Zwei Dinge scheinen mir an Thilo Sarrazin bemerkenswert: sein Philosemitismus und sein Kollektivismus. Ich bin mir nicht sicher, was ich schlimmer finde.
Beginnen wir mit seinem Philosemitismus, der mit der Feststellung beginnt, die osteuropäischen Juden seien – das habe die “deutsch-jüdische Intelligenzforschung” vor dem Zweiten Weltkrieg bewiesen – als Gruppe infolge des “Selektionsdrucks”, der sie aus allen Berufen außer den geistigen verdrängt habe, intelligenter gewesen als die Deutschen. Deshalb sei die ostjüdische Zuwanderung für Deutschland segensreich gewesen, was man daran sehen könne, dass die Juden bald den ganzen Berliner Bankensektor dominiert hätten, während die Türken bis heute nur “für den Gemüsehandel eine produktive Rolle” spielten.
Sarrazin plappert nach
Erstens ist die Behauptung der überlegenen Intelligenz der Ostjuden, offenbar ein Volk von Rabbis und Geldwechslern, ein Märchen. 1927 schrieb Joseph Roth in “Juden auf Wanderschaft”: “Man kennt im Westen den Typus des ostjüdischen Landmenschen überhaupt nicht. Er kommt nie nach dem Westen. Er ist mit seiner ‘Scholle’ so verwachsen wie der Bauer … Er hat nie etwas gelernt. Er kann oft kaum lesen und schreiben …” Roth beschreibt auch ostjüdische Handwerker und Proletarier. So viel zu Sarrazins sozialdarwinistischem “Selektionsdruck”, der aus Juden lauter künftige Gelehrte und Banker machte.
Zweitens ist die Behauptung der überlegenen Intelligenz der Juden, weit davon entfernt, einen Menschen als Antirassisten auszuweisen, ein uraltes Argument der Antisemiten. Ja, die Juden sind schlau, schlau, sagen die Antisemiten. Aber es fehlt ihnen das Herz. Deshalb unterbieten sie die ehrlichen arischen Händler, deshalb saugen sie als Banker das gutgläubige arische Volk aus, deshalb verfassen sie klügelnde Schriften über die Gleichwertigkeit aller Menschen, die dazu führen, dass durch Rassenmischmasch die “Wirtsvölker” noch mehr verdummen, um so besser von den intelligenten Juden ausgebeutet werden zu können. Sarrazin plappert nach, was er – wo? Man möchte es nicht so genau wissen – aufgeschnappt hat.
Drittens muss Sarrazins kostenloser Philosemitismus – es kostet heute nichts, die Ostjuden nachträglich toll zu finden, nachdem die Elterngeneration sie alle umgebracht hat – in Verbindung mit seiner Islamophobie dazu führen, dass unter den von ihm Angegriffenen die antisemitischen Parolen radikaler Hassprediger eher verfangen. Wenn Sarrazin den Juden schaden wollte, könnte er es nicht besser anstellen als durch Ausspielen der “intelligenten” Juden gegen die doofen Muslime.
Die Politik darf keine Nützlichkeitsdebatte führen
Was Sarrazins Kollektivismus betrifft, so beruht er auf der Vorstellung, dass das Allgemeinwohl wichtiger sei als das Glück des Individuums. Darum sei es zulässig, den “Nutzen” einer Gruppe festzustellen und gegebenenfalls diese Gruppe zu eliminieren. (Sarrazin will einen Stopp der Zuwanderung, die jetzige Migrantenbevölkerung soll sich dann biologisch “auswachsen”.) Man muss diese Kosten-Nutzen-Argumentation nur anwenden auf, sagen wir, Geisteskranke, HIV-Infizierte, Frührentner, Mönche – oder Banker –, um zu sehen, wie unhaltbar sie ist. Sowohl die christliche Moral als auch der vornehmste Philosoph der Aufklärung, Immanuel Kant, gehen davon aus, dass der Einzelne nie Mittel zum Zweck, sondern Zweck an sich ist. Darum darf die Frage der Politik nicht sein: Was nützt dieser Mensch dem Staat? Sondern: Wie kann der Staat ihm nützen? Sarrazin verneint die Grundlagen unserer Moral.
Und deshalb finde ich – Ergebnis der Verfertigung der Gedanken beim Schreiben – Sarrazins Kollektivismus noch schlimmer als seinen Philosemitismus. Gerade mal.



















Herr Posener, Philosemitismus? Bei allem Guten Willen den Sie zeigen, und bei aller Rechtschaffenheit die Ihre Mahnung, gegen jegliche Pauschale Wesenszuschreibung von Ethnien vorzugehen verdient, scheint es mir alles andere als hilfreich zu sein, die Lehren aus der Shoah so sehr dabei in den Mittelpunkt zu stellen. Es ist nun einmal so dass dieses fürchterliche, traurige Kapitel Deutscher, und Jüdischer Geschichte und die Unerträglichkeit der Idee des Anti-Semitismus nur zur Paralyse führt wenn man sich mit heutigen Inter-Kulturellen Konflikten auseinandersetzen will.
Sarrazin provoziert und beleidigt auch in seinen Verallgemeinerungen und Zuspitzungen, aber der Kern der von ihm zum Teil polemisch formulierten Thematik bleibt, und muss gelöst werden. Ein hervorragend sachlicher Kommentar der die Problematik umfassender beschreibt, findet sich hier:
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,714082,00.html
Mir ging es doch gar nicht um die Shoah und die Lehren daraus. Lesen Sie doch den Beitrag. Da geht es gar nicht um Nazis. Oder glauben Sie etwa, nur die Nazis seien Antisemiten gewesen? Mir geht es um einen von Sarrazin zur Schau gestellten Philosemitismus, der keiner ist.
Sehr geehrter Herr Posener,
bei Ihren Videos und Artikeln fällt mir immer nur das englische Wort ein, welches ebenso ausgesprochen wird wie der deutsche Philosoph Kant.
Bleiben Sie in Treue fest bei Ihrer interkulturellen Gesinnung, mir würde sonst etwas fehlen.
mfg
Dass Sie mich “cunt” (Fotze) titulieren, sagt über Ihr kulturelles Niveau alles aus. Da lobe ich mir den türkischen Gemüsehändler.
vielleicht war can´t gemeint
Sehr geehrter Herr Posener,
sie sprechen, dass sich eine Gesellschaft keine Diskussion über den Nutzwert leisten dürfe. Das ist Unsinn. Immigration ist für die Gesellschaft, die sie ermöglicht in erster Linie ein Geschäft und es gibt keine Veranlassung Immigration ohne Nutzen zuzulassen. Profitiert haben von der Immigration zu einer bestimmten Zeit die großen Wirtschaftsbetriebe, die Integrationskosten haben sie aber sozialisiert. Wenn ein Immigrant mehr Geld dem Steuerzahler kostet als er an Steuern und Wertschöpfung beiträgt, dann machen wir ein Minusgeschäft. Dann wäre es ex-ante rational ihn daheim bleiben lassen.
Was seine Begeisterung für Juden betrifft, so kann man doch sehen, welche Schneisen eine rassistische Politik bei den deutschen Bildungs- und Kultureliten geschlagen hat. Wohlgemerkt, die Erfindung eines jüdischen Volkes ist sowieso kokolores. Es ging um die Entfernung von Funktionseliten aus der Gesellschaft, nämlich dem Aufstand des Pöbels gegen bürgerliche Eliten, die zufällig jüdischen Glaubens waren.
Das ist nämlich auch der wesentliche Unterschied, der Rassenhass grenzt Teile des Volkes aus aufgrund von bestimmten sozialen Kriterien. Immigranten sind dagegen gar nicht erst Teil des Volkes, sondern Fremde, wenn sie sich nicht integrieren, also Teil des Volkes werden. Der Rassismus von Immigranten ist ihr Unwillen zur Assimilation. Integration wäre nämlich ihre Pflicht, nicht die Pflicht der Gesellschaft.
Selten einen solchen Unsinn gelesen. Es waren ja die Eliten, die Hitler die Macht gaben – er “ergriff” sie ja nicht. Die Reichswehr. Teile der Industrie (Stinnes und Co.). Die Nationalkonservativen um Hindenburg, der ihn zum Reichskanzler ernannten, die Katholiken von der Zentrumspartei, die den Ermächtigungsgesetzen zustimmten und sich dann auflösten. Hitler führte nicht Krieg gegen eine Elite, die “zufällig jüdisch” war, sondern er rottete jeden aus, der Jude war, ob der nun zur Elite gehörte oder ein jüdischer Bettler in Lodz war. Vielleicht sollten Sie mal ein Buch über den Holocaust lesen, bevor Sie solchen Quatsch erzählen.
Eine Frage an Herrn Posener: Sie werfen Herrn Sarrazin Populismus und eine Verallgemeinerung zu Lasten der Immigranten an. Gleichzeitig diffamieren Sie Herrn Sarrazin aber auf das Übelste, wenn Sie ihn offensichtlich in die Nähe des “Stürmers” rücken und ihn so offen als Neonazi titulieren. Entspricht das Ihrer Logik? Ist das etwa die Umsetzung des demokratischen Denkens, dass Sie bei Herrn Sarrazin vermissen?
Überschriften und Teaser sind Verantwortung der Redaktion von The European.
Mit freundlichem Gruss,
Martin Eiermann
Der Titel “Der Stürmer” stammt nicht von mir. Ich bin auch nicht damit glücklich.
Auf Bitten von Herrn Posener ist der Titel geändert worden.
In Namen der Redaktion,
Martin Eiermann
Dann möchte ich mich hiermit bei Herrn Posener für den ungerechtfertigten Vorwurf entschuldigen.
Der Redaktion sollte allerdings klar sein, dass solche Titel der Diskussion nicht unbedingt zuträglich sind… Und ich hoffe, dass man sich in Redaktionskreisen nicht dauerhaft auf dieses Niveau hinunterlässt.