Die Schlange war eigentlich mal wieder viel zu lang bei Vapiano. Meinem Freund war das egal. “Die Nudeln sind aber richtig gut.” Und wo soll man am Potsdamer Platz auch sonst groß essen gehen, ohne groß essen zu gehen? Der Freund bestand also auf Vapiano. Jenun, er hat ja auch gerade viel Zeit. Und Redebedarf.
Er begann am Ende der Schlange: “Meine Jobsituation ist gerade ziemlich pending.” Mir war sofort klar: Den Begriff “ziemlich pending” und das modulare Aufbausystem der Pasta-Karte würde ich gedanklich nicht simultan in den Griff bekommen. Pasta hatte Prio. Die üblichen Nudelsorten konnte man mit üblichen und unüblichen Soßen kombinieren, geclustert nach Gruppo A, B, C und D. Ich sage zu dem Freund: “Ich dachte, die nächste WM ist in Südafrika und nicht in Italien.” Der guckte irritiert und sagte: “Aus dem Bildungsministerium habe ich immer noch nichts gehört. Der Hauptabteilungsleiter, mit dem ich seit Monaten in Kontakt stehe, ist wirklich ein Sack.”
“Frauen käme inhaltlich auch infrage”
Penne arrabiata spielt bei Vapiano in Gruppo A, Spaghetti bolognese in Gruppo B und Ravioli con Carne in Gruppo C. Granchi di Fiume steht in Gruppo D in der Tabelle zurzeit nur auf Platz vier. Wir selbst waren in der Zwischenzeit schon zwei Plätze aufgerückt, da sagte mein Freund: “Frauen käme inhaltlich auch infrage und es gibt dort auch direkte Kontakte.” Ich sagte: “Das gilt für mich eigentlich auch.” Und grinste. Er fand das wieder nicht witzig. Die Stimmung drohte zu kippen. Sicherheitshalber fragte ich schnell: “Was heißt in dem Fall direkte Kontakte?” Er sagte: “Ich kenne mehrere Referatsleiter und habe auch mit mehreren gesprochen, aber da die Ministerin bleibt, tut sich halt gerade nicht viel.”
Ich las ganz unten auf der Karte: “FRISCH SCHMECKT’S AM BESTEN. DAHER STELLEN WIR UNSERE SAUCEN TÄGLICH SELBST HER. GENAUSO WIE UNSERE PASTA UND UNSERE RAVIOLI. SIE ENTSTEHEN DIREKT HIER VOR ORT: IN DER GLÄSERNEN PASTA MANIFATTURA. DABEI VERWENDEN WIR AUSSCHLIESSLICH NATÜRLICHE ZUTATEN.” Ich suchte die gläserne Pastamanifattura. Und tatsächlich: Wir kamen der Scheibe, die Gäste und Nudelhandarbeiter mit ihren ausschließlich natürlichen Zutaten trennt, immer näher. “Am besten scheinen die Chancen gerade bei Entwicklung”, sagte der Freund. Das wunderte mich. Ich kenne ihn seit elf Jahren, aber Interesse oder Expertise für Afrika und Gedöns war mir bei ihm bislang noch nicht aufgefallen. “Da ist halt durch Niebel gerade richtig Bewegung. Da wird gerade ganz viel ausgewechselt.”
Plötzlich stand ich unter Zugzwang
Noch unter ganz unten auf der Karte stand klein, nicht in Kapitalen, dafür mit Hochzahlen: “Enthält: 1 Konservierungsstoffe, 2 Antioxydationsmittel, 3 Farbstoff.” Mein Blick wanderte zurück in die Gruppen. Arrabiata war clean. Bolognese enthielt 1 und 2, Ravioli con Carne ebenfalls. Granchi di Fiume war mit 3 versetzt, aber das gehört sich für Flusskrebse in Hummersoße sicher auch so. Erst dachte ich: Gibt es eigentlich ausschließlich natürliche Antioxydationsmittel? Dann dachte ich: Entwicklung könnte vielleicht doch passen, denn der Niebel hat davon ja auch keine Ahnung. Der Freund nahm ohne zu zögern Granchi di Fiume aus Gruppo D. Plötzlich stand ich unter Zugzwang. Mein Blick wanderte hektisch über die Tafel. Der Pastahandarbeiter schaute mich immer ungeduldiger an. Ich konnte das Gegrummel hinter mir schon kommen hören. Ich sagte: “Ich glaube, meine Entscheidung ist irgendwie pending.” Der Freund fand das schon wieder nicht lustig. Ich nahm schnell Penne arrabiata. Während des Essens haben wir dann eher wenig gesprochen, uns bei der Verabschiedung dennoch wie immer halbherzig auf die Schulter geklopft.
Zurück am Schreibtisch schickte ich ihm dann zur Versöhnung folgenden Link zu Youtube. Er schrieb erst am nächsten Tag zurück. “Nicht neu, aber immer wieder lustig.” So weit ich weiß, ist ein Anruf von Niebel nach wie vor pending. Bingo.













