Unser Glück verpflichtet uns zum Kampf. Jean Ziegler

Vorurteile und Klischees

Das Beschneidungsurteil des Kölner Landgerichts ist ein Fehlurteil und eine Provinzposse. Die Richter haben sich nicht am gesellschaftlichen Konsens orientiert – die Politik muss handeln.

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Wir Muslime sehen in dem Urteil des Kölner Landgerichts, in dem die Beschneidung auch als Körperverletzung gelten soll, einen eklatanten und unzulässigen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften und in das Elternrecht. Zudem ist dadurch eine erhebliche Zunahme der Rechtsunsicherheit für alle Beteiligten zu beobachten. Die Religionsfreiheit ist ein sehr hohes Gut in unserer Verfassung und darf nicht Spielball einer eindimensionalen Rechtssprechung sein, die obendrein diesem Thema gegenüber bestehende Vorurteile und Klischees noch weiter verfestigt. Die Beschneidung (Tahara) der Jungen ist Bestandteil muslimischer Tradition und folgt der abrahamischen Praxis, die in allen monotheistischen Religionen über Jahrtausende komplikationsarm weltweit bis heute angewandt wird. Warum dies nun ausgerechnet in Deutschland verboten werden sollte, scheint ein großes Geheimnis zu sein.

Die Gegner der Beschneidung, zu denen auch leider einige deutsche Juristen und Richter gehören, verfolgen nicht selten politische Motive und versuchen mit viel Polemik und wenig Wissen, erneut Juden und jetzt auch Muslime zu kriminalisieren. Während sich die Gesellschaft zunehmend nach Wärme, Geborgenheit und menschlichen Werten sehnt – die ihnen ja genuin die Religion bietet – erschwert ein zunehmend aggressiver, bisweilen missionarisch daherkommender areligiöser Extremismus das friedliche Zusammenleben in unserem Land. Als „Triumph des Vulgärrationalismus“ hat der Kölner Schriftsteller Navid Kermani das Beschneidungsurteil des Landgerichts kritisiert.

Die rituell-abrahamitische Tradition wird verkannt

Der Schutz der religiösen Integrität ist – man kann es nicht oft genug betonen – ein sehr hohes Gut. Er droht aber einzustürzen, wenn extreme Gruppen Deutungshoheit über das Recht beanspruchen, indem sie es mit einer bestimmten kulturellen oder auch religiösen Brille zu lesen trachten und meinen, andere Religionen, Kulturen und Lebensentwürfe in ihrer Existenz einschränken zu müssen und bevormunden zu dürfen. Auch wir Muslime haben damit manchmal in den eigenen Reihen zu kämpfen, und dies zu benennen, behagt vielen nicht, bleibt aber dennoch eine Notwendigkeit.

Darüber hinaus ist es wissenschaftlich erwiesen, dass eine medizinisch fachgerechte Zirkumzision nur Vorteile für die Kinder und späteren Erwachsenen mit sich bringt. Jüdische, christliche und muslimische Religionsgemeinschaften sowie unterschiedliche zivilgesellschaftliche Organisationen in Deutschland haben zu diesem Urteil zahlreich Stellung bezogen. Bei ihnen allen trifft das Urteil auf breite Ablehnung, auch weil es bemerkenswert oberflächlich ausfällt und beinah ausschließlich religionskritische – um nicht zu sagen religionsfeindliche – Tendenzen aufweist.

Diejenigen, die in Anlehnung an die Körperverletzung die Beschneidung von Jungen als eine rechtswidrige Handlung einstufen, verkennen, dass die rituell-abrahamitische Tradition gerade keine Bedrohung für die Gesundheit darstellt. Selbst die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt aus gesundheitlichen und hygienischen Gründen die Beschneidung bei Männern. Des weiteren gibt es zahlreiche medizinische Studien, die die medizinisch-hygienischen Vorteile zweifellos darlegen. Im Rahmen der Qualitätssicherung wird die Beschneidung von den weltführenden Urologen auch in Deutschland in einer Positivliste geführt und als medizinisch-prophylaktisch eingestuft.

Das Urteil muss korrigiert werden

Das Kölner Landgericht stellt das angebliche Kindeswohl vor das hohe Gut der Religionsfreiheit und des Elternrechts, ohne näher auszuführen, was das Kindeswohl genau ausmacht. Geht es um Hygiene, Krebsvorsorge (sowohl für den Mann als auch für die Frau) und um die Vorbeugung von Geschlechtskrankheiten, so ist aus medizinischer Sicht die Sachlage unumstößlich zugunsten der Beschneidung. Geht es um den Schutz vor Ärztepfusch, so ist die bisherige Gesetzeslage durchaus ausreichend, Ärzte zu belangen, die ihre Berufspraxis nicht nach den Erkenntnissen der modernen Medizin ausüben. Die menschliche Gesundheit hat Priorität im Islam wie im Judentum, die Bewahrung der menschlichen Unversehrtheit ist ein ebenso göttliches Gebot. Zudem ermöglicht es dem Individuum die religiöse und soziale Vergemeinschaftung mit seiner Religionsgemeinschaft, in der entsprechend feierlich-pietätischen Einbindung im Sozialen.

Das strafrechtliche Beschneidungsurteil hätte nüchtern auf den juristischen Prüfstand gestellt werden sollen. Es argumentiert zudem religionsperspektivisch und kaum juristisch. In dieser Form beteiligt es sich an einer strafrechtlich verkleideten Kulturkampfdebatte, die man seit Jahren gerade im Zusammenhang des muslimischen Lebens in Deutschland verstärkt beobachten kann (Kopftuchverbot, Schächtverbot, Betverbot in der Schule etc.). Auf diese Weise hätte sich die Kulturkampfrhetorik von begründeten juristischen Erwägungen ausdifferenzieren lassen. So entblößt sich das Urteil als das, was es ist: ein Fehlurteil und eine Provinzposse. Die muslimischen und übrigen abrahamitischen Religionsgemeinschaften gehen davon aus, dass die Gerichte dieses nicht am gesellschaftlichen Konsens orientierte Urteil korrigieren müssen und fordern, dass ebenso die Legislative entsprechende Regulative auf den Weg bringt.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Gert Van Dijk, Ali Kizilkaya, Brian J. Morris.

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