Das System ist kaputt. Kumi Naidoo

Frau von der Leyen und der Plagiatsvorwurf

Während die Tätigkeit der Leute von VroniPlag den etwas strengen Geruch von Schnüffelei hat, meinen coole Zyniker, gegenüber Unehrlichkeit, Dreistigkeit und Betrug in angeblich unwichtigeren Fällen besonders nachsichtig sein zu dürfen. Und das mit dem Argument, sie würden sich positiv von der titelhörigen preußischen Vergangenheit absetzen. Der Verdachtsfall von der Leyen ist ein Beispiel.

Der österreichischen, etwas exzentrischen Vorliebe für Titel steht in Deutschland mittlerweile nicht selten eine Miss-, wenn nicht Verachtung vor allem der Doktortitel gegenüber. Kommentatoren der Plagiatsfälle zu Guttenberg und Schavan wie zum Beispiel auch Georg Seesslen wollen sie ganz abschaffen, weil schon immer „geschummelt“ worden sei, weil sie „im sozialen Gebrauch“ oft eine andere, nämlich die „bürgerliche Welt“ reproduzierende Funktion hätten, weil sie „undemokratisch“ seien. Nur gekaufte Titel entsprächen unserer kapitalistischen Realität. Während die Tätigkeit der Leute von VroniPlag den etwas strengen Geruch von Schnüffelei hat, meinen coole Zyniker, gegenüber Unehrlichkeit, Dreistigkeit und Betrug in so angeblich unwichtigen Fällen besonders nachsichtig sein zu dürfen, weil sie sich so positiv von der titelhörigen preußischen Vergangenheit absetzen würden.

Fast könnte man meinen, dieser Gesinnungswandel sei schon mit der „geistig-moralischen Wende“ gekommen, die offenbar gern als Befreiung von der Doppelmoral verstanden wird, denn früher sei Betrug zwar theoretisch schlecht gewesen, in praxi sei aber doch betrogen worden. Heute jedoch seien Theorie und Praxis endlich identisch. Der Höhepunkt dieser Denkungsart ist es, sich über die Bestechlichkeit von Politikern zu freuen, da ein bürgernahes Parlament natürlich genauso bestechlich sein müsse wie der normale Bürger.

Sicher ist es gut, dass der „Herr Kommerzienrat“ oder ähnliche Figuren keinen Respekt ohne (Vor-)Leistung mehr erwarten dürfen oder empfangen. Und erst recht keine sozialen oder materiellen Vorteile. Aber darum geht es gar nicht bei den Plagiatsfällen, von denen jener der Dr. med. Ursula Gertrud von der Leyen nur der prominenteste ist. Es geht um saubere Wissenschaft und Forschung und was die uns wert sind. Die Nonchalance, mit der zurzeit gerade dieser Plagiatsfall unter den medialen Teppich gekehrt wird, ist verdächtig. Dass die Verteidigungsministerin so ganz anders behandelt wird wie ihr adeliger Vorgänger und die Schöpferin von reinen Frauenprofessuren, wirft ein schlechtes Licht auf die Presse, die mit zweierlei Maß misst, und hat wohl auch mit der omnipotenten Kanzlerin zu tun, deren designierte Nachfolgerin gerade in Zeiten eines Kriegseinsatzes nicht beschädigt werden soll. Doch ihre Integrität ist dahin. Und die Problematik bleibt bestehen.

Jürgen Kaube hat einmal ein abschließendes Wort zu den Verteidigern der Plagiatoren geschrieben. Er hat vier Argumente aufgezählt: zunächst das „Die paar Fehler“-Argument. Nach bisheriger Prüfung scheint es sich hinsichtlich der Plagiate von der Leyens immerhin um einen „mittelschweren Fall“ zu handeln, bei dem noch medizinethische Versäumnisse hinzukommen, die allerdings nach der Zeit, aus der die Arbeit stammt, gewertet werden müssen. Dann das „Alles Vorverurteilung“-Argument: Es macht die Prüfung durch die Hannoveraner Fakultät natürlich nicht überflüssig. Man wird sehen, inwieweit die Fakultät bei der Tochter eines ehemaligen Ministerpräsidenten, die zudem noch im Kuratorium der Förderstiftung dieser Hochschule sitzt, zu einer ernsten Prüfung in der Lage ist. Das nächste Argument ist noch bedenklicher: „Gibt es denn nichts Wichtigeres?“ Kaube zählte dazu auf: „Es gibt auch Wichtigeres als Steuerhinterziehung, Fahren im angetrunkenen Zustand, […] und was nicht noch alles.“

Das letzte Argument

Man kann mit Prüfungen überhaupt aufhören, wenn ein Argument sein soll, dass es Wichtigeres gebe, als Promotionen zu prüfen; der Rechtsstaat sei gefährdet. Kommt erst dieses letzte Argument: „Right or wrong – wir brauchen die Frau!“, kann damit eigentlich alles entschuldigt werden. Und so handelt die Kanzlerin auch. Dazu gab es von ihr bei zu Guttenberg schon den verräterischen Spruch, sie habe keinen wissenschaftlichen Assistenten ins Kabinett berufen, durch den alle Leute, die es mit der Wahrheit und eigener Leistung ernster nehmen, düpiert werden. Es ist vor allem die Ehrlichkeit der Verfasserin der inkriminierten Arbeit, die in Frage steht, und laut Kaube noch etwas: „Wie gescheit [soll] man sich jemanden vorstellen, dessen Ehrgeiz ihn für so wenig so viel hat riskieren lassen?“ Die Entscheidung für den Kriegseinsatz in Syrien könnte etwas mit dieser mangelnden Gescheitheit zu tun haben.

Selbstverständlich braucht eine Ministerin keinen Doktortitel. Man sollte aber die Gelegenheit nutzen, über die Grade der wissenschaftlichen Qualifikation nachzudenken. Warum überhaupt sollte man den Doktor machen wollen? Für die meisten dürften tatsächlich zwei Gründe im Vordergrund stehen: Karriere und Geld. Die einen machen den Doktor, um sich bestimmte Karrierestufen zu eröffnen, die ohne Doktortitel verschlossen blieben. Die anderen wollen den Titel als Akquise-Instrument, um mittels dieses Wettbewerbsvorteils in Kanzlei oder Praxis Kunden anzulocken. Beide haben den Sinn einer Promotion nicht verstanden. Es geht um den Nachweis, selbständig wissenschaftlich arbeiten zu können. Das hat zunächst mit Karriere oder Geld nichts zu tun. Sinnvoll wäre allein, eröffnete die Promotion Chancen im wissenschaftlichen Sektor, und nur dort. Dann hätte der Titel auch wieder mehr Anspruch auf Respekt.

Dem stehen leider, zumindest in Deutschland, traditionelle Vorstellungen entgegen. Sogar der Deutsche Hochschulverband schreibt dazu auf seiner Webseite (auf Pädagogik gemünzt, was aber durchaus verallgemeinert werden kann): „Die durch den Promotionsprozess erworbenen Kompetenzen beziehen sich nicht nur alleine auf dissertationsrelevante Themen, wie beispielsweise wissenschaftliche Theorien oder Methoden. Im Rahmen einer Promotion werden regelmäßig auch Kompetenzen im Bereich Zeitmanagement, Projektmanagement, Vermittlungskompetenz, Zielstrebigkeit und Führungskompetenz erworben. Insoweit ist eine Promotion nach wie vor regelmäßig Voraussetzung für eine Position mit Führungskompetenzen. […] Sie sollten sich […] allerdings einen klaren zeitlichen Rahmen setzen und im Benehmen mit Ihrer Betreuerin oder Ihrem Betreuer ein klar konturiertes Promotionsthema wählen, so dass der Promotionsprozess in schnellstmöglicher Zeit beendet ist.“

Der Titel als Eintrittskarte – immer noch

Man sieht, dass hierzulande auch für vollkommen wissenschaftsferne Bereiche der Doktortitel als Voraussetzung angesehen wird. Das sollte meines Erachtens geändert werden. Die alte Einheit von Praxis, Forschung und Lehre, von der her diese traditionellen Vorstellungen rühren, ist ohnehin obsolet. Das mag bedauerlich sein, denn gerade die Humboldt’sche Universität hat Deutschland viel Ruhm gebracht, aber das Aufbrechen der erwähnten Einheit ist eine bedenkenswerte Folge der modernen ökonomisierten Wissensgesellschaft.

Heute wäre es nur konsequent, die Werdegänge von Praktikern, Forschenden und Lehrenden weitgehend zu trennen. Dann würde der Doktortitel im Rahmen einer bereits bezahlten Assistententätigkeit nach dem Studium im Rahmen eines Forschungsvorhabens erworben, um sich für höhere Aufgaben in der wissenschaftlichen Welt zu qualifizieren. Es würde weniger Doktoren geben, aber auch weniger Leute, die „wissenschaftlich posieren wollen, ohne etwas Eigenes anbieten zu können“ (Kaube). Es würde also, wenigstens im praktischen Karrieresektor, weniger Unehrlichkeit, Dreistigkeit und Betrug geben, um an einen Titel heranzukommen, der eigentlich mit der betreffenden Karriere nichts zu tun hat. Es wäre ebenso nicht mehr nötig, ein „klar konturiertes Promotionsthema“, auf gut deutsch also ein relativ simples, zu wählen, um den „Promotionsprozess in schnellstmöglicher Zeit“ zu beenden, also sehr rasch und besonders leicht hinter sich zu bringen, wie es der Deutsche Hochschulverband empfiehlt, damit man in einem wissenschaftsfernen Bereich wie der Politik besser Karriere machen kann.

Frau von der Leyen kann nichts dafür, dass die deutschen Promotionsordnungen so sind, wie sie sind, aber sie hat nun einmal mit deutlichen Fragezeichen promoviert. Die Tatsache, dass sie offenbar immun gemacht worden ist gegen Plagiatsvorwürfe, deutet auf eine weitere Verschlechterung der politischen Moral und der Kontrolle von Politikern in diesem Land hin.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Adorján F. Kovács: Linke Schläger werden geduldet

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