Strategie in Afghanistan
Datum: 2010-01-29
Sollte sich ein Außerirdischer für die deutsche Debatte über Afghanistan interessieren, könnte er glauben, die Bundeswehr sei nur hingezogen, um nicht aus nächster Nähe verfolgen zu müssen, wie gestritten wird – nicht über Abzug. Und so streiten kann man gar nicht, dass man sich seit den afghanischen Präsidentschaftswahlen im August nicht einig ist in allen NATO-Ländern genauso wie in Deutschland: Jetzt ist der Abzug wirklich überfällig. Verhandlungen mit den Taliban sind die Lösung. Wenn jemanden Schuld trifft, dann die Afghanen, nicht uns. Wirklich?
“Unsere Soldaten sind wichtiger als eure Zivilisten”
Von Anfang an prägte den NATO-Einsatz, neben Zank und Hader, ein ungeschriebenes Gesetz, das da lautet: “Unsere Soldaten sind wichtiger als eure Zivilisten.” Die Folgen davon kann jeder im Internet überprüfen: Seit 2001 sind zwischen 9000 und 12.000 afghanische Zivilisten umgekommen. Und rund 1500 Soldaten.
Obwohl 70 Prozent der getöteten Männer, Frauen und Kinder bei Anschlägen der Taliban gestorben sind, sind es bei NATO-Eingriffen immer noch doppelt so viele Zivilisten wie Militärs. Daraus kann man folgende Schlüsse ziehen, die, mit einer Ausnahme, von keinem zugegeben werden: Erstens hat Präsident Hamid Karsai recht, wenn er sich über die hohe Zahl von getöteten Zivilisten beklagt. Zweitens bedingt das eine das andere. Je weniger “unserer” Soldaten umkommen, desto größer ist die Opferzahl “seiner” Zivilisten.
So paradox es klingt, Soldaten-Leben zu schützen ist im Krieg moralisch nicht unbedingt das Richtige. Sind Zivilisten auf einem Kriegsschauplatz anwesend, wird es zweitrangig. Nirgends mehr als in einem asymmetrischen Konflikt à la Afghanistan: “Im Falle von anwesenden Zivilisten”, schreibt der Philosoph Michael Walzer, “muss eine Armee so agieren, dass der Schaden an diesen Menschen so niedrig wie möglich gehalten wird, egal welcher Nationalität, Volksgruppe oder Familie sie angehören.” Mehr noch: Laut Walzer sollen Soldaten jedes demokratischen Landes nicht die Helden spielen, ein moralisches Recht, auf sich besser aufzupassen als auf einheimische Zivilisten, haben sie aber nicht.
Wie viele “Tankwagen” wurden schon auf ähnliche Art “erledigt”
Frage an die NATO: Wie viele “Tankwagen” wurden schon auf ähnliche Art “erledigt” – sprich, vorschnell wie in Kunduz bombardiert, aus Angst um die eigenen Männer? Und mit welchen langfristigen Folgen? Öffentlich sorgt das nur General McChrystal. Der neue NATO-Kommandant in Afghanistan gestand bei seiner Anhörung vor dem US-Senat im vergangenen Juni ein: “Der Erfolg in Afghanistan wird davon abhängen, wie sehr wir Zivilisten vor Gewalt bewahren.”
Das bedeutet: Bisher war es anders, nicht nur bei dem Luftschlag in Kunduz. McChrystal verlangt von den Deutschen nun, sie sollten mehr “wagen”. Weniger an sich denken. Mehr an die Afghanen. Eine wichtige, aber zu späte Kriegserkenntnis, wenn man auf den Kalender schaut: Es bleiben noch 18 Monate. Im Juli 2011 beginnt der US-Abzug.
Jetzt werden Afghanistans Tausende Tote zur Sinnlosigkeit verdammt – falls es so etwas gibt -, indem man für einen glattlaufenden NATO-Abzug mit den Taliban verhandeln will. Abgesehen davon, dass dieselbe Strategie im Irak nicht den gewünschten Erfolg gebracht hat, wie die jüngste Anschlagsserie auf Hotels in Bagdad zeigt. Verhandelt die NATO so, wie sie kämpft, bedeutet das für die Einheimischen nichts Gutes.
Der achtjährige NATO-Krieg droht in den Geschichtsbüchern beschrieben zu werden als ein Konflikt, der, “so furchtbar … er war – nichts beendet, nichts begonnen und nichts geregelt hat”. Worte des britischen Schriftstellers H. G. Wells über den Ersten Weltkrieg.
























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