Die Leute denken ich sei eine Figur aus der Fernsehserie Die Simpsons. Stephen Hawking

Eine Welt ohne mich?

Wer tritt nach dem Leben vor wessen Richterstuhl – wir vor Gottes oder Gott vor unseren? Die Kunst des Sterbens ist nicht leicht, weder für den gläubigen Christen noch für den Atheisten.

Görlach: Schwer vorstellbar, dass es nach dem Tod irgendwie weitergehen soll, Alan. Oder was meinen Sie?

Posener: Ja. Schwer vorstellbar.

Görlach: Trotzdem hat der Mensch im Lauf seiner Entwicklung die Vorstellung an ein Leben nach dem Tode kultiviert. Es fällt mir in der Tat schwer, die Welt ohne mich zu denken, denn die Welt, die ich kenne, gibt es nur durch und für mich. Wie soll der Moment sein, in dem ich ohne die Welt und die Welt ohne mich auskommen muss?

Posener: Ohne Ihnen zu nahe zu treten, Alexander: Ich glaube, die Welt wird ohne Sie – und natürlich ohne mich – ganz gut auskommen. Dass ich mir das in meiner maßlosen Einbildung nicht wirklich vorstellen kann und in meinem ebenso maßlosen, aber absolut berechtigten Lebenshunger nicht wirklich vorstellen will, ändert aber nichts daran, dass es am Ende so sein wird. Ich werde auf diese wunderbare Welt verzichten müssen.

Im Elysium sind Debatten überflüssig

Görlach: Ich persönlich habe mit dem Gedanken, dass mit meinem Tode alles vorbei ist, kein Problem. Auf einer intellektuellen Ebene. Es gibt aber mehr in uns als diese Facette. Und so ist zum Beispiel der Alan, den ich kenne, der, der mir da erwidert. Es ist ja nicht nur das eigene Selbst, das einem Verortung in der Welt gibt, sondern auch die Menschen, die einen umgeben und die einen zeitlebens prägen. In dem letzten Moment, in den man im Tod fällt, will man nicht alleine sein. Der Gedanke, im Danach denen zu begegnen, die man hier liebt, setzt ein großes Potenzial auch für diese Welt frei. Wenn alles zu Ende geht, so der Schluss, dann ist auch alles sinnlos. Allerdings: Unsere Debatte wird im Elysium überflüssig, denn dann – sofern es dieses gibt – werden wir die Antwort auf die Fragen, die wir hier diskutieren, bekommen.

Posener: Womit man die Debatte eigentlich beenden könnte. Was schade wäre. Sie haben recht: Intellektuell ist es kein Problem, sich aus der Welt zu denken, auf allen anderen Ebenen macht das Angst. Das Ende des Lebens ist ein böser Scherz: erst körperlicher Verfall und Verlust der Schönheit, sodass man sich selbst widerwärtig wird, dann geistiger Verfall, sodass man den Angehörigen fremd wird, und schließlich das röchelnde Ende, von dem alle dann sagen, es sei eine Gnade gewesen. Und das ist der günstigste Fall. Damit kann man sich nicht abfinden und damit haben sich die Menschen nie abgefunden und darum kämpfen wir mit allen Mitteln diesen Kampf gegen den Tod, wie weiland Jakob mit dem Engel des Todes. Gleichzeitig versuchen wir mithilfe der Philosophie, die Kunst des Sterbens zu erlernen. Was heißt, jenen Satz zu widerlegen, den Sie aufgestellt haben: Wenn alles zu Ende geht, so ist alles sinnlos. Nein, im Gegenteil: Dann muss ich versuchen, jeden Augenblick mit Sinn zu erfüllen.

Görlach: Die Kunst des Sterbens – das haben Sie schon gesagt. Religion hilft dabei, da sie Formen des Abschiednehmens entwickeln und kodifizieren kann. Diese Formen haben gelernt, Trost zu vermitteln. Ich erinnere mich sehr gut an den Versehgang für meine Tante Luzia im Krankenhaus. Die Sterbesakramente dienten natürlich in erster Linie ihr, der Sterbenden: Sie soll sich auf die Begegnung mit Gott vorbereiten. Für uns Angehörige sind die Worte von der Auferstehung und der Geborgenheit in Gott, gerade im Tod, tröstlich. Sicher: Die Message dahinter ist der Glaube an die Auferstehung Jesu. Ob solche Formen auch für denjenigen, der nicht glaubt, ein Trost sein können, müssen Sie mir sagen.

Ich kann mir nichts Öderes vorstellen als das Paradies

Posener: Nein, natürlich nicht. Man will ja nicht mit einer Lüge auf den Lippen sterben. Ich gehe zu 99,9 Prozent davon aus, dass ich nach meinem Tod niemandem begegne, und sollte ich mich irren, was ich nicht hoffe, denn ich kann mir nichts Öderes vorstellen als das Paradies, wie es uns die Christen ausmalen, dann denke ich, dass nicht ich vor Gottes Richterthron stehen werde, sondern er vor meinem. Aber darüber mag ich nicht lange nachdenken, denn es geht nicht darum, sich etwas auszumalen, was man nicht wissen kann, sondern sich mit dem zu arrangieren, was man weiß, aber allzu gern verdrängt: der Endlichkeit des Lebens. Übrigens folgt für den Atheisten aus der mutmaßlichen Endlichkeit des Lebens nichts anderes als für den Christen aus der angeblichen Unsterblichkeit.

Görlach: Sie meinen, dass beide aus ihrem Leben das Optimum herausholen müssen, nehme ich an. Die einen, weil es nur dieses Leben gibt, die anderen, weil sie im Nachleben für dieses Leben zur Verantwortung gezogen werden. Was ich aber zu den Formen meinte: Mir ist schon klar, dass Sie nicht mit den Sterbesakramenten versehen werden wollen! Mir ging es darum, ob die Formen, die uns die Religion im Hinblick auf die Kunst des Sterbens anbietet, für Sie – auch als Nichtglaubenden – etwas geben können. Sie kennen das Gleichnis von den Talenten. Jesus lehrt die Christen, gerade nicht auf das Paradies zu warten, sondern das Leben hier sinnvoll zu gestalten. Das deckt sich ja mit dem, was Sie gesagt haben.

Am nächsten Samstag streiten Posener und Görlach weiter über das Leben nach dem Tod.

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