Nur Staaten erzeugen die notwendige Stabilität. Gleichzeitig können sie der Quell allen Übels sein. Francis Fukuyama

Lebensunterhalt? Geschenkt!

Schon Thomas Morus entwickelte 1516 die Idee von einem Grundeinkommen für jedermann. Seitdem diskutieren Ökonomen und Politiker über diesen Vorschlag. Während in Deutschland die CDU noch Gutachten zur Machbarkeit von Bürgergeld erstellt, wird in einem kleinen Dorf in Namibia seit 21 Monaten der weltweit erste Feldversuch probiert.

“Good Life after Struggle” – ein gutes Leben nach großen Anstrengungen. Das steht an einer von gut 250 Wellblechhütten in einem kleinen Dorf mitten im Niemandsland der namibischen Steppe. In Otjivero. Das Motto steht an der Hütte von Frieda Nembaya, Mutter von sieben Kindern. Sie ist 35 Jahre. Wie fast alle der rund 1.000 Dorfbewohner hat Nembaya den größten Teil ihres Lebens auf einer Farm rund um das Dorf verbracht. Bei einem deutschen Farmer schuftete sie für 400 Namibiadollar im Monat, umgerechnet 30 Euro. Selbst in Namibia für eine alleinerziehende Mutter zu wenig, um sieben Kinder zu ernähren. Erst recht zu wenig, um ihre Kinder in die Schule schicken zu können.

Das “gute Leben nach großen Anstrengungen” begann für Frieda Nembaya im Herbst 2007. Damals kam eine Gruppe aus Gewerkschaftlern, Kirchenvertretern und Nicht-Regierungsorganisationen in das Dorf. Und verkündete, jedem Dorfbewohner künftig 100 Namibia Dollar im Monat zu geben. Einfach so. Seitdem erhält die siebenfache Mutter 800 Dollar als eine Art Grundsicherung. Umgerechnet 64 Euro im Monat.

In Deutschland immer wieder diskutiert, in Otjivero Alltag: Seit Januar 2008 erhält dort jeder ein bedingungsloses Grundeinkommen. “Basic Income Grant”, kurz BIG, heißt das Projekt, finanziert durch Spenden. Der Vorschlag wurde bereits 2002 gemacht. Damals rief die namibische Regierung die Steuerkommission “Namtex” ins Leben. Deren Aufgabe: das Steuersystem zu überprüfen und Vorschläge für eine sozialere Verteilung der staatlichen Gelder im Land zu machen. Bislang galt die Einkommensverteilung in Namibia als eine der unausgeglichensten der Welt, zwei Drittel der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Der Bericht von “Namtex” stellte fest, “dass bei Weitem die beste Methode zur Bekämpfung von Armut und Ungleichheit ein universelles Einkommen ist”. Die Kommission empfahl, jedem Bürger ein monatliches Grundeinkommen von umgerechnet 70 Euro zu zahlen. Doch die Regierung lehnte ab. Das monatliche Geld würde die Menschen nur abhängig machen.

In Eigeninitiative schlossen sich daraufhin Befürworter des Grundeinkommens zusammen, gründeten BIG und sammelten Spendengelder. Die Idee: Ein zweijähriger Feldversuch sollte die Regierung von dem positiven Effekt eines Grundeinkommens überzeugen. “Wir dachten, wenn wir nicht mit Worten überzeugen können, dann eben mit Taten”, sagt Herbert Jauch, gebürtiger Schwabe und Mitbegründer der BIG-Koalition. Seit über zwanzig Jahren lebt er in Namibia. Hauptberuflich ist der 50-jährige Direktor eines Gewerkschaftsinstitutes in Namibia.

“Zuerst haben wir einen Ort gesucht, der stellvertretend für die unzähligen kleinen Dörfer in Namibia ist”, sagt Jauch. “Und dann haben wir Otjivero gefunden.” Eine kleine staatliche Klinik, eine Schule, ein Lebensmittelmarkt, eine Polizeistation. Das ist alles. Das ist Otjivero. Am 15. Januar 2008 startete hier das “Projekt Grundeinkommen”. Jauch: “Beim ersten Mal standen die Menschen stundenlang vor dem Geldauto, um sich ihre 100 Dollar abzuholen.”

21 Monate ist das jetzt her. Die Auszahlung hat mittlerweile ein staatliches Postbüro übernommen. So können die Bewohner ihr Geld von einem Konto abheben und müssen nicht mehr in langen Schlangen auf die Auszahlung warten. Auch sonst, sagt Jauch, habe sich vieles im Ort positiv entwickelt. So ist heute nur noch jedes zehnte Kind unterernährt. Vor Beginn des Projekts war es fast jedes zweite. Durch das Grundeinkommen könnten jetzt auch alle Eltern das Schulgeld für ihre Kinder bezahlen. “Mit dem Projekt haben wir bewiesen, dass wir die Lebenssituation durch ein Grundeinkommen in ganz Namibia erheblich verbessern könnten”, sagt Jauch. “So wie eben in Otjivero.”

Die Zahlen geben ihm recht: Laut dem aktuellen Jahresbericht von BIG sind die wirtschaftlichen Aktivitäten um zehn Prozent gestiegen. “Die Menschen können jetzt ihre Arztgebühren bezahlen oder zumindest erst mal Schulden abbezahlen. Viele haben sogar eigene kleine Geschäfte gegründet.” So wie Frieda Nembaya. Sie hat sich mithilfe des Grundeinkommens selbstständig gemacht. Von den ersten 100 Dollar kaufte sie Mehl und Hefe. Inzwischen verkauft sie vor ihrer Wellblechhütte selbst gebackene Brote. Über 200 Stück im Monat, für ein Brot nimmt sie 2 Dollar 50. Zusammen mit dem Grundeinkommen ist das endlich genug. Genug, um ihre sieben Kinder satt zur Schule schicken zu können.

BIG findet Zustimmung

Dennoch ist die Haltung im Land zum BIG-Projekt gespalten. Besonders die an Otjivero angrenzenden Farmbesitzer regen sich auf. “Es ist jeden Monat das gleiche Spiel. Kurz vor dem Zahltag von BIG geht es los mit der Wilderei und dem Viehdiebstahl”, sagt Farmer Siggi von Lüttwitz der Allgemeinen Zeitung in Namibia. Die Anzahl der Viehdiebstähle, so Lüttwitz, habe seit dem Beginn von BIG erheblich zugenommen. Doch die Statistik der örtlichen Polizei sagt das Gegenteil. Laut dieser Statistik ist die Wilderei sogar um 50 Prozent zurückgegangen. Auch die Kritik der Farmer, die Bewohner würden sich von dem Geld nur Alkohol kaufen, ist laut Jauch falsch. “Soweit wir wissen, hat der Verkauf von Alkohol seit BIG weder zu- noch abgenommen.”

Im Gegensatz zu den Widerständen der weißen Farmer findet BIG internationale Zustimmung. So sprach die UNO-Kommission für Soziale Entwicklung von einem “Best-Practice”-Beispiel, einem Beispiel mit Vorzeigecharakter. Die Nationale Planungskommission stufte das Projekt gar als “zukunftsweisend für die wirtschaftliche Entwicklung Namibias” ein.

In drei Monaten läuft das Pilotprojekt vorerst aus. Dann entscheidet sich, ob die Regierung ein landesweites Grundeinkommen einführen wird. Die Kosten dafür haben Jauchs Kollegen schon kalkuliert: Rund 107 Millionen Euro jährlich. Finanziert werden soll das Projekt über die Einkommens- und Mehrwertsteuer. Die müsste um ein bis zwei Prozent angehoben werden. Durchsetzbar, findet Jauch. Und gibt sich kämpferisch: “Um die Regierung zu überzeugen, muss es Druck von unten geben. Aber dann können wir es schaffen.”

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jamie Oliver, Bill Gates, David Cameron.

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