Ich werde der Präsident aller sein. François Hollande

Das eine sagen, das andere tun

Zwei gegensätzliche Impulse prägen den politischen Diskurs in den USA bezüglich des Arabischen Frühlings: die Förderung von freiheitlichen Idealen und der Schutz amerikanischer Interessen. Dabei geraten die Bedürfnisse der Menschen in der Region aus dem Blickfeld.

Aus der Sicht vieler amerikanischer Politiker hätten sich die Menschen von Marokko bis Jemen keinen schlechteren Zeitpunkt aussuchen können, um sich aufzulehnen – am Vorabend eines nationalen Wahlzyklus. Die Form annehmende politische Realität in Ägypten, Libyen und Tunesien wurde von einigen Kandidaten verschleiert und genutzt, um auf billige Art und Weise politisch zu punkten. Sie nährten verbreitete Ängste und falsche Vorstellungen über eine Region, die ein unglücklicher Brennpunkt der US-amerikanischen Politik des vergangenen Jahrzehnts ist.

Zwei gegensätzliche Impulse im nationalen Diskurs

Der nationale Diskurs über den Arabischen Frühling ist durch die Spannung zwischen zwei gegensätzlichen Impulsen gekennzeichnet, die die amerikanische Politik gegenüber dieser Region seit dem Zweiten Weltkrieg geprägt haben. Der erste ist der Wunsch, die universellen Ideale von Freiheit, Demokratie, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit zu fördern. Aber nach 1945 wurde die Kolonialherrschaft durch die amerikanische Vorherrschaft ersetzt in der Verfolgung des zweiten Impulses: der Wunsch, strategische und wirtschaftliche Interessen zu schützen, oft durch erhebliche Unterstützung für autoritäre Regime.

Für einen sicheren Zugang zu Öl, die Garantien für Israel und nicht zuletzt für amerikanische wirtschaftliche und militärische Interessen zogen die US-Regierungen immer Diktatoren vom Volk gewählten Regierungen vor, die sich viel eher einer solchen Politik widersetzen würden. Daher haben die US-Regierungen fast jedem arabischen autoritären Herrscher beträchtliche militärische, wirtschaftliche und diplomatische Unterstützung zur Verfügung gestellt – von Saddam Hussein und Muammar al-Gaddafi bis hin zu Husni Mubarak und Zine el-Abidine Ben Ali.

Die Auswirkungen dieser Politik waren am 11. September 2001 zu spüren. Der daraus resultierende Krieg gegen den Terror ist eine der umstrittensten politischen Initiativen in der jüngeren amerikanischen Geschichte gewesen. Allerdings werden die arabischen Aufstände des vergangenen Jahres eine weitaus beständigere Herausforderung für die langfristige Position der USA in der Region sein. So drückte Obama zwar verbal seine Unterstützung für die Bestrebungen der Menschen in der Region aus, seine Regierung fuhr aber stillschweigend fort mit dem „Business as usual“ – man schickte Gesandte, um dabei zu helfen, die existierende politische Ordnung zu wahren und es wurden weiterhin Waffen geliefert, die von arabischen Militärs gegen friedlich protestierende Zivilisten eingesetzt werden.

Der Arabische Frühling bedroht amerikanische Interessen

Die rechts stehenden Präsidentschaftskandidaten in den USA haben nicht einmal vorgetäuscht, die Förderung demokratischer Ideale im Nahen Osten zu unterstützen. Stattdessen haben sie den Arabischen Frühling als eine Bedrohung für amerikanische Interessen dargestellt und als Zeichen für das Versagen der Außenpolitik der Regierung Obama. Als sich abzeichnete, dass islamisch orientierte politische Parteien die Wahlen in Tunesien und Ägypten deutlich gewinnen würden, wurde der politische Diskurs in den USA von einem alarmierenden Trend dominiert: Man warnte, dass die demokratischen Wahlen lediglich eine Etappe auf dem Weg zum islamischen Totalitarismus seien. Der Kongress hat vorgeschlagen, dass zukünftige wirtschaftliche Hilfen für Ägypten von der Entscheidung der Außenministerin abhängen sollten, ob sie meint, dass die Regierung von „Terroristen“ kontrolliert wird. Der Wille von zig Millionen Ägyptern ist somit bedeutungslos, solange Hillary Clinton das letzte Wort hat in einer Sache, die entscheidend ist für das Überleben eines schwachen Staates, der auf der Grundlage der Schirmherrschaft westlicher Mächte gebildet wurde.

Wir brauchen jetzt keine Debatte zwischen amerikanischen Politikern und darüber, ob sie den Segen ihres Landes erteilen für den unüberhörbaren Ruf nach Freiheit von Millionen von Menschen, die so lange gelitten haben. Vielmehr sollte dieser Ruf akzeptiert werden und die westlichen Regierungen sollten Respekt für die demokratischen Entscheidungen der arabischen Gesellschaften zeigen.

Übersetzung aus dem Englischen.

Leserbriefe

Aus der Debatte

Politik mit Diktatoren

Ein Jahr nach Beginn der Arabellion

Islam_arabischer_fruehling

Ein Jahr nach Beginn der Aufstände in der MENA-Region lässt sich eine dreifache Bilanz ziehen. Die Proteste sind nachhaltig, die westliche Reaktion unergiebig und Europa verliert an Macht.

Att00158
von Oliver Schlumberger
26.02.2012

Europäische Außenpolitik mit der MENA-Region

137953123

Manchmal muss man auch mit Autokraten reden, selbst wenn es wehtut. Deshalb ist die Kritik an der bisherigen Politik des Westens mit Ägypten und Co. heute wohlfeil – doch die Debatte hat eine unschöne Schlagseite.

Thomas_schiller
von Thomas Schiller
08.02.2012

Linke Solidarität mit den Schlächtern

136739982 2

Der Westen, die NATO und Israel – alles Imperialisten. Assad und Gaddafi? Opfer von deren Ambitionen. Das Internet ist voller Absurditäten, doch kritisch wird es, wenn solche Positionen von etablierten Parteien im Bundestag geteilt werden.

B_hme
von Christian Böhme
20.01.2012

Mehr zum Thema: Arabischer-fruehling, Barack-obama, Praesidentschaftswahl

Debatte

Wahlen in Ägypten und die Urteilskraft der Bürger

137791874

Wahlen in Ägypten und die Urteilskraft der Bürger

Es gibt neben der Hoffnung viel Sorge im Ägypten vor der Wahl. Doch es gibt Grund für Optimismus: Das ägyptische Volk hat bewiesen, dass man ihm ein demokratisches Urteil zutrauen kann. weiterlesen

Sahar_el_nadi
von Sahar el-Nadi
21.05.2012

Debatte

Menschenrechtsverletzungen in China

Heiko_sakurai

Menschenrechtsverletzungen in China

Europa übt keinen spürbaren Druck auf China aus, damit die Menschenrechtsverletzungen in dem Land beendet werden. Dabei finden hier derzeit vergleichbare Prozesse wie im Arabischen Frühling statt. weiterlesen

Kine_portrait
von Phelim Kine
04.05.2012

Debatte

Unwort Naher Osten

Photocase8797428153334861

Unwort Naher Osten

Der geografische Begriff des Nahen Ostens ist unscharf – je nach Interessenlage bezeichnet er eine andere Region. Jetzt wäre die Zeit, ihn über Bord zu werfen. weiterlesen

Sahar_el_nadi
von Sahar el-Nadi
18.03.2012
meistgelesen / meistkommentiert