Der Klügere gibt solange nach, bis er der Dumme ist. Heiner Geißler

Kein Tod auf Rezept

Mehr als vier Millionen Muslime leben in Deutschland. Wenn das Gesetz zur Sterbehilfe geändert wird, ist es deshalb wichtig zu wissen, wie der Islam dazu steht.

Der Umgang mit Sterbehilfe und Sterbebegleitung hat eine lange Geschichte und begleitet die Menschheit seit Anfang an. Der Mensch hat stets versucht, den Sterbeprozess und die damit verbundenen Leiden zu lindern und insoweit den Tod in Würde zu ermöglichen. Hilfe zum Sterben in Form von Beistand, Trost, humaner Umgebung, einfühlsamer Betreuung, Seelsorge und palliativmedizinischer Behandlung ist die ausdrückliche Aufgabe des Arztes (Grundsätze der Bundesärztekammer). Andererseits garantiert das Grundgesetz das Recht auf Leben und das Recht auf Selbstbestimmung. Hieraus leitet sich das uneingeschränkte Selbstbestimmungsrecht des Patienten mit der Wahrung seiner Menschenwürde bei jeder ärztlichen Maßnahme ab.

Wie steht der Islam zur Sterbehilfe?

Die Diskussion um Sterbebegleitung, aktive und passive Sterbehilfe, sowie ärztlich assistierten Suizid ist in den letzten Jahren weltweit und in allen Kulturen und Gesellschaften laut geworden. Die Befürworter der aktiven Sterbehilfe, des selbstbestimmten Sterbens, haben ihre Argumente in Bezugnahme auf ihr Menschenbild vorgebracht. Die Gegner der Sterbehilfe weisen warnend auf die Entwicklungen in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hin: Dort stand am Anfang eine seriöse Erörterung der Frage, ob man unheilbar kranke Menschen von ihrem Leiden erlösen dürfe.

Die Gegner selbstbestimmten Sterbens sind der Auffassung, dass man Menschen ihre Leiden, Sorgen und Ängste vor einem qualvollen Übergang vom Leben zum Tod mit gehöriger Zuwendung und den Möglichkeiten der modernen Medizin soweit nehmen oder lindern kann, dass sie an ihren Lebensumständen nicht verzweifeln müssen. Unter solchen Umständen erheben die Gegner Zweifel am Sterbewunsch und Suizidentschluss der Schwerkranken. Sie sehen die aktive Sterbehilfe als Zumutung für die Helfer und Angehörigen, befürchten die Entwicklung eines fragwürdigen Sterbehilfe-Geschäfts sowie ein „Mobbing zum Tode“ derjenigen Gesellschaftsmitglieder, die der Gemeinschaft lästig werden.

Da wir nun über vier Millionen Muslime in unserem Land haben, ist es auch von Belang zu wissen, wie der Islam zur Sterbehilfe steht. In den nun weiteren Ausführungen stütze ich mich im Wesentlichen auf die Handreichung des Zentralrates der Muslime in Deutschland (ZMD), die von unserem Beauftragten für Medizin, Umwelt und Tierschutz, dem Arzt Zouhair Al-Halabi, maßgeblich verfasst wurde.

Das Leben mit allen Mitteln schützen

Gott (Allah im Quran) hat das Universum und den Menschen erschaffen. Er hat den Menschen als vollkommenes Bild gestaltet und gewürdigt: „Wir haben den Menschen ja in schönster Gestaltung erschaffen.“ (Quran, Sure 95, Vers 4) „und wir haben ja die Kinder Adams geehrt…“ (Sure 17, Vers 70) (1). Allah hat dem Menschen das Leben als Leihgabe und die Gesundheit als Geschenk und anvertrautes Gut gegeben. Demnach sollte der Mensch sein Leben und seine Gesundheit pflegen und bewahren. Obwohl jeder Muslim fest daran glaubt, dass jeder sterben muss und der Sterbeprozess Bestandteil des Lebens ist, muss er sein Leben und das Leben der anderen mit allen Mitteln schützen.

Der Mensch darf sein Leben nicht gefährden, „… und stürzt euch nicht mit eigener Hand ins Verderben“ (Sure 2, Vers 195), und er darf auch sich oder andere Menschen nicht töten: „… Und tötet euch nicht selbst (gegenseitig). Allah ist gewiss Barmherzig gegen euch.“ (Sure 4, Vers 29 ), „…und tötet nicht die Seele, die Allah verboten hat (zu töten), außer aus einem rechtmäßigen Grund! Dies hat Er euch anbefohlen, auf dass ihr begreifen möget“ (Sure 6, Vers 151). Der Prophet Muhammad hat bei seiner Abschieds-Pilgerpredigt in Mekka klar gesagt: „Ihr Menschen, wahrlich euer Blut (euer Leben), euer Eigentum und eure Ehre sind unantastbar, bis ihr eurem Herrn gegenübersteht; ebenso wie der jetzige Tag, der jetzige Monat und diese eure Stadt heilig sind.“

Al Gazzali (lateinisch Algazel, einer der bedeutendsten religiösen Denker des Islams) schrieb in seinem Standardwerk: „Die wahre Liebe und Vertrauen des Menschen an Gott stellen sich mit seiner Dankbarkeit und Geduld dar. Er dankt Gott für seine unzähligen reichen Wohltaten, u.a. das Leben und die Gesundheit. Er bleibt aber auch geduldig und standhaft, wenn er unter einem schweren Schicksal und bitteren Leiden, was der Fall ist bei einer schweren unheilbaren Krankheit, leidet.“

Umgang mit Leiden

Durch den Glauben an die Vorhersehung Gottes kann ein Muslim die Frage nach dem Sinn des Leidens, des Todes und einer schweren Krankheit verstehen, deren Ursprung und Wege zur Überwindung einen Zusammenhang haben. Eine Krankheit kann sowohl Folge einer klaren oder unklaren Ursache sein. Ein Muslim kann seine Leiden und die schwere Erkrankung einerseits als eine von Gott auferlegte Prüfung ansehen, deren Bewältigung von ihm Geduld und Beharrlichkeit verlangt. Er kann aber auch das Leiden als Mahnung für seine Sünden verstehen; dies verlangt von ihm die Hinwendung zu Gott durch Umkehr und Buße.

Schon vor vielen Jahren haben einige muslimische Gelehrte und später mehrere islamische Gutachterräte entschieden, dass der Patient im Rahmen seines Selbstbestimmungsrechts bei einer unheilbaren schweren und tödlichen Krankheit mitentscheiden darf, ob er die bisherige gezielte Behandlung unterlassen und nur eine Linderungsmaßnahme, die sogenannte Palliativmedizin, in Anspruch nehmen möchte.

Aufgrund dieses rechtsschulischen islamischen Hintergrunds lehnt der Muslim bei schweren, fortgeschrittenen unheilbaren Krankheiten wie z.B. Krebs, AIDS oder Demenz, eine direkte aktive Sterbehilfe (die Euthanasie) oder die Beihilfe zum Suizid ab. Er hat aber die Wahl, z.B. eine mögliche alternative Schmerzbehandlung und Palliative Care zur Linderung seiner Beschwerden und Symptome.

Keine aktive Sterbehilfe

Anhand der bisherigen dargestellten Grundlagen des islamischen Glaubens bezüglich Leben und Tod und unter Berücksichtigung der vielen Stellungnahmen von renommierten Gelehrten und anerkannten Gutachten der islamischen Fatwa-Gremien der verschiedenen muslimischen Rechtsschulen (Sunniten und Schiiten) – insbesondere die Entscheidung (Fatwa) des Islamischen Europäischen Rats für Fatwa und Wissenschaft in Dublin in seiner 11. Versammlung am 01. – 07. Juli 2003 in Stockholm, Schweden – und in Übereinstimmung in vielen Punkten mit den Grundsätzen zur ärztlichen Sterbebegleitung der Bundesärztekammer und der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP), sowie mit dem Standpunkt der katholischen und evangelischen Kirchen bzw. der jüdischen Gemeinde, kommen wir im Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) zu folgendem Schluss: Eine aktive Sterbehilfe für den unheilbaren Schwerstkranken, Krebs-, Demenz- oder AIDS-Patienten, sowohl für die selbst bestimmenden Sterbenden als auch auf Verlangen eines Dritten, also Ärzten oder Angehörigen („Tötung auf Wunsch“), wird abgelehnt.

Auch die Tötung auf Verlangen, die Beihilfe zum Suizid und der ärztlich assistierter Suizid werden auf Grund des islamischen Glaubens und seiner Überzeugung abgelehnt. Wir begrüßen die Aussagen von Repräsentanten der Bundesärztekammer, die jeder Form der organisierten Sterbehilfe nicht stattgeben will („Neue Presse“ vom 04.06.2012).

Bei Schwerstkranken und unheilbaren Menschen ist es jedoch statthaft, das Angebot der Unterlassung oder Reduktion der Behandlungsmaßnahmen in Anspruch zu nehmen (sogenannte passive Sterbehilfe oder besser: „Sterbenlassen“). Jeder Mensch hat das Recht, die Gestaltung seines letzten Lebensabschnittes zu bestimmen („Patientenverfügung mit Vorsorgevollmacht und Betreuungsverfügung“), aber immer im Rahmen der gültigen Gesetze und nach seiner religiösen Überzeugung.

Jeder Mensch, insbesondere in der schwierigen Situation des Sterbens, hat Anspruch auf gute Seelsorge und gute Betreuung: „Keiner soll sterben, ohne eine gute Hoffnung auf Gott zu haben, dass Er sich seiner erbarmt und ihm vergibt“ (Ausspruch des Propheten Muhammad). Dazu gehören u.a. menschenwürdige Unterbringungen, Zuwendungen, Körperpflege, Lindern von Schmerzen, Atemnot und Übelkeit, sowie das Stillen von Hunger und Durst.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jens Spahn, Dagmar Wöhrl.

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