Zu Berlin muss man sich verhalten. Es geht gar nicht anders. Veranstaltungen wie die Berlinale erhöhen den Druck nur etwas. Also: Ich verhalte mich jetzt mal zu Berlin.
Danke Berlin! Dank Dir haben wir Deutschen einen Sehnsuchtsort. In der Nachwendezeit als Party- und Szenestadt aus den Ruinen der Teilung hervorgegangen, bist Du heute die Kapitale der internationalen Start-up-, Mode, Design-, Werbewelt.
Jedem Tierchen …
Berlin, Du bist die Stadt, die alle Zugezogenen prägen und mitgestalten können. Der berühmte Rheinländer bekommt seinen Rosenmontagszug, die Katholiken ihre Fronleichnamsprozession. Für Schwule und Lesben gibt es eine ganz große, eigene Parade. Für jeden Bundesligaverein hast Du eine Bierkneipe, die an Spieltagen von Fans bevölkert wird. Integration heißt: Du hast Platz für uns alle.
München hat eine Stadt-leit-kultur, Hamburg hat eine Stadt-leit-kultur. Anpassung ist dort gefragt. Berlin, Deine Stadtluft macht uns richtig frei!
Die Stadt kennt keine Tradition
Alte Gewissheiten zählen hier nichts. Am Aschermittwoch springen hier immer noch geschminkte, verkleidete Kinder rum. Die Stadt kennt keine Tradition, außer dass sie keine Tradition hat. Sie genügt sich selbst. Berlin, Du hinterfragst uns: Wer bist Du? Wie willst Du leben?
Alle kommen zu Dir, wir müssen gar nicht mehr raus vor die Stadttore. Wenn es uns zu eng wird hier, dann wären wir gerne in München oder in Hamburg. Wegen der Berge, der Seen und des Meeres. Dein Umland ist unwirtlich. Brandenburg: das Land der Springerstiefel und SED-Kader. Nein, zum Glück müssen wir hier nicht raus.














Sehr geehrter Herr Görlach, das Verhalten zur Stadt Berlin der zahlreich hier lebenden Zugezogenen haben Sie sehr treffend beschrieben. Auch als junger Berliner empfinde ich die Stadt so. Erschrocken hingegen hat mich Ihr Schlusssatz. Offenbar verschließen Sie Ihre Augen und verlieren sich in Klischéedenke, wenn Sie sich zum Land Brandenburg positionieren. Ich empfehle Ihnen im Sommer mal mit dem Rad nach Potsdam raus zu fahren, oder die weitläufige, gewiss nicht unwirtliche, Seenlandschaft vom Boot aus zu erkunden, ungeachtet des vielseitigen Kulturangebotes. Man trifft sogar eine Vielzahl Berliner, echter aufgeschlossener Berliner, die die Stadt zu dem gemacht haben, was Sie so schön in Ihrer Kolumne beschrieben. Viele Grüße, K.-U. Tank
Lieber Herr Tank,
Sie haben sicher recht, dass ich am Schluss meiner Kolumne glossarisch überziehe. Und die Seen um Potsdam sind wirklich wunderschön. Das große Aber: Es gibt genügend Rechtsradikale im Berliner Umland (genauso wie auch in einzelnen Berliner Stadtteilen), die Ihnen einen Ausflug sehr verleiden können. Wer möchte schon mit seinem zerborstenen Kiefer über einem brandenburgischen Bürgersteig enden? Die Probleme, die Herr Platzeck mit Ex-SEDlern in seiner Regierung hat, habe ich nicht künstlich hochgezogen; der Sachverhalt ist hinlänglich bekannt. Vielleicht sehen wir uns ja mal – wenn dieser unsägliche Winter vorüber ist – bei einer kühlen Erfrischung an einem der Berliner Seen.
Herzlich
Ihr
Alexander Görlach
Lieber Alexander, also zu Brandenburg finde ich bei aller Notwendigkeit des Überziehens auch in Deiner Antwort ein Bedrohungsbild, das mich an eine persönliche Episode erinnert. War in den 1990ern häufiger in Brasilien. Trug wegen der Gewaltwarnungen fast keine Werte bei mir. Die Pointe: Dem Flugzeug entstiegen empfangen mich meine (gebildeten) Gastgeber mit den ernstgemeinten Worten “Sie sind doch sicher froh, Ihrem durch Rechtengewalt geprägten Land mal für ein paar Tage ins ruhige Rio entkommen zu können.” Soviel zur Imagebildung durch selektive Berichterstattung. Und übrigens: Berlin mag keine sozialen Traditionen haben, aber grandios ist es auch, weil man auf Schritt und Tritt auf lebendige Historie trifft…Dein “Mitarbeiter” Jo
…das war nicht Alexander an sich selbst sondern ein zum Ausfüllen zu blöder Jo.
Lieber Jo,
schön, dass Du hier am Kommentieren bist! Je nach persönlicher Disposition liegt gerade in der Traditionslosigkeit eine Chance, sich täglich neu zu erfinden oder sich genau und selbst finden zu müssen.
Wo es keine Anker in der Außenwelt gibt, da hilft der Rückbezug auf die Innerlichkeit. “Noli foras ire – in te ipsum redi.” Gehe nicht nach außen, sondern kehre zu dir selbst zurück, sagt der Heilige Augustinus. Wir wissen doch aber beide, wie wenige Menschen hier in Berlin die Chance nuten, die diese Stadt für neue Innerlichkeit bereit hält.