Unser Glück verpflichtet uns zum Kampf. Jean Ziegler

„Die Zukunft liegt in Allahs Hand“

Mangelndes Interesse oder Vorstellungsvermögen – in der arabischen Welt ist Science Fiction so gut wie unbekannt. Der Übersetzer und Utopie-Experte Achmed Khammas erklärt, woran das liegt. Das Interview führte Moritz Behrendt.

Behrendt: Wie würden Sie den Markt für Science-Fiction in der arabischen Welt charakterisieren?
Khammas: Ich habe festgestellt, dass viele große Literaten der arabischen Welt einmal in ihrem Leben eine Science-Fiction-Story geschrieben haben. Damit haben sie aber eine totale Bauchlandung erlebt, weil es keine Leser gab. Nagib Mahfuz hat 1969 zur Mondlandung ein kleines Science-Fiction-Theaterstück geschrieben. Darin finden sich Anspielungen auf Selbstmordattentate, Politik, einen Nahrungsmittelengpass und Solarenergie, also noch heute hochaktuelle Themen. Aber dafür hat sich weder in der arabischen Welt noch im Westen jemand interessiert.

Behrendt: Woran liegt das mangelnde Leserinteresse in der arabischen Welt?
Khammas: Science Fiction besteht aus Science und Fiction, also aus einer wissenschaftlichen Grundlage und einem großen Vorstellungsvermögen. Wie kann so etwas in einer Gesellschaft entstehen, in der es keine Wissenschaften gibt? Seit bald 1000 Jahren entwickelt die arabische Welt keine eigenen Wissenschaften mehr. Es gibt kein arabisches Handy, kein arabisches Auto, es werden ja noch nicht mal Fahrräder hergestellt. Es fehlt die industrielle, wissenschaftliche, entwicklungsorientierte Grundlage, von der aus man dann Höhenflüge der Fantasie starten kann. Dazu kommt das zweite Argument: Die Zukunft liegt doch in Gottes Hand, wenn wir uns Gedanken machen, wie die Zukunft sein könnte, dann pfuschen wir Ihm ins Handwerk, das gehört sich nicht. Zumindest unterbewusst ist das ein wesentliches Element.

“Auch in Tausendundeiner Nacht gibt es Elemente, die man Science-Fiction zuordnen kann”

Behrendt: War das schon immer so? Gab es zu Zeiten, als die Araber in der Wissenschaft führend waren, visionäre Literatur?
Khammas: Selbstverständlich, dafür gibt es viele Beispiele. Auch in Tausendundeiner Nacht gibt es Elemente, die man der Science-Fiction-Idee zuordnen kann – das stählerne Pferd, ein Roboter der fliegt, auch der fliegende Teppich. Es gab immer wieder Eruptionen von Fantasie und Vorausdenken, aber die waren nicht nachhaltig.

Behrendt: Wie kommt Science Fiction aus anderen Weltgegenden an?
Khammas: Kaum – es wird ja fast nichts übersetzt. Es gibt allerdings ein paar sehr erfolgreiche arabische Autoren, die hauptsächlich für Kinder und Jugendliche schreiben, so im Stil von »Die drei Fragezeichen im All« – da ist alles drin: Zeitmaschinen, Roboter, Aliens. Ich nehme an, diese Autoren lesen auch fremdsprachige Science Fiction. Sie werden aber in der arabischen Literaturwelt gar nicht wahrgenommen. Ihre Werke werden viel gelesen, als Billigausgaben sind sie überall erhältlich, aber sie gelten als Schund, ähnlich wie das in Deutschland in den 1950er Jahren war.

Behrendt: Fehlt im Arabischen auch einfach das Vokabular?
Khammas: Da haben wir das nächste Problem. Im Deutschen ist es einfach: aus zwei gängigen Begriffen einen neuen bilden, der eine neue Technologie darstellt. Nehmen wir das Beispiel Kotflügel: Das Wort besteht aus zwei biologischen Begriffen, aber heute denkt jeder dabei an ein gewölbtes Stück Blech. Diese Abstraktion gibt es im Arabischen nicht, man kann ja keine Worte zusammenfügen. Mit ein bisschen Mühe könnte man aber aus dem Sprachschatz auch Modernisierungen machen, weil er so reich ist, dass er im Grunde sämtliche denkbaren Technologien beschreiben könnte. Dafür gibt es eigentlich die Akademien der Arabischen Sprache, die sind, salopp formuliert, aber erst bei der Dampfmaschine angekommen.

Behrendt: Was würde die arabische Welt durch eine Auseinandersetzung mit Science Fiction gewinnen?
Khammas: Es gibt den berühmten Begriff Orientalische Fantasie, die bewegt sich in einem Feld zwischen Paranoia, übersteigertem Selbstbewusstsein, Verklärung der Vergangenheit und einem völlig schwarzen Bildschirm, was die Zukunft anbelangt. Eine Bereicherung wäre es, die Fantasie der kommenden Generationen anzuregen, ihnen zu vermitteln, was es heißt, eine Technologie selbst zu entwickeln und nicht nur zu kaufen. Ich glaube schon, dass es den Leuten etwas bringen könnte, sich vorzustellen, mit arabisch entwickelten Raketen auf fremde Planeten zu reisen.

“Israel ist in vielen Bereichen der Technologie absolute Spitze”

Behrendt: In Israel wird dagegen viel Zukunftsweisendes entwickelt: Weckt das nicht den Neid der arabischen Staaten oder vielleicht sogar die Hoffnung auf Kooperation, wie in der Geschichte “Licht”?
Khammas: Anscheinend nicht. Als ich in Damaskus zur Schule gegangen bin, wurde uns immer gesagt, wir müssen vom Feind lernen. Aber was wir von ihm lernen sollen, hat kein Mensch gesagt. Israel ist in vielen Bereichen der Technologie absolute Spitze. Auf der arabischen Seite wird das aber gar nicht vermittelt. Wie soll da Neid entstehen oder das Bedürfnis, selbst so etwas auf die Beine zu stellen?

Auf www.zenithonline.de ist ein ausführliches Video-Interview mit Khammas zu sehen.
Der Schwerpunkt der neuen Ausgabe des Magazins zenith – Zeitschrift für den Orient widmet sich der Frage “Wohin gehen die Araber? – Der Nahe Osten in der Zukunft”.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Martin Mosebach: „Der Papst ist kein Antisemit“

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