Wer weiß, wie Gesetze und Würste zu Stande kommen, kann nachts nicht mehr ruhig schlafen. Otto von Bismarck

Wen wundert's?

Echt oder gefälscht? Das Grabtuch von Turin polarisiert. Auch die Wissenschaft ist entzweit. Fest steht: Die Reliquie hat schon immer die Gemüter erhitzt. Im Streit um das Grabtuch lassen Posener und Görlach den Fetzen fliegen!

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Görlach: Alan: Das Grabtuch von Turin zeigt uns den gemarterten Jesus von Nazareth. Ich bin froh, dass die Wissenschaft uns das belegen hilft. Ich nehme an, Sie sehen das anders.
Posener: Ja. Die Wissenschaft zeigt, dass es sich beim sogenannten Turiner Grabtuch höchstwahrscheinlich um ein Tuch aus dem 13. Jahrhundert handelt. Ich sage “höchstwahrscheinlich”, weil die Wissenschaft selten hundertprozent eindeutige Ergebnisse liefert. Anders als der Glaube ist die Wissenschaft immer für eine Revision, eine Widerlegung offen. Sie ist immer “relativistisch”. Aber der Stand der Wissenschaft in Bezug auf dieses Tuch lautet: Es wurde im 13. Jahrhundert hergestellt. Dieses Ergebnis hat übrigens den großen Vorteil, sich mit der kirchlichen Überlieferung zu decken.

Görlach: Das ist leider nicht korrekt: Was was wir anhand der Pollen in dem Tuch sagen können, ist, dass es in Frankreich, Italien und dem Heiligen Land aufbewahrt wurde. Die Karbonuntersuchungen haben verschiedene Ergebnisse ergeben; eines davon votiert für ein Alter von rund 2000 Jahren.
Posener: Ach, Alexander! Es gab drei offizielle Radiokarbonuntersuchungen an drei verschiedenen, vom Turiner Erzbischof ausgesuchten wissenschaftlichen Einrichtungen in Arizona, Oxford und Zürich. Die Ergebnisse waren von schönster Eindeutigkeit und datierten das Grabtuch zwischen 1200 (Oxford) und 1300 nach Christi. Was, wie gesagt, mit der kirchlichen Überlieferung übereinstimmt, derzufolge das Grabtuch nicht als Reliquie zu bezeichnen ist. Schon 1389 bezeichnete der Bischof von Troyes das Tuch als Fälschung.

Das Grabtuch des Herrn hat schon immer die Gemüter erhitzt

Görlach: Sie wissen doch, wie schwierig diese Untersuchung ist, und unterschlagen, dass dabei stets verschiedene Jahreszahlen herauskämen. 1988 wollten Wissenschaftler mit einem Radiokarbon-Test herausgefunden haben, dass das Gewebe aus der Zeit um 1320 stammen soll. Doch ein erstes Abbild des Tuches findet sich schon in einem Codex aus dem Jahr 1192 in Budapest. Immerhin ist klar: Das Grabtuch des Herrn hat schon immer die Gemüter erhitzt. Denn wenn es echt ist, haben wir hier das echte Antlitz Jesu, wir sehen, dass die biblische Berichterstattung über die Kreuzigung wahr ist.
Posener: Es gab im 12. und 13. Jahrhundert jede Menge “echte” Grabtücher, die so echt waren wie die Rolex-Uhren, die man heute nicht nur in Turin an jeder Ecke kaufen kann, und eine entsprechende Kleinindustrie, die sie herstellte; übrigens in einem Verfahren, das bekannt ist und mit dem man heute bei Bedarf weitere herstellen könnte. Was übrigens Ihre Pollen betrifft: Der Forensiker Max Frei-Sulzer, von dem diese angebliche Pollenanalyse stammt, musste wegen diverser Fälschungen seinen Dienst bei der Züricher Polizei quittieren und wirkte mit an einem Gutachten, das die Echtheit der Hitler-Tagebücher bezeugte. Ein schöner Zeuge für die Wahrheit der biblischen Berichterstattung über die Kreuzigung! Nein, ich bleibe – ich wiederhole es – bei der Linie der Kirche: Das Grabtuch ist keine Reliquie. Wen wir dort auch immer sehen: Es ist jedenfalls nicht der Mann aus Nazareth, den die Römer als Aufrührer hinrichteten.

Görlach: Ok, dann der andere Weg: Wer soll es denn sonst sein: Der einzige Gekreuzigte, von dem wir wissen, dass er in einem Grab beigesetzt wurde, ist Jesus von Nazareth. Normalerweise wurden die Gekreuzigten auf irgendeiner Kippe entsorgt und den Geiern zum Fraß vorgeworfen. Sagen Sie jetzt nicht, der Korpus ist aufgemalt: Wir wissen, dass die Details, die auf dem Tuch zu sehen sind, mit den Maltechniken des 13., 14. und 15. Jahrhunderts nicht zu erstellen gewesen wären. Die Kirche selbst stellt das Grabtuch aus – um ein guter Christ zu sein, müssen Sie nicht an seine Authentizität glauben, sondern an die Auferstehung Jesu Christi. Diesen Glauben nimmt Ihnen niemand ab. Selbst wenn das Tuch echt wäre: Jesus könnte auch von seinen Jüngern dort ausgewickelt worden sein.

Posener: Die Juden haben nie ihre Toten “auf einer Kippe entsorgt und den Geiern zum Fraß vorgeworfen”. Das ist eine ungheuere Beleidigung. Man hat übrigens 1968 das Grab eines Gekreuzigten entdeckt, und zwar in Jerusalem. Was ja beweist, dass die Juden ihre gekreuzigten Toten begraben haben. Sie werden wohl kaum behaupten wollen, dass dieser Mann Jesus war. Auch ein Grabtuch aus der Zeit Jesu hat man neulich – letzten Dezember, um genau zu sein – in Jerusalem gefunden – nicht das Grabtuch eines Gekreuzigten, sondern eines Aristokraten oder Hohenpriesters. Das Grabtuch ist von ganz anderer Art als das in Turin ausgestellte Tuch aus dem 13. Jahrhundert, das mit einer – ich wiederhole es – damals gebräuchlichen Technik und damals gebräuchlichen Pigmenten hergestellt wurde. Hier gibt es kein Geheimnis. Und in der Tat beweist das Grabtuch von Turin gar nichts. Weder beweist die Tatsache, dass es eine Fälschung ist, dass Jesus von Nazareth nicht auferstanden ist, noch würde der Nachweis, dass es sich um ein Tuch aus dem ersten christlichen Jahrhundert, gar aus dem damaligen Palästina handelt, die Auferstehung beweisen. Wie Jesus dem Jünger Thomas sagte: ’"Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!" Freilich scheint Katholiken dieses “nicht sehen und doch glauben” besonders schwer zu fallen. Sie wollen immer Beweise sehen und Wunder erleben.

Ich bin der Letzte, der Angst hätte, dass ihm Jesus zu nahe käme

Görlach: Alan, die Gekreuzigten wurden zur Abschreckung an den Balken hängen gelassen. Dem Neuen Testament ist es eine detaillierte Ausführung wert, von der Kreuzesabnahme und der Grablegung Jesu zu berichten. Niemand behauptet, dass Jesus der Einzige ist, der in ein Leinentuch gehüllt wurde. Und: Es stimmt nicht, was Sie sagen: Wie der Gekreuzigte im Turiner Grabtuch liegend zu sehen ist, die Details der Wunden, das ist mit den Mitteln der Malerei im Mittelalter nicht möglich gewesen darzustellen. Ich sehe also: Um hier weiterzukommen, müssten wir die Untersuchungen und Dokumente, die es zum Grabtuch von Turin gibt, nebeneinander legen. Das sprengt den Rahmen unserer Unterhaltung. ich stelle aber fest, dass es Ihnen ganz wichtig ist, dass dieses Tuch keine Verbindung zu dem historischen Jesus haben darf. Fürchten Sie sich, dass Jesus Ihnen zu nahe kommt? Und was Sie über den ungläubigen Thomas sagen: Der Herr zeigt ihm seine Wunde und Thomas darf sie berühren. Nach unserem Glauben tritt Gott in der Menschwerdung Jesu in die Geschichte ein: Dabei hat er Spuren hinterlassen, eine davon ist das Grabtuch von Turin.

Posener: Ich bin der Letzte, der Angst hätte, dass ihm Jesus zu nahe käme. Ich glaube, dass er und ich uns in der Kritik des modernen Pharisäer- und Sadduzäertums ziemlich einig wären. Nein, solcherlei Psychologismus ist billig und dieser Diskussion nicht würdig, Alexander. Und – ich kann es nur wiederholen: Mir wäre es völlig recht, wenn das Turiner Tuch ein echtes Grabtuch wäre, wenn man beweisen könnte, dass es das Grabtuch des gekreuzigten Königs der Juden aus Nazareth. Warum nicht? Ich zweifele ja nicht an der Wirklichkeit der Kreuzigung. Allein, in Turin hängt ein Tuch aus dem 13. Jahrhundert, auf dem mit Pigmenten aus dem 13. Jahrhundert mithilfe einer Technik des 13. Jahrhunderts – der Camera Obscura – entweder ein liegender Mensch des 13. Jahrhunderts oder aber eine Statue abgebildet wurde. Der Trick ist seitdem oft wiederholt worden, die Effekte sind verblüffend ähnlich. Na und? Wen stürzt das in eine Glaubenskrise? Das Beharren auf “echten” Reliquien – sie wissen ja, wie viele Kreuze man aus den angeblichen Splittern des von Helena angeblich entdeckten “wahren” Kreuzes herstellen könnte, welche Legionen von Aposteln aus ihren angeblich “echten” Knochenresten auferstehen würden – ist ein Relikt aus jener Haltung, über die wir uns bereits unterhalten haben: Das Christentum kommt, wie Joseph Ratzinger es formulierte, als “physikalische” Religion daher. Alles ist durch Zeugen beglaubigt und durch Reliquien belegt. Doch diese physikalische Religion kommt in die Krise, als mit der Renaissance eine echte Naturwissenschaft erwacht. Man mag sogar der Kirche zugute halten, dass sie ein entsprechendes Denken konserviert und gefördert hat. Da ist es ganz konsequent, dass eben in dieser Zeit Martin Luther den Reliquien- und Wunderglauben als heidnisch verurteilt und “sola scriptura”, nur durch die Schrift, zur Erleuchtung kommen will. Eigentlich ein fundamentalistischer Rückschritt, aber historisch gesehen ein kluger Rückzug, denn Luther erkennt die Falle, in die der Vatikan tappt. Wer nämlich irgendeine physikalische Erscheinung – ob Grabtuch oder Urknall – als Beweis für eine Glaubenswahrheit nimmt, riskiert, dass mit der physikalischen Erscheinung – der Echtheit des Grabtuchs, der Unhinterfragbarkeit des Urknalls – der Glaube selbst desavouiert wird. Klug wäre es, wenn sich die Kirche so agnostisch zur Naturwissenschaft verhielte wie die Naturwissenschaft zum Glauben. So halten es übrigens die Jesuiten.

Das Christentum ist eine absolute Zeugen-Religion

Görlach: Reliquien – das Wort hat ja einen negativen Beiklang – sind nicht gleich Reliquien: Was die Splitter vom Heiligen Kreuz betrifft, so haben Sie sicher recht. Die Tradition weiß eben um das Grabtuch Jesu, die Evangelien berichten davon, das Autor weiß sogar, wie sie gefaltet waren und wo sie in der Grabkammer lagen. Es ist vor dem Hintergrund dieses Textbefundes nahezu unvorstellbar, die Apostel hätten diese Binden nicht mit aus dem Grab genommen. So wie Sie sprechen, hat das Christentum keine Anker in der Wirklichkeit und wird daher zur reinen Geistigkeit. Damit rücken Sie es ins Jenseits und kritisieren hinterher, dass das Christentum jenseitig sei. Und: Der Glaube an Wunder ist nicht heidnisch. Und: Das Christentum ist eine absolute Zeugen-Religion. “Wir haben gesehen und bezeugen: Der Vater hat den Sohn gesandt als den Erlöser der Welt” (1. Joh. 4,14). Ohne das Zeugnis für Jesus gäbe es das Christentum nicht.

Posener: Lieber Alexander, niemand bestreitet dem Christentum einen “Anker in der Wirklichkeit”. Ich jedenfalls nicht, darüber haben wir öfter gesprochen, und ich verstehe nicht, weshalb Sie immer wieder mit diesem Vorwurf kommen. Ich gehe davon aus, dass Jesus gelebt hat und gekreuzigt wurde. Es ist aber schlicht und einfach so, dass es für die Auferstehung keine Beweise gibt. Alternative Erklärungen sind möglich, und eine davon schildert Matthäus 28,13 und 14. Es hilft nichts: Sie glauben ja eben, weil Sie nicht wissen können, und darum sind Sie selig, wie es Jesus zu Thomas sagte. Wenn Sie ohne die Stütze materieller Beweise nicht glauben könnten, hätten Sie ein Problem, nicht ich, und übrigens nicht Ihre Kirche. Die Auferstehung ist weder beweisbar noch widerlegbar. Sie glauben den Zeugen des Christentums und sind skeptisch gegenüber den Zeugen – etwa – des Islam und der Mormonen. Die meisten Gläubigen sind entschieden agnostisch bis ungläubig, wenn es um andere Religionen geht als die, von deren Wahrheit sie überzeugt sind. Mithin sind 99 Prozent der Menschheit in Bezug auf 99 Prozent der Religionen der Welt ungläubig. Glauben und Wissen gehören verschiedenen Sphären an. Wer sie vermischt, wie es der Wundergläubige tut, gefährdet zuallererst die Religion, die er bekennt.

Görlach: Lieber Alan, der Glaube jedes religiösen Menschen beginnt mit dem Eingeständnis gegenüber ihm selbst, dass es mehr gibt als das, was er sehen kann. Es gibt auch immer mehr Dinge, als wir wissen können. Wissen wächst heute rasant an, optimiert sich selbst und mündet in täglichen Erkenntniszugewinn. Das ist anders als zu Zeiten des Humanismus und der aufkommenden Naturwissenschaft am Beginn der Neuzeit. Das Wissen selber ist deshalb heute Teil philosophischer Reflexion. Der große Vorteil des Christentums gegenüber der paganen Welt war, dass es keine heiligen Orte brauchte oder Manifestationen der Gottheit. Wenn Sie das mit materieller Stütze meinen, dann gebe ich Ihnen recht: Das braucht der Christenmensch nicht. Nun ist nach dem christlichen Glauben Gott Mensch geworden: Er hat unsere Welt berührt und ist durch sie hindurchgegangen. Die Wunder, die Jesus in aller Öffentlichkeit tut, bestätigen seine göttliche Mission, sind also Zeichen für etwas Höheres. Diese Wunder haben nach dem biblischen Bericht die Menschen aber nicht nachhaltig überzeugt. “So steig herab vom Kreuz, dann wollen wir dir glauben” – dieses letzte Wunder fordern nach dem Passionsbericht des Matthäus einige derer, die unter dem Kreuz stehen. Hätte er es getan, hätten ihm die Menschen seiner Zeit immer noch nicht geglaubt. Die Auferstehung ist das größere Wunder. Sie spielt sich am frühen Ostermorgen ab. Niemand war dabei. Wir können nicht wissen, nur glauben, damals und heute.

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