Ich bin kein gewöhnlicher Politiker, ich habe Humor. Silvio Berlusconi

Aus dem Raum Gottes

Görlach und Posener streiten in dieser Woche wieder über die Existenz eines allmächtigen Wesens. Gott zu erleben ist eine tröstliche Erfahrung, doch die Erkenntnis, dass es keine finalen Wahrheiten gibt, durchdringt die Menschen in der globalisierten Welt. Bleibt die Frage: Wer kommt in den Himmel?

Posener: Wir waren uns einig, dass die Religionen ihre Existenz der Tatsache verdanken, dass sie eine existenzielle Ebene in uns berühren. Wir sind theotrope Wesen. Ich selbst habe verschiedentlich religiöse Erlebnisse gehabt, und sie waren von der Art, die einen süchtig machen könnte. Und ich bin zutiefst davon überzeugt, dass es solche Erfahrungen sind, die zum Beispiel auch Sigmund Freud kannte und als “ozeanisches Gefühl” beschrieb, und nicht irgendwelche Vernunftargumente, die das Fortdauern der Religionen letztlich erklären. Die Vernunft rationalisiert ex post facto das, was mir ein emotionales Bedürfnis ist.

Görlach: Berührt etwas oder jemand eine existenzielle Ebene in uns? Der Mensch, der in der Terminologie der Evolutionslehre aus der Erfahrung lernt, hätte sich schon längst von der Religion abgewandt, wenn er in ihr nichts fände. Sie sagen, Gottes Aufgabe wäre es nicht, unser Leben vor dem Ausfransen zu retten. Ich glaube – und widerspreche damit ausdrücklich einem verbreiteten Klischee der Religionskritik – dass es eine der vordergründigsten Aufgaben der Religion ist, uns zu trösten. Sehen Sie, alle Religionen sprechen mit ihren Riten zum Menschen vor allem bei den Lebenswenden von Geburt-Heranwachsen-Heirat-Krankheit-Tod. Die Kirche hält für diese Situationen die Sakramente bereit. Ich persönlich erinnere mich, wie viel es kranken Verwandten bedeutet hat, die Krankenkommunion zu empfangen oder am Ende die Sterbesakramente. Die religiöse Institution, der wir angehören und die mit uns in den Bereich des Göttlichen hineinreicht, berührt uns mit etwas, was ganz aus dem Raum Gottes kommt. Was kann das sein außer tröstlich?

Posener: Ja klar, das ist alles sehr tröstlich, und deshalb überleben die Religionen. Nur sagt die Tatsache, dass sie tröstlich sind, nichts über ihre Wahrheit aus.

Görlach: Der Wahrheitsanspruch, da haben Sie recht, geht über das, was wir als subjektiv-wahrhaftig beschrieben haben, hinaus. Das ist die Pille, die alle schlucken müssen, die einer Überzeugung folgen: Das sie andere ausschließen. Bei religiösen Überzeugungen wirkt das umso schmerzlicher, denn hier werden, anders als im Fußball und in der Politik, die letzten Dinge verhandelt. Die Globalisierung verstärkt unser Wissen um andere Wahrheitsangebote. Wenn der Gläubige mit einem Ohr an der Welt ist, weiß er: Es gibt keine absolute Wahrheit mehr.

Posener: Das sehe ich auch so. Aber in der Kirche Benedikts gilt das, was Sie sagen, Alexander, als"Relativismus". Und genau diesen Relativismus zu bekämpfen ist das Hauptanliegen Benedikts.

Görlach: Wir wollen heute nicht über den Papst sprechen, sondern darüber, was sie zum Nichtgläubigen und mich zum Gläubigen macht. Aber dennoch ein Wort dazu: ich denke der Papst spricht vom geistigen und moralischen Relativismus. Für ihn sind die Antworten aus dem Raum des Glaubens wahr im Vergleich zu den wechselläufigen Angeboten, die der Zeitgeist macht. Anderen Glaubensüberzeugungen, insbesondere den monotheistischen, begegnet die Kirche auf Augenhöhe und mit wachem Interesse, welche Antworten diese Religionen auf die Fragen der Gegenwart bieten. Der Glaube an Jesus Christus unterscheidet dabei bleibend uns Christen von den anderen Religionen. In der Schrift heißt es, dass uns kein anderer Name gegeben ist unter dem wir selig werden können. Was macht ein Gläubiger wie ich mit diesem “Wissen” im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein? Sehen Sie, der Jesus, der uns im Neuen Testament begegnet, wendet sich denen zu, von denen damals niemand etwas erwartet hat: Dirnen, Zöllnern, aber auch Häretikern, Freidenkern und Nihilisten. Am Ende ist es Gottes Sache zu entscheiden, wer in den Himmel kommt, nicht die meine.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    68er – 17.04.2010 - 11:35

    Sehr geehrter Herr Görlach,

    sie schreiben:

    “In der Schrift heißt es, dass uns kein anderer Name gegeben ist unter dem wir selig werden können.”

    Es wäre nett, wenn Sie die Quelle angeben könnten, denn bei sinngemäßen Zitaten ist es für weniger Bibelfeste schwierig, diese z.B. über Google herauszufinden.

    Ihnen ein schönes Wochenende!

    Ihr 68er

  • Theeuropean-placeholder
    Thinkabout – 19.04.2010 - 21:05

    Die Unterscheidung bzw. das tiefere Gewicht der Religion gegenüber “dem Zeitgeist” finde ich sehr schön. Und ich empfinde eine tiefe Freude darüber, dass ein durchaus rational denkender und arbeitender und agierender Journalist von seinem Glauben zu schreiben vermag.
    Und wenn ich mir dann noch vorstelle, dass es tatsächlic möglich sein könnte, dass sich die Menschen mehr über die mögliche oder unmögliche Wahrheit eines Gottes unterhalten und austauschen könnten, und weniger sich entzweien an der Frage, ob es die eine und alleinige Weise gebe, mit diesem Gott einen Dialog zu suchen – dann wird mein Abend heller und die mögliche Befriedung der Welt ist eine Utopie, die ich zumindest mal wieder zu wünschen wage.

  • Theeuropean-placeholder
    p – 01.05.2010 - 02:59

    wenn ihr das ein streitgespräch nennt, mache ich mir ernsthaft gedanken.
    das waren 6 kurze abschnitte, die ins nirgendwo geführt haben.

    aber danke für keine information.

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