Man kann die Menschen manchmal betrügen, aber nicht immer. Bob Marley

Papst Franziskus folgt billigem Antikapitalismus

Vom Ajatollah Ruholla Chomeini stammt der Spruch: „Wenn der Islam nicht politisch ist, ist er nichts.“ Das Gleiche könnte man vom Christentum sagen. Dies gilt umso mehr vom Katholizismus, der ja einmal Staatsreligion eines Weltreichs und dessen Oberhaupt noch im vorletzten Jahrhundert Staatschef einer weltlichen Macht war.

Trotzdem haben katholische Kritiker meiner Streitschrift gegen Benedikt XVI, die sich explizit darauf beschränkte, Joseph Ratzinger als Politiker und politischen Ideologen zu kritisieren,  immer wieder eingewendet, eine politische Kritik des jeweiligen Papstes greife zu kurz, verpasse das Wesentliche, nämlich die spirituelle Dimension des Amtes und der Person. Natürlich tut sie das. Aber eine Betrachtung des jeweiligen Papstes, die ihn nicht als Politiker fasst, tut das auch.
Die katholische Kirche hat politische Erfolge errungen

Die katholische Kirche hat in den Jahren nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, auch wenn das manche Kritiker (einschließlich Ratzinger selber) nicht so sehen, in Europa einige bedeutende politische Erfolge errungen. Zwar gelang es der Kirche nicht, einen „Gottesbezug“ – was für ein schreckliches Wort! – im Europäischen Verfassungsvertrag unterzubringen, mit dessen Hilfe die Kirche – aber auch andere Religionsgemeinschaften, wie der Islam – den von ihr stets verfochtenen Vorrang des göttlichen vor dem menschlichen Gesetz sozusagen auch Schwarz auf Weiß bestätigt bekommen hätte. Viel wichtiger jedoch war die Verankerung des Prinzips der Subsidiarität – Grundpfeiler der von Pius XI formulierten katholischen Soziallehre – in den Gründungsdokumenten der Europäischen Union. Welche Sprengkraft dieser Gedanke gegenüber dem hierarchisch-republikanisch organisierten Staat entfalten könnte, hat Michel Houellebecq kürzlich in seinem utopischen Roman „Unterwerfung“ ausgemalt.

Auch für die Nichtkatholiken ist es wichtig wer Papst ist

Für uns Europäer, auch für die Nichtkatholiken unter uns, ist es darum nicht gleichgültig, wer auf dem Thron Petri sitzt und welche Lösungen er für die Probleme Europas vorschlägt. Wenn etwa der Vatikan-Korrespondent und -kenner Andreas Englisch, der mehrere Bücher über den vorigen Papst geschrieben hat, der Meinung ist, mit Franziskus sei „die Epoche Ratzinger endgültig zu Ende“; wenn er gar „eine neue Zeit“ angebrochen sieht, so sind das starke Worte, die man auf ihren politischen Gehalt hin abklopfen nehmen muss. 

In der Diagnose sind sich Benedikt und Franziskus, Joseph Ratzinger und  Jorge Mario Bergoglio weitgehend einig. Ratzinger hatte 2004 in einer Rede vor dem Italienischen Senat beklagt, Europa sei „von innen her leer geworden“, was sich auch in einer sinkenden Geburtenrate und dem Überhandnehmen der Homosexualität ausdrücke. „Der Vergleich mit dem untergehenden Römischen Reich drängt sich auf.“ (Nur in Parenthese sei angemerkt, das jenes untergehende Reich christlich war; die pagane Republik hatte sich recht viril gezeigt.)  Bergoglio sagte zehn Jahre später in seiner Antrittsrede vor dem Europäischen Parlament, Europa sei müde und alt, eine „Großmutter, die nicht mehr fruchtbar und lebendig ist“. (Was, nebenher bemerkt, eine ziemlich grobe Beleidigung jener Menschengruppe ist, ohne die auch die Kirche vielerorts tot wäre.)

Jedoch sind die Therapievorschläge völlig verschieden. Der Bayer Ratzinger bedauerte, dass sich Europa „auch ethnisch auf dem Weg der Verabschiedung begriffen“ sei. Angesichts massiver Zuwanderung sollte sich die Kirche auf ein Katakombendasein einrichten.  Der Nichteuropäer Bergoglio hingegen hat Europa aufgefordert, offen für Verfolgte und Arme aus anderen Regionen zu sein. Ratzinger ging bei seiner Einhegung und Sammlung der gefährdeten Kirche zu weit, als er die Pius-Brüder mitsamt einem Holocaust-Leugner zurück in die Kirche holen wollte und prallte mit Angela Merkel zusammen; mit seiner Aufforderung zur offenherzigen Entgrenzung ist Franziskus, so könnte man meinen, Merkels Papst.
Das gilt aber nur bedingt. Franziskus ist kein Freund des Wirtschaftssystems, das Merkel vertritt. Das war, zugegeben, auch Ratzinger nicht; die Lehre der Subsidiarität ist ja tendenziell  antikapitalistisch. Anders als Ratzinger jedoch, der zwar zuweilen gern mit marxistischen Phrasen spielte, jedoch keinen Gegenentwurf zum liberalen Kapitalismus hatte, ist Franziskus geprägt vom Peronismus seiner argentinischen Heimat.

Papst gegen „die anonyme Macht des Götzen Geld“

Bei seinem Besuch in Bolivien etwa  wetterte der Papst gegen den „neuen Kolonialismus“, gegen „die anonyme Macht des Götzen Geld“, „sogenannte ‚Freihandelsabkommen’“ und „Finanzinstitutionen und transnationale Konzerne“, die arme Staaten schwächen, so dass sie „kaum noch die Macht haben, Entwicklungsprojekte zugunsten ihrer Bevölkerungen voranzubringen.’“ Nichts sagte der Papst über die Korruption der Eliten in Südamerika und anderswo, über die Ungerechtigkeit von Landlosigkeit auf der einen, riesigem Landbesitz auf der anderen Seite und schon gar nichts darüber, dass die Kirche immer auf Seiten der Oligarchen stand; nichts über die fatale Neigung zum populistischen Diktator, die gerade in Argentinien so viel Unheil angerichtet, Kuba in den Ruin und selbst das ölreiche Venezuela in den Bankrott getrieben hat.

Der billige Antikapitalismus dieses Papstes, der auf eine Anbiederung an die korrupten Regierungen des Südens gegen die demokratischen Regierungen des Nordens – auf einen Antiamerikanismus und Antieuropäismus – hinausläuft, wird vielerorts selbst in den Medien und Kirchen des Nordens als „progressiv“ bejubelt, obwohl er im Kern – wie der Peronismus und der „antiimperialistische“ Populismus überhaupt – so reaktionär ist wie die politische Theologie des Ajatollah Chomeini, die sich aus einem ähnlichen Ressentiment speist. Franziskus mag sich über die „Großmutter“ Europa lustig machen. Wenn aber der Katholizismus nicht europäisch ist, so ist er gar nichts. 

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Walter Kasper, Andreas Kern, Mike Schuster.

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