Es ist an der Zeit, sich beim Thema Afghanistan der Realität zu stellen: Der Rückzug ist keine echte Option. Die USA, die NATO, die Europäische Union und andere Nationen haben in den vergangenen acht Jahren unglaublich investiert, um das Land zu stabilisieren. Daher werden – und sollten – sie jetzt nicht davon abrücken, nur weil sich die Taliban als härterer Gegner als gedacht erweisen. Wir brauchen nicht Zehntausende weitere Truppen, sondern müssen verstehen, was realistisch in Afghanistan erreicht werden kann.
Die Antwort der Obama-Administration auf die sich verschlechternde Situation in dem Land scheint hingegen aus einem Wort zu bestehen: “mehr.” Mehr Truppen, Zivilisten, Aufgaben, Missionen. Es ist zwar nichts falsch daran, den Afghanen bei der Entwicklung ihres Landes zu helfen. Aber falls es das Ziel ist, in Afghanistan eine starke, funktionierende Zentralregierung und eine lebensfähige Wirtschaft aufzubauen, wird diese Aufgabe Jahrzehnte und nicht Jahre beanspruchen. Denn Afghanistan ist eines der zehn ärmsten Länder der Welt und die Zentralregierung seit Jahrhunderten schwach.
Es gibt keine Alternative zu Karsai
Der Fokus muss sich daher vom Nationbuilding zum Abschluss von Deals verschieben. Denn das zentrale Problem in Afghanistan ist, dass sich die Paschtunen, die 45 Prozent der Bevölkerung und fast 100 Prozent der Taliban ausmachen, machtlos fühlen. Mit denen müssen wir reden, ob sie sich nun “Taliban” nennen oder nicht. Das Kaufen, Anheuern oder Bestechen von Paschtunen-Stämmen sollte dabei das Herzstück von Amerikas Stabilisierungsstrategie sein.
Bislang waren jedoch die Anstrengungen, den Taliban die Hand zu reichen, eingeschränkt und halbherzig. Die Schuld dafür geben einige Präsident Hamid Karsai, obwohl dieser bizarrerweise den Prozess durch Verhandlungen mit dem Talibanführer Mullah Omar sogar aufnehmen will, auch wenn der keine Verhandlungsbereitschaft hat erkennen lassen. Andererseits bleibt die US-Regierung selbst sehr zurückhaltend oder will zumindest warten bis die Talibankämpfer in der Defensive sind.
Besser wäre es hingegen, diese Deals würden auch auf die Politik-Spitze ausgedehnt. Und US-Vertreter sollten in diesem Zusammenhang aufhören, über Karsai herzuziehen: Wir haben keine Alternative. Afghanistan braucht einen Paschtunen-Führer; Karsai ist einigermaßen unterstützend. Angenommen die Vorwürfe der Korruption und Wahlmanipulation gegen ihn sind wahr. Glaubt irgendjemand tatsächlich, sein Nachfolger wäre auch nur ein bisschen ehrlicher oder effizienter? Die beste Strategie wäre es, wir würden versuchen, Karsai dazu zu bringen, mit seinem größten Kontrahenten, Abdullah Abdullah, in einer Art Koalition zusammenzuarbeiten. Gerade die unsauberen Wahlen schaffen doch erst die Möglichkeit, eine Regierung der nationalen Einheit zu formen.
Insgesamt gibt es daher drei Optionen, um die Sicherheitsbedingungen in Afghanistan zu ändern. Erstens: mehr US-Truppen. Zweitens: mehr afghanischen Truppen. Drittens: Verringere die Zahl feindlicher Truppen dadurch, dass sie die Seiten wechseln oder ihre Waffen niederlegen. Diese dritte Strategie hat sehr gut in Irak funktioniert und muss schnellstens in Afghanistan angewendet werden. Wir können davon ausgehen, dass Afghanistan auch in ein paar Jahren arm, korrupt und dysfunktional sein wird. Aber wenn wir die richtigen Deals eingehen, wird es von Führern geleitet, die das Land unzugänglich für Terrorgruppen wie El Kaida halten. Das ist mein Verständnis von Erfolg.
















