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Christen beten für Juden

Die Wahrheit Gottes auf Erden verhält sich wie Licht, das durch bunte Fenster strahlt. Die unterschiedlichen Farben stehen zueinander wie die christlichen Konfessionen – sie haben alle denselben Grund. Aber gilt das auch für das Judentum? Posener und Görlach streiten.

Posener: Kürzlich war ich bei einem Vortrag – man könnte fast sagen, einer Predigt – des Benediktinerpaters Anselm Grün in der Hildesheimer Michaeliskirche. Zur Frage der Ökumene sagte er sinngemäß: “Das ist wie bei dieser Kirche: Schauen Sie auf die verschiedenen Fenster, sie leuchten alle in verschiedenen Farben, aber das Licht, das diese Verschiedenheit hervorruft, ist ja das gleiche Licht. So verhält es sich mit dem Licht Gottes und den verschiedenen Konfessionen.” Was sagen Sie dazu, Alex?

Görlach: Alle christlichen Konfessionen sind Teil der ecclesia universalis, der weltumspannenden Kirche Jesu Christi. Das Idealbild dieser Gemeinschaft ist nirgends voll erfüllt, ganz einfach, weil uns die Einheit fehlt. Diese Einheit ist zerbrochen, weil der Mensch ist, wie er ist. Die Einheit wieder herzustellen ist eine der wichtigsten Aufgabe der Kirchen: eine Einheit in Vielfalt.

Posener: Um im Bilde des Katholiken Anselm Grüns zu bleiben: Das wäre so, als würde ich statt der vielen Fenster nur eines zulassen. Oder statt der vielen bunten Muster nur eine Farbe und ein Muster. Wenn, wie Sie sagen, die Einheit “zerbrochen” ist, “weil der Mensch so ist, wie er ist”, dann kann sie auch nicht ohne Vergewaltigung des Menschen, “wie er ist”, wiederhergestellt werden. Ganz davon abgesehen, dass es diese Einheit nie gegeben hat – schon die Jünger Jesu stritten sich untereinander. Die Frage ist, Alexander: Akzeptieren Sie das Bild Anselm Grüns, das ja impliziert, keines der “Fenster” gebe die ganze Wahrheit, das ganze Licht Gottes wieder?

Das Buntglas des gemeinsamen Glaubensbekenntnisses

Görlach: Moment, Alan! Ich glaube nicht, dass Anselm Grün mit seinem Bild die Wahrheitsfrage verknüpft hat. Das Glaubensbekenntnis ist für alle Christen dasselbe. Neue ethische Fragen unterliegen dem Diskurs dessen ungeachtet, ebenso das Ringen um die Übersetzung der Glaubensaussagen in die jeweilige Gegenwart. Vielfalt gibt es in der Liturgie, der Gottesdiensttradition, der Spiritualität. Das gibt ein ganz schönes Fenster, bunt und edel, gefasst ist das Buntglas vom gemeinsamen Glaubensbekenntnis.

Posener: Das christliche Glaubensbekenntnis ist ein Bekenntnis, keine Aussage über die Wahrheit. Was hindert Sie zu akzeptieren, dass eines der Fenster, von denen Anselm Grün sprach, das Judentum sein könnte?

Görlach: Wieso nicht akzeptieren? Davon haben wir noch gar nicht gesprochen. Hat Anselm Grün das so gemeint?

Posener: Keine Ahnung. Man könnte das so verstehen, oder? Wichtiger als die Grün-Exegese ist mir aber die Frage: Könnten Sie mit einem solchen Bild leben?

Görlach: Es gibt in Kirchen die Darstellungen des Stammbaums Jesu. Er zeigt die Gestalten des Ersten Testamentes und ihr Verhältnis zum Messias. Damit bin ich vertraut. Das Christentum erwächst aus dem Judentum und wird eine eigene Religion.

Posener: Wieso habe ich den Eindruck, dass Sie meiner Frage ausweichen?

Görlach: Würden Sie Ihre Frage präzisieren, bitte?

Posener: O.k. In der Karfreitagsfürbitte für die Juden heißt es seit 1970: “Lasst uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr zuerst gesprochen hat. Er bewahre sie in der Treue zu ihrem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluss sie führen will. Allmächtiger, ewiger Gott, du hast Abraham und seinen Kindern deine Verheißung gegeben. Erhöre das Gebet deiner Kirche für das Volk, das du als Erstes zu deinem Eigentum erwählt hast: Gib, dass es zur Fülle der Erlösung gelangt. Darum bitten wir durch Jesus unseren Herrn.” Finden Sie dieses Gebet richtig? Können Sie es mit ganzem Herzen beten?

Görlach: Wie kommen Sie von der Ökumene der christlichen Konfessionen zum interreligiösen Verhältnis zwischen Judentum und Christentum? Am Karfreitag betet die Kirche in der Liturgie unter anderem für die Regierenden, die Kranken, für die Atheisten. Auch für die Juden. Für jemanden zu beten ist erst einmal nicht verkehrt.

Posener: Ich habe immer noch den Eindruck, dass Sie meiner Fragen ausweichen.

Görlach: Das kommt daher, dass ich wohl heute etwas länger brauche, Ihnen zu folgen. Es geht also um das jüdisch-christliche Verhältnis? In einem Fenster aus christlichen Konfessionen hätte das Judentum kein eigenes Feld. Es ist aber sicher die Grundierung mancher Farbe und Schattierung auf dem großen Fenster.

Der Bund Gottes mit seinem Volk gilt noch

Posener: Wir hatten doch ausgemacht, über die Judenmission zu reden. Ich wählte den Einstieg über die verschiedenen Konfessionen, weil mir scheint, die Argumentation lasse sich mühelos auch auf das christlich-jüdische Verhältnis übertragen. Nun lasse ich Sie aber nicht zurück zu den schönen Fenstern, da sind wir längst weiter. Wie ist es mit diesem Karfreitagsgebet? Gibt es Ihre Haltung angemessen wieder?

Görlach: Das stimmt! Wir wollten über die, wie Sie es ausdrücken, Judenmission sprechen. Ich dachte aber, Sie wählten ein anderes Thema, als Sie mit dem Thema Kirchenfenster und christliche Konfessionen anfingen. Ich fand die Erklärung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken schwach, in der es sich gegen Mission ausgesprochen hat. Wir wissen beide, dass es historisch betrachtet mehr als fragwürdige Missionsansätze gab. Heute in unseren Breiten kann ja, und in diesem Kontext sprach das Zentralkomitee, von argumentativem Werben, von einer Einladung – dawa, wie Mission im Islam genannt wird – die Rede sein. Christliches Reden von Jesus schließt alle ein, auch die Juden.

Posener: Sie haben meine Frage immer noch nicht beantwortet. Karfreitagsfürbitte zum Dritten …

Görlach: Der alte Fürbitttext, der durch die Wiedereinführung der tridentinischen Liturgie wieder in den Gottesdienst Einzug halten kann, hat mich gewundert. Da muss man von mangelnder Sensibilität sprechen. Johannes Paul II. wäre das nie passiert. Ich selbst muss diesen Text nicht mitbeten, weil im Mainzer Dom die neue Liturgie gefeiert wird, die ausspricht, wie Sie richtig zitiert haben, dass der Bund Gottes mit seinem Volk, den Juden, noch gilt und dass sie durch den Ratschluss Gottes zur Fülle der Erlösung gelangen mögen.

Teil zwei dieses Streitgesprächs kommt am nächsten Samstag

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