch positiv definieren, welche gesamtgesellschaftlichen Alternativen es zur religiösen Gesellschaftsmodellen gibt. Und genau hier ist der Begriff der “Leitkultur”, wenn richtig definiert, sehr angebracht!
„…Aber weder die Kanzlerin noch ihr Präsident haben das Recht, dem Land eine andere Leitkultur als das Grundgesetz zu verpassen. Darauf hat Christian Lindner verwiesen, und dafür muss man ihm dankbar sein. Auch Sie müssten ihm dankbar sein, Herr Görlach, denn das Reich Christi ist, wie Sie wissen, "nicht von dieser Welt“, und nicht einmal Ihre Kirche kann ohne Weiteres von sich behaupten, eine "christliche Leitkultur“ zu besitzen…“
Zustimmung, Herr Posener!
Lindner for (FDP)-President !
@ von uniquolol
Ja Lindner for President aber nicht als FDP Kandidat. FDP ist nicht vertrauenswürdig und nicht zuverlaessig(s. Steuerversprechen und Debatte)
LEITKULTUR!
Wie gross müssen doch unsere Minderwertigkeitskomplexe sein wenn wir die Deutsche Leitkultur in Religionen suchen. Dabei haben wir doch mehr vorzuweisen als Christen und Judentum.Es müsste uns doch stolz machen das Göthe und Schiller an fast allen Universitäten der Welt gelesen werden. Das Musik von Bach und Wagner überall auf der Welt gespielt wird. Karl Benz, Adam Opel Pioniere im Autobau waren.Marx ein grosser Denker war, was in Vergessenheit geraten ist.In Physik und Naturwissenschaften waren wir mal führend, ebenso in der Medizin und Forschung ( BASF ). Der erste Düsenjet war von Henkel,einem Deutschen, der erste Helikopter wurde auch in Deutschland entwickelt. Ohne den Vorsprung Deutschlands in der Raketentechnik wäre die erste Mondlandung erst Jahre später erfolgt. Die Reihe liese sich endlos vortsetzen.Und wir suchen nach unserer Leitkultur?? Sicher, das unternehmerische Denken ( Vorreiter zu sein ) haben unsere Unternehmer verloren.Es ist ja einfacher sich alles subventionieren zu lassen.Deutschland war( leider ) mal das fortschrittlichste Land Europas, allem neuen aufgeschlossen. Heute verdrängen wir, das wir der Welt nicht nur 2 Kriege, sondern auch Vortschritt und zivilisation gebracht haben.Diesen Verdienst schenken wir Demokratien, die keine sind und uns zu abhängigen Handlangern und Jasagern gemacht haben.Wie schön das wir da noch das Christentum haben, auf das wir uns berufen können.
Sehr geehrter Herr Kohl,
kommen Sie von der Kaderschmiede der kommunistischen Partei?
Wie können Sie Marx für einen großen Deutschen halten?
Er war Totalitarist, ein Menschenfeind, weil den Kollektivismus befürwortend und ein charakterlicher Lump – lesen Sie mal dessen biografische Details. Ein intriganter Mann und Ehebrecher. So was gefällt Ihnen wohl…?
@neongolden.
Sie sollten Marx mal lesen um zu sehen wie er von Lenin,Mao und anderen komunistischen Diktatoren missbraucht wurde.