Es muss uns zu denken geben, wenn Menschen vielen Wirtschaftsführern und Politikern keinerlei Glaubwürdigkeit mehr zubilligen. Wendelin Wiedeking

Krieg gegen den Error

Der Islamische Staat ist keine Terrororganisation, sondern im Kern eine kriminelle Organisation. Daraus muss der Westen Konsequenzen für die Kriegsführung ziehen.

Entführungen, Vergewaltigungen, Enthauptungen – der Islamische Staat (IS) verbreitet Angst und Schrecken. Geschickt bespielen die Mörderbanden soziale Medien und inszenieren sich als erbarmungslose Gotteskrieger. Gleichwohl: Die Kämpfer des IS sind keine Terroristen.

Was ist überhaupt eine Terrororganisation? In der Politikwissenschaft gibt es eine Flut von Definitionen. Man kann nicht leugnen, dass der Islamische Staat einige Charakteristika wie Propaganda oder die Planung spektakulärer Aktionen mit massenmedialer Wirkung (Enthauptungsvideos) auf sich vereinigt. Die zentralen Kriterien – der Nichtbesitz von Macht und die Durchführung von Anschlägen – erfüllt der Islamische Staat jedoch nicht.

Der IS ist ein quasi-staatlicher Akteur, der ein Gebiet von Aleppo bis Bagdad unter seiner Kontrolle hat. Und sein Tätigkeitsfeld liegt nicht primär auf der Ausübung von Anschlägen. Das unterscheidet den IS wesentlich von der Terrororganisation Al-Qaida, deren versprengte Terrorfilialen in Nordafrika, Pakistan und im Irak regelmäßig Anschläge verüben. Mögen sich die Anhänger noch so sehr als fanatisierte Kämpfer gebärden – den Schergen des IS geht es nicht um Ideologie, sondern um Macht.

Man muss den Propagandanebel lichten und sich vor Augen führen, mit welchem Akteur man es zu tun hat. Der IS rekrutiert sich im Wesentlichen aus kampferprobten Milizen und ehemaligen Offizieren des Saddam-Regimes. Der IS will die sunnitische Vorherrschaft an Euphrat und Tigris zurückerobern. Das ist ein politisches und kein terroristisches Ziel. Der IS-Krieg ist die Fortsetzung der Realpolitik mit brutalen Mitteln.

Mischung aus Mafia, Menschenhändlern und Warlords

Das Label „Terroristen“, das der Westen den Kombattanten anheftet, ist folglich falsch. Der Islamische Staat stellt im Kern eine (transnationale) kriminelle Organisation dar, der über ein diversifiziertes Netz an Einnahmequellen verfügt. Neben der Produktion von Öl im Nordirak finanziert sich die Gruppe zu einem großen Teil aus dem Handel mit geraubten und geschmuggelten Antiquitäten. Systematisch werden wertvolle Kunst- und Kulturschätze geplündert, schiitische Moscheen und Schreine gesprengt. Der IS setzt sogar eigene Vertragspartner ein, die mit speziellen Grabwerkzeugen effektiver Jagd auf Kunstschätze machen sollen. Das zeugt von ungemeiner krimineller Energie. Bei der der Eroberung der nordirakischen Stadt Mossul sollen die Dschihadisten Berichten zufolge 450 Millionen Dollar aus der Zentralbank erbeutet haben. Die Kriegskasse ist prall gefüllt – zwei Milliarden Euro beträgt das Vermögen.

Der IS weist Parallelen zur mexikanischen Drogenmafia auf. Die Drogenbarone sichern ihre Reviere mit Paramilitärs und richten zur Abschreckung Menschen hin. Nichts anderes tut der IS, nur mit dem Unterschied, dass er mit Kunstschätzen „dealt“ und seine Marke religiös umdeutet. Dort, wo der IS quasi-staatliche Funktionen ausübt, muss er gar nicht mehr aus der Illegalität heraus operieren. Er treibt Steuern und Zölle im Stile von Schutzgelderpressung ein, betreibt sogar Gerichte und Schulen. Der IS ist eine kriminelle Organisation neuen Zuschnitts, eine Mischung aus Mafia, Menschenhändlern und Warlords.

Alte Deutungsmuster

Wenn wir vom IS als Terroristen sprechen, sagt das sehr viel über unser Selbstverständnis als Gesellschaft aus. Der amerikanische Terrorismusforscher Brian Jenkins konstatierte:

„Der Gebrauch des Begriffes impliziert ein moralisches Urteil; und wenn es einer Gruppierung/Partei gelingt, ihren Gegnern das Label ‚Terrorist‘ anzuheften, dann hat sie es indirekt geschafft, andere von ihrem moralischen Standpunkt zu überzeugen. Terrorismus ist das, was die bösen Jungs machen.“

Mit der fälschlichen Typisierung des IS als Terrororganisation wird der Konflikt moralisch aufgeladen. Hier die Guten, dort die Bösen. Diesem manichäischen Weltbild ist der Westen schon seit Jahrhunderten verhaftet. Man fällt in alte Deutungsmuster zurück. Der Konflikt, der in Wirklichkeit kompliziert ist und an so vielen moralischen und militärischen Fronten verläuft, wird dadurch radikal vereinfacht. Aus dem bellum omnium contra omnes wird ein Krieg alle gegen einen. Dass die die Luftschläge der USA gegen Stellungen des IS auf syrischem Staatsgebiet völkerrechtlich fragwürdig sind, gerät zur Randnotiz. Der War on Terror legitimiert rechtliche Grenzüberschreitungen.

Und er erlaubt realpolitische Kehrtwenden, die selbst unter größten rhetorischen Verrenkungen kaum möglich wären. Die Extremisten der Hamas, die einst die moderate Fatah aus dem Gaza-Streifen verdrängten, stellen sich neben den fanatisierten Kriegern des IS nun selbst als gemäßigt heraus. Der Damaszener Diktator Assad, der Giftgas gegen sein eigenes Volk einsetzte und den der britische Premier David Cameron im letzten Jahr am liebsten aus dem Amt bomben ließ, wird auf einmal zum strategischen Partner des Westens im Kampf gegen den IS.

Und die al-Nusra-Front, deren schwarze Flaggen und finster drein blickende Milizionäre als Drohbild durch die Presse geisterten, kämpft nicht nur gegen Assad, sondern auch gegen den Islamischen Staat – und damit faktisch auf der Seite der Anti-IS-Koalition. Die al-Nusra-Front sei zwar radikal, aber nicht so mordlüstern wie der IS, heißt es. Selbst die Terroristen von Al- Qaida wirken neben dem monströsen IS wie Kleinkriminelle. Wenn das Gefährliche harmlos und das Böse plötzlich gut wird, sind wir mitten in diesem verrückten Jahr 2014. Die geopolitischen Koordinaten verschieben sich in stupender Geschwindigkeit.

Amerika hat seine größte Waffe noch nicht verwendet

Die erratische Klassifikation des IS als Terrororganisation ist keine theoretische Frage für ein Politikseminar – sie hat Implikationen für die Praxis.

Aus der Tatsache, dass der IS zuvorderst eine kriminelle Organisation darstellt, muss der Westen Konsequenzen für die strategische Kriegsführung ziehen. Den Kampf gegen den IS gewinnt man nicht auf dem Schlachtfeld (genauso wenig wie man Terroristen militärisch besiegen kann), sondern in den Auktions- und Bankhäusern in Großbritannien und den USA. Dort wird weiter Raubkunst versteigert. Und dort verdient der IS Millionen. Der auf Kulturerbe spezialisierte Anwalt Rick St. Hilaire hat in einem Gutachten ausgerechnet, dass der Wert für Kunstgegenstände, die zwischen 2011 und 2013 aus dem Nahen und Mittleren Osten in die USA importiert wurden, um 86 Prozent gestiegen ist.

Man muss sich keinen Illusionen hingeben, um festzustellen, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der Kunstschätze gestohlen ist. Durch ein Handelserbot von Gütern zweifelhafter Provenienz ließe sich eine zentrale Finanzierungsquelle trockenlegen. Es ist bekannt, dass sich der IS bei irakischen und syrischen Privatbanken mit Liquidität versorgt. Die Geldströme verlaufen rund um den Globus. Die internationale Staatengemeinschaft kann zwar keine Sanktionen gegen den Islamischen Staat verhängen – sie kann aber Konten einfrieren, die in Verbindung mit den Dschihadisten stehen. An diesem Hebel muss man ansetzen.

Das Bankenwesen ist das Rückgrat der organisierten Kriminalität. David S. Cohen, Staatssekretär im US-Finanzministerium, sagte jüngst, dass die USA ihre größte Waffe, das Aussperren von Banken aus dem Finanzsystem, bislang nicht ausspielen. Das Abschneiden vom Finanzsystem würde die Dschihadisten mehr schmerzen als die Bombardierung von Ölraffinerien. Der IS hat schon jetzt massive Probleme, seine Söldner zu bezahlen. Wenn dem IS das Geld ausgeht, gehen ihm in absehbarer Zeit auch die Kämpfer von der Fahne.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Belkis Wille, Joachim Nikolaus Steinhöfel, Christoph Schenkel.

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