Nur weil in einer Herde von Schafen eines schwarz ist, ist nicht gleich die ganze Herde schwarz. Bernd Heinrich Graf

Amok statt Terror

In den Reaktionen auf den Flugzeugabsturz zeigen sich die wahren Dispositionen und Affekte unserer Gesellschaft: echtes Mitgefühl, aber auch viel Heuchelei und Vorurteile.

Der Flugzeugabsturz der Germanwings-Maschine hat uns alle schockiert. Ein offenbar psychisch kranker Copilot reißt 149 unschuldige Menschen, darunter Babys und eine Schulklasse, in den Tod. Gibt es eine Erklärung für das Unerklärliche? Wir werden es wohl nie erfahren.

Die Flugzeugkatastrophe hat trotzdem einige entlarvende Wahrheiten über die Verfassung unserer Öffentlichkeit zutage gefördert. Die Bergungstrupps waren kaum ausgerückt, da hieß es schon bei den Nachrichtenagenturen: „72 Deutsche unter den Opfern.“ Als machte das die Schwere der Tragödie aus. Später wurde die Zahl nach oben korrigiert. Wären nur zwei Deutsche unter den Opfern der Flugzeugkatastrophe gewesen, wohl kaum wäre die Betroffenheit so groß gewesen.

Die Nation ist in unseren Köpfen verankert

Wenn die islamistische Terrormiliz Boko Haram unschuldige Kinder und Frauen verschleppt, ist uns das allenfalls eine Meldung wert. Gewiss, man kann die Verbrechen nicht vergleichen, und man sollte sich hüten, in eine Art aufmerksamkeitsheischenden Wettbewerb des „Was ist grauenvoller?“ einzutreten. Doch es zeigt eine ungeheuerliche Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen. Auch im Zeitalter des Echtzeit-Journalismus gibt es Schicksale, die uns mehr berühren, und Dinge, die so weit weg sind, dass sie nur wenig Empathie auslösen – die Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrinken oder die ums Leben gekommenen Fabrikarbeiter in Bangladesch, die unsere Kleider nähten.

Die Tatsache, dass man von deutschen Opfern spricht, zeigt zudem, wie wichtig die Nationalität im öffentlichen Diskurs noch immer ist. Die Theoretiker der postnationalen Identität und ihre Adepten mögen noch so sehr die Überwindung des Nationalstaates und dessen Auflösung in einen europäischen Superstaat herbeischreiben – die Nation ist tief in unseren Köpfen verankert. In der Moderne, die Trauer als Privatsache sieht und uns mit unserem Schmerz allein lässt, wird die Nation zu einem kollektiven Rahmen. Die spanische Regierung hat eine dreitägige Staatstrauer ausgerufen, die französischen Bürgermeister setzten die Tricolore auf Halbmast, in Deutschland gedachten die Menschen der Opfer in einer Schweigeminute.

Man muss vor dem Hintergrund der sich überstürzenden Ereignisse einmal innehalten – und auch die Rolle der Medien bei dieser Tragödie reflektieren. Die Berichterstattung war eine Katastrophe. Vermeintliche Experten wurden zurate gezogen, die über Absturzursache und die letzten Minuten im Cockpit spekulierten. Alle wussten wenig und mussten doch so viel sagen und unendlich viel Sendezeit füllen. Und wollten schon im Augenblick des Unfalls die Erklärung parat haben, wie es dazu kommen konnte. Das war unsäglich, ja unredlich, und für die Angehörigen muss es wohl eine Qual gewesen sein.

Terrorismus wird dem Islam zugeordnet

Nachdem sich die Hinweise verdichteten, dass der Copilot die Maschine vorsätzlich zum Absturz brachte, stellte die „Bild“-Zeitung ein Foto auf ihre Website, mit dem reißerischen Titel: „Das ist der Amok-Pilot“. Der Pranger ist wieder da. Und die Unschuldsvermutung gilt im Rechtsstaat wenig. Über die Rolle der Boulevard-Presse ist viel geschrieben worden. Interessanter ist das, was sich unter der diskursiven Schicht verbirgt: das Wort Amok-Pilot.

Was wäre wohl passiert, wenn der Pilot ein Muslim gewesen wäre? Hätte die Öffentlichkeit dann auch von einem „erweiterten Suizid“ oder „Amok-Flug“ gesprochen? Oder doch von einem terroristischen Anschlag? Der Verdacht liegt nahe, dass wohl Letzteres der Fall gewesen wäre. Man möchte sich die Schlagzeilen lieber nicht vorstellen. Das zeigt, wie schnell unsere Gesellschaft bei der Hand ist, Menschen vorzuverurteilen. Muslim plus vorsätzlich verursachter Flugzeugcrash gleich Terrorakt. So lautet die brutal verkürzte Logik. Es ist grotesk. Natürlich sind wir alle liberal und tolerant, doch unterschwellig köcheln Vorurteile.

Wäre Andreas Lubitz ein Konvertit gewesen, man hätte ihm wohl ein terroristisches Motiv unterstellt. So ist es „nur“ die Tat eines psychisch Kranken, und die Öffentlichkeit atmet geradezu erleichtert auf. Warum sprechen wir trotzdem nicht von einem Terroranschlag, wie es der Schriftsteller Martin Suter in der Sendung von Markus Lanz forderte? Vielleicht, weil Terrorismus genuin dem Islam zugerechnet wird. Vielleicht, weil uns in unserer abgestumpften Medienwelt nur noch krude Fanatiker schrecken. Die Flugzeugkatastrophe lehrt uns, dass Opfer nicht gleich Opfer sind – und Terroristen eine Frage des Standpunkts.

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