Görlach: Alan, warum glaubt der eine an Gott und warum der andere nicht? Der Apostel Paulus schreibt an einer Stelle, dass wir den Glauben wie in einem zerbrechlichen Gefäß mit uns führen. Glaube kann verloren gehen oder wiederentdeckt werden, aber wie wird er zuerst gewonnen?
Posener: Sie fragen, wie der Glaube zuerst gewonnen wird. Über die Frage werden wir uns vermutlich schnell einig, Alexander. Denn statistisch gesehen ist die Sache klar: indem die Eltern dem noch unverständigen Kind ihren Glauben eintrichtern. Dass dem so ist, sieht man daran, dass die Kinder moslemischer Eltern Muslime werden, die Kinder jüdischer Eltern Juden und die Kinder christlicher Eltern Christen. Dies ist übrigens der Hauptgrund dafür, dass alle Religionsgemeinschaften den staatlichen Schutz der Familie fordern.
Görlach: Wie war das denn bei Ihnen, Alan? Waren Sie einmal gläubig? Ich persönlich wurde in einem katholischen Umfeld erzogen, meine Eltern sind aber keine Kirchgänger.
Posener: Ich bin anglikanisch getauft, nahm das, was mir über Jesus gesagt wurde, als Wahrheit hin und war mit neun, zehn ziemlich fromm. Allerdings hatte ich damals schon ein Problem mit zentralen Fragen des Bekenntnisses. So lasen wir in meinem britischen Internat immer zum Heldengedenktag, dem 11. November, die Passage aus Johannes 15, 13: “Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.” Ich dachte mir dabei immer: Wenn ich der Sohn Gottes wäre und wüsste, dass ich dafür in den Himmel komme, würde ich mich gern opfern. Mir schien die Leistung unserer Soldaten, die das ja eben nicht wissen konnten und dennoch ihr Leben hingaben, viel größer. Nun gut, die Skepsis wuchs, sodass ich mich nicht mehr konfirmieren ließ, aber noch mit 17, 18 nahm ich an meiner deutschen Reformschule freiwillig sowohl am evangelischen wie auch am katholischen Religionsunterricht teil.
Es gibt nie eine hundertprozentige Gewissheit
Görlach: Bei mir spielt sicher bis heute eine Rolle, dass Religion in meinem Umfeld, wir sprechen von einem katholischen Dorf in Rheinhessen, eine bestimmte Rolle spielte, dabei aber unaufdringlich praktiziert wurde. Das liegt vielleicht am Menschenschlag, denn auch in Mainz, der Stadt, aus der mein Vater stammt und in die ich später zum Studium ging, war das so. Mich hat das Leben Jesu als Kind fasziniert, es war in den Chorfenstern unserer Kirche zu sehen. Als ich zwölf oder dreizehn Jahre alt war, hatte ich Glaubenszweifel und sprach darüber mit unserem Pfarrer. Der sagte, dass das Christentum eine Zeugenreligion sei: Wir glauben, weil die Apostel geglaubt haben, weil die ersten Christen geglaubt haben, weil unsere Vorfahren geglaubt haben. Alle Generationen glauben letztendlich an das, was Jesus verkörpert und gelehrt hat. Das heißt: Es gibt nie eine hundertprozentige Gewissheit, sondern immer ein reflektiertes Fürwahrhalten.
Posener: Das kann aber keine ernste Glaubenskrise gewesen sein, wenn Sie sich mit der Antwort zufriedengaben! Ich meine, warum glauben Sie dann nicht an Wotan? Daran haben ja Ihre Vorfahren geglaubt, so wie meine – väterlicherseits - an Jahwe.
Görlach: Das war die erste unter einigen Krisen. Ich bin später im Studium an der Al-Azhar-Universität in Kairo gewesen und habe dort und später in Istanbul und Ankara Islamwissenschaft studiert und für meine Doktorarbeit recherchiert. Der Wahrheitsanspruch einer Religion erscheint in Zeiten des globalisierten Echtzeitwissens um andere Bekenntnisse und Kulturen nahezu obsolet. Dennoch: Der Glaube an Jesus Christus ist mir nicht abhandengekommen – ich kann diesen Glauben ja nicht zwanghaft versuchen abzustellen. Und ernsthaft: Sie haben Ihren Glauben wegen des britischen Heldengedenkens verloren? Ist das alles?
Posener: Nein, das war bestimmt nicht alles. Aber es gab kein bestimmtes Ereignis, keinen spezifischen Moment, an dem ich mir sagte: Jetzt glaube ich nicht mehr. Das Christentum kam mir abhanden wie in dem Gedicht von Erich Kästner dem Liebespaar die Liebe. Vermutlich mangels Gebrauch, weil ich mit der Umsiedlung nach Deutschland den täglichen Kontakt zur anglikanischen Kirche verlor, den ich im englischen Internat hatte, wo wir den Tag mit Hymnen wie “Onward, Christian Soldiers” oder “Jerusalem” und einer Bibellesung begannen. Aber ich habe selten dieses Abhandengekommensein als Verlust empfunden. Der Glaube gehörte zu einer bestimmten kulturellen Identität, die ich mit der Assimilation an die deutsche Kultur verloren habe. Sie haben als Christ in einer muslimischen Umwelt vermutlich die entgegengesetzte Erfahrung gemacht, analog den Deutschen, die ins Ausland fahren und plötzlich merken, dass ihnen die oft verspotteten deutschen Tugenden – Fleiß, Ordnung, Sauberkeit – mehr bedeuten, als sie gedacht hätten.
Görlach: Da haben Sie recht. Christsein bedeutet in Ägypten etwas anderes als in Europa. Das hat nicht zwingend etwas mit der Bejahung des Dogmas zu tun, sondern mit der christlichen Weltanschauung, die uns eigen ist: Unser Welt- und Menschenbild unterscheidet sich meiner Meinung nach grundlegend von der Vorstellung, die sich in der islamisch geprägten Kulturwelt herausgebildet hat. “Deutsche Tugenden” und was sie bedeuten, wurde mir eher gewahr, als ich in Italien studiert habe – und das, obwohl die Italiener bekanntermaßen mehrheitlich Katholiken sind. Ich meine, dass Religiosität mit der Grunderfahrung anhebt, selbst nicht die letzte Antwort auf alle Fragen in sich zu tragen. Und Religion ist für mich der Horizont, auf den ich mich mit meinem Leben zubewege. Nach christlichem Glauben kommt mir Gott, der Horizont, um in Bild zu bleiben, in Jesus Christus entgegen. Mein Leben franst zu seinem Ende hin – das meine ich nicht nur physisch – nicht aus, sondern wird zusammengehalten, abgebunden.
Posener: Nun ja, Sie sind eben Deutscher. Sie lieben die Ordnung. Sie ertragen weder offene Fragen noch ein ausgefranstes Leben. Ich persönlich glaube weder, dass Gott dazu da ist, Antworten zu liefern, die ich nicht liefern kann, noch dass es seine Aufgabe wäre, mein Leben vor dem Ausfransen zu retten.
Görlach: Wenn das mal so einfach wäre! Viele Fragen bleiben letztlich unbeantwortet. Im Hinblick auf andere Religionen weiß ich, dass verschiedene Modelle des Horizonts existieren, von dem ich gesprochen habe. Aus Gründen der Klarheit bleibe ich bei einem, denn eine Sache kann zur selben Zeit nicht wahr und falsch sein: Entweder Gott existiert oder er existiert nicht, entweder Jesus ist der Erlöser der Welt oder er ist es nicht. Entscheidend scheint mir, ob die Frage nach Gott noch gestellt wird. Sie ist die Schlüsselfrage der abendländischen Philosophie. Wenn sich herausstellt, dass wir über diese Frage hinweg sind oder nicht mehr sensibel dafür, wie können wir dann unsere Vergangenheit verstehen? Der Hofastronom der englischen Königin sagte einmal im Interview, dass er immer noch praktizierender, aber kein gläubiger Christ mehr sei. Unsere Hirne seien dazu gemacht, in der Savanne zu überleben, aber heute schauen wir in die fernsten Galaxien. Vielleicht kommt der menschliche Geist für die Bewältigung seines Daseins mit einem metaphysischen Konzept deshalb besser aus als ohne.
Wir sind evolutionär nicht auf der Höhe unserer heutigen Verhältnisse
Posener: Sie sagen es: Vielleicht ist die Frage nach Gott ebenso wie die offensichtlich verwandte Frage nach Wahrheit Produkt eines Gehirns, das evolutionär nicht auf der Höhe unserer heutigen Verhältnisse ist. Wir sind als Spezies offensichtlich “theotrop”, so wie manche Blumen heliotrop sind. Aber wir sind auch von der Evolution dazu programmiert, Süßes und Fettes zu mögen, obwohl wir wissen, dass uns das nicht gut tut. Der moderne Mensch muss lernen, gegen seine Instinkte McDonald’s zu meiden – und jenes geistige Fastfood, das sich Religion nennt.
Görlach: So weit würde ich nicht gehen, denn Sie merken an sich und an mir, dass die Beschäftigung mit Religion, gleich ob sie zu Glauben oder Unglauben führt, eine existenzielle Ebene in uns berührt. Sehen Sie, gegen Ihre These des reinen Hirnprodukts spricht meiner Meinung nach, dass Religion, trotz der Fragen, die sie sich angesichts der Wissenschaft und pluraler Wahrheitsangebote ausgesetzt sieht, für den Gläubigen eine in sich ruhende Kraft entfaltet, die er nicht abtun kann. Darum verstehen sich Angehörige verschiedener religiöser Bekenntnisse erst einmal besser, als ein religiöser und ein religiös unmusikalischer Mensch. Ich sehe mit der Kraft der Vernunft viele Einräumungen gegen das christliche oder allgemeiner das theistische Bekenntnis. Es ist aber dieselbe rationale Kraft, die mir sagt, dass meine religiöse Erfahrung wahrheitsfähig ist und ich, subjektiv wahrhaftig, von Gott sprechen kann – so, dass es ihn wirklich gibt.














Sehr geehrter Herr Görlach,
ich denke Herr Posener hat recht mit seiner These, dass sich der Mensch vom geistigen Fast Food “Religion” trennen muss. Ich empfinde es so, dass ausschließlich durch die verschiedenen Kirchen die Religion erst zu einem solchen Diskussionsstoff wird. Der Glaube ist etwas elementares, etwas inniges und über den muss aus meiner Sicht niemand diskutieren. Jeder hat durch seine Erziehung und sein Heranwachsen sein eigenes Wertemodell, welches auch den Glauben umfasst. Dieses darf durch niemanden als richtig oder falsch dargestellt werden. Hier liegt der Fehler der großen Religionen begraben, der der es so schwer macht mit klarem Verstand einer Vereinigung wie der katholischen Kirche zu folgen und diese zu vertreten.
Mir fällt hier immer ein guter Spruch aus England ein: My god can beat up your god!
Gott, Jesus, keiner wenn man ihren Worten Glauben schenkt würde heute eine Organisation wie die katholische Kirche unterstützen. Natürlich auch keinen islamische Glaubenslehre oder andere.
Die katholische Kirche ist das gleiche wie Scientology…nur 1950 Jahre älter.
Ich glaube an Jesu und seine Ansichten aber ich werde nie an eine Jungfrau Maria glauben können und auch nicht, dass Jesu in seiner Jugend mit keiner Frau Sex hatte!
haben Sie schon mal – entschuldigen Sie wenn ich frage – Hesses “Mein Glaube” gelesen? – Das hat wohl schon einige der aufgeworfenen Fragen beantwortet.
mfg.