Die große Mehrheit der Menschen steht hinter der Occupy-Bewegung. Joseph Stiglitz

Entrepreneurialism has become cool

Nicht jeder kann seinen kindlichen Traum vom Beruf des Geheimagenten umsetzen, doch jedem sollte erlaubt sein, diesen idealisierten Kontext als Ziel zu haben. Von der Selbstständigkeit der Deutschen und dem Drang, die Leidenschaft zum Beruf zu machen.

Fragt man Kinder, was sie später einmal werden wollen, sagen sie selten: Sachbearbeiter in einem Versicherungsunternehmen, Optimierer von Google-Rankings oder Senior Account Manager. Kinder haben konkrete, handfeste Vorstellungen von Arbeit. Der sprichwörtliche Feuerwehrmann oder Lokomotivführer mag heute nicht mehr an erster Stelle infantiler Jobwünsche stehen, vielleicht aber doch noch Arzt, Ladenbesitzer oder Geheimagent. Dafür zu plädieren, solche Träume als Erwachsener in jedem Fall umzusetzen, wäre naiv, sogar fahrlässig. Diese Vorstellungen als irrelevant abzutun, hieße aber, einen wichtigen Aspekt dessen auszublenden, was uns menschlich macht, so der Autor Alain de Botton: die Fähigkeit, uns selbst in fiktive, idealisierte Kontexte hineinzublenden. Uns vorzustellen, was wäre, wenn. Nur so entstehen Pläne, Visionen, nur so entsteht Neues.

Der Deutsche und die Selbstständigkeit

Traditionell gelten die Deutschen als risikoscheu. Doch inzwischen überlegen immer mehr von ihnen, ihr eigener Chef zu werden. Eine TNS-Emnid-Umfrage aus dem Jahr 2008 zeigt: Trotz vieler Vorbehalte ist für acht von zehn Bundesbürgern die Selbstständigkeit attraktiv. Sie schätzen daran vor allem die Möglichkeit, eigene Ideen umzusetzen, selbstbestimmt und von zu Hause aus zu arbeiten. Ausgerechnet im Krisenjahr 2009 sind im deutschen Mittelstand mehr Unternehmen entstanden, als aufgegeben werden mussten.
In einer Wirtschaftskrise sinkt das Risiko der Selbstständigkeit sogar relativ, schreibt die Wirtschaftswoche: “Manche sicher geglaubte Anstellung ist es de facto nicht.” Die Krise als Chance zu betrachten, rät auch Jens-Uwe Meyer, Autor des Buches “Das Edison-Prinzip”: “Wenn Sie das Leben erfolgreicher Kreativer untersuchen, werden Sie feststellen: Die meisten von ihnen haben in Krisen nur das Positive gesehen.” Als Edisons Labor in Flammen stand und die Arbeit von Jahren vernichtet war, sagte er trocken: “Endlich sind wir den alten Krempel los.” Dennoch gilt bei uns in der Regel: Ein Deutscher, der behauptet, Unternehmertum sei endlich “cool” geworden, wird unter dem begründeten Verdacht stehen, Wahlwerbung für die Jungen Liberalen zu machen – und das noch eher ungeschickt. Es muss also die in allen politischen Lagern gelesene britische Wirtschaftszeitung The Economist kommen, um diese These glaubwürdig zu vertreten. “Entrepreneurialism has become cool”, schrieben die Engländer kürzlich – wohlgemerkt wiederum mitten in der Krise.

“Meconomy” – die Leidenschaft zum Beruf machen

Victor Hugo wird darin das Bonmot zugeschrieben, man könne sich einer einmarschierenden Armee entgegenstellen, aber nicht einer Idee, deren Zeit gekommen ist. “Diese Idee”, so der Economist triumphierend, “ist heute das Unternehmertum.” Der Erfolg dieses neuen Gründergeistes sei getrieben von einem grundlegenden technologischen Wandel. Drei Erfindungen demokratisieren die Welt der Selbstständigen in atemberaubender Geschwindigkeit: der Computer, das Mobiltelefon und das Internet. “Kleinunternehmer können ihre Computer oder Laptops benutzen, um Zugang zu hochkomplexen Dienstleistungen zu erhalten – ob sie in ihrem Büro sitzen oder in einem Hotel am anderen Ende der Welt”, schreibt der Economist. In der Tat ist dies ein historisch einmaliger Sachverhalt, für den ich in meinem neuen Buch den Begriff “Meconomy” präge. In ihr können wir so einfach wie nie unsere Leidenschaften zum Beruf machen, uns selbst verwirklichen und dabei unserer kindlichen Idealvorstellung von Arbeit verblüffend nah kommen.

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