Angesichts der täglich neuen Offenbarungen über Päderasten und Sadisten im kirchlichen Dienst könnte man zur Ansicht gelangen, das Phänomen der “Unzucht mit Abhängigen” sei allein ein Problem perverser Priester. Dem ist nicht so. Ständig wurden und werden die Grenzen zwischen pädagogischem Eros und Päderastie überschritten – in kirchlichen, privaten und staatlichen Heimen, Schulen, Sportvereinen und anderen Institutionen.
Die Schule ist ein zutiefst erotisierter Raum. Dies gilt verstärkt für Internate, Heime und ähnliche Einrichtungen, was nicht gegen sie spricht. Pädagogik ist überdies ohne Eros nicht denkbar. Dieses Eros, ob homo- oder heterosexuell, in den Dienst der Menschenbildung zu stellen, ist eine der großen Herausforderungen der Schule. Wer die Sexualität – nicht nur die homosexuelle – verdrängt, wie es die katholische Kirche allzu oft tut, fördert die Perversion. Die Reformpädagogik wollte – unter anderem – die Sexualität aus der Zone des Schmuddeligen herausholen. Wie die Berichte über die Odenwaldschule in den 1970er- und 1980er-Jahren zeigen, sind auch hier Grenzen verletzt – Menschen verletzt – worden.
Grenzüberschreitung wird nicht thematisiert
Die Vorfälle an dieser Vorzeigeschule zeigen, dass eine Missbrauchsdiskussion, die eingeengt wird auf die Frage des Zölibats und der repressiven Sexualmoral in der katholischen Kirche, Gefahr läuft, in selbstgerechter Blindheit zu verharren. An der Odenwaldschule herrschte keine repressive Sexualmoral, die Lehrer waren nicht zum Zölibat gezwungen, und in mindestens einem Fall war der Täter, der auf Schulausflügen Mädchen zum Strip-Poker animierte und Jungen mit Streicheleien an den Genitalien bedrängte, ein “normaler” Familienvater.
Die Beziehungen zwischen Gerold Becker, seinem Lebensgefährten Hartmut von Hentig und anderen führenden Reformpädagogen der Bundesrepublik, die entweder aus dem homoerotisch geprägten George-Kreis stammten oder zum Netzwerk dieses Kreises gehörten, sorgten dafür, dass Ausmaß und Folgen der Grenzüberschreitung zwischen pädagogischem Eros und Päderastie nie thematisiert wurden. Wenn nicht die gesamte Reformpädagogik in den Strudel dieser Affäre gezogen werden soll, was einige konservative Pädagogen nur zu gern sähen, müssen die Aktivitäten jenes “Netzwerks von Päderasten”, von dem ehemalige Schüler sprechen, und jener Freunde und Förderer, die das Treiben gedeckt haben, von den betroffenen Institutionen und Personen selbst aufgedeckt werden.
Ähnlichkeiten in den Strukturen
Man versteht weder die Vorfälle an katholischen Schulen noch jene an der Odenwaldschule oder an ganz normalen Schulen, in Heimen, Reitschulen, islamischen Madrassen und dergleichen, wenn man nicht Ähnlichkeiten in den Strukturen erkennt. Erstens handelt es sich nicht nur um erotisierte Räume, sondern auch um Räume, in denen Macht ausgeübt wird. Zweitens handelt es sich bei den Lehrern, Erziehern usw. um Leute, die von ihrer eigenen moralischen Überlegenheit überzeugt sind. “Wir sind die Guten.” Die Bösen, das sind Spekulanten, Bild-Reporter, Politiker, Militärs, Atheisten usw. Und drittens ist der erste Reflex der Umgebung in einem solchen Fall: Ja nicht damit an die Öffentlichkeit gehen, damit gerät die ganze Einrichtung in Verruf, wird die Arbeit von Jahrzehnten zunichtegemacht. “Im Interesse der Sache” wird geschwiegen. Dieses Schweigen hat Pater Klaus Mertes vom Canisius-Kolleg durchbrochen und damit die schlimmsten Befürchtungen der Vertuscher bestätigt. Es ist zu hoffen, dass viele seinem Beispiel folgen.















“Erstens handelt es sich nicht nur um erotisierte Räume, sondern auch um Räume, in denen Macht ausgeübt wird.”
Also ich weiß nicht, an welchen Schulen Sie waren, Herr Posener, aber ich persönlich habe nichts unerotischeres gefunden als Schule und Unterricht!
Aber nurzu, wenn Sie damals in der Schule beim Anblick eines Lehrers oder Lehrerin erregt waren, ist eben Ihre Sache!
Wenn Sie Macht gleichzeitig mit Eros, welches fast zwingend zum Sex führt, verbinden, dann deutet es auf die Tatsache hin, daß sie ein sehr dekadenter und hedonistischer Mensch sind, der nur die Befriedigung seiner eigenen Lust sucht.
Mit freundlichen Grüßen
K. König