Frau Käßmann irrt. Es geht in dem Konflikt, dem Krieg in Afghanistan, nicht um die Frage eines gerechten Friedens, den die Bischöfin sich wünscht, sondern um die Frage, ob der bewaffnete Kampf, der dort geführt wird, den Kriterien eines “gerechten Krieges” entspricht.
Eine Frage der sozialen Gerechtigkeit
Wo liegt der Unterschied? Hier in Deutschland müssen wir uns fragen, ob der Friede, in dem wir leben, vollends gerecht ist. Das ist in besonderem Maße eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Sie ist die Grundlage und Garantie für den Frieden einer Gesellschaft. In Afghanistan: Ist der Krieg, der dort geführt wird, (noch) gerecht? Ob und wenn ja in welchem Umfang darf beispielsweise mit toten Zivilisten kalkuliert werden.
Die Lehre vom gerechten Krieg, vom Bellum iustum, ist in der Geschichte der Kirche immer eine harte Konfrontation mit der Wirklichkeit gewesen. Seit das Christentum zur Staatsreligion des Römischen Reiches wurde, mussten sich die Theologen mit der Frage plagen, inwieweit der Staat in angemessener Weise Gewalt ausüben darf gegen andere. Zuvor war Pazifismus die Haltung der Christen: Wer an Jesus glaubte, verrichtete keinen Dienst an der Waffe!
Das Leben als Kampf
Dabei ist das Bild vom Kampf auch den Christen geläufig: sowohl in Form des inneren Kampfes als auch in der Frage der äußeren, bewaffneten Auseinandersetzung. Beide Formen bezeichnet der Islam als Dschihad. Die Bibel ist voller Sentenzen, die das Leben als Kampf bezeichnen. Der Heilige Martin, der den Mantel teilt (sozialer Friede!) und der mit den Laternen, sagt nach seiner Bekehrung, dass er nicht mehr ein Soldat des römischen Kaisers, sondern ein Soldat Christi sei.
Was hilft das einer Kirche, die Pastorinnen mit gebatikten Stolen in die Arena schickt, bei ihrer Suche nach einer Antwort auf die Frage, ob es einen gerechten Krieg gibt. Was hilft das einer Kirche, die sich “mehr Fantasie” wünscht für den Frieden, “für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen”, wie Frau Käßmann in ihrer Neujahrspredigt gesagt hat. Die Lehre vom gerechten Krieg definiert – formale – Kriterien, nach denen bewaffnete Konflikte klassifiziert werden können. Internationale Entitäten, die Vereinten Nationen, haben für den Einsatz in Afghanistan ein Mandat erteilt. Ist Fantasie ein juristischer Begriff? Wie stehen die Taliban zu alternativen Friedensmodellen?
Eines übersieht Frau Käßmann: “Der Friede besteht nicht darin, dass kein Krieg ist.” Das ist richtig: Wenn morgen keine Soldaten mehr im Land wären, würde aus Afghanistan deshalb noch kein Friedensreich. “Der Friede”, heißt es in dem Zitat aus einem Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils weiter, “ist ein Werk der Gerechtigkeit.” Das heißt: Es gibt nur einen Frieden in einem Land, wenn es dort gerecht zugeht. Diese Gerechtigkeit muss man sich erkämpfen, wenn es nötig ist. Oder glaubt hier jemand, dass die Taliban gerechte Friedensbringer sind?
Leserbriefe
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Folgender Leserbrief wurde von Herrn Roland Biniossek per Email eingesandt:
“Sehr geehrter Herr Dr. Görlach,
wenn sich Auffassungen wie die Ihre in der evangelischen Kirche durchsetzten, würden die Kirchenaustritte überhaupt nicht mehr zu stoppen sein.
Dass die Kirchen die Kanonen segneten, das hatten wir schon genug und wir haben es satt !
Mit den vielen Milliarden für den Krieg in Afghanistan – wie viele Menschen könnte man in der Welt aus Hunger und Unwissenheit befreien – ohne dabei Menschen töten zu müssen ?
Anyway: Der Krieg in Afghanistan ist für die „Willigen“ sowieso verloren. In einigen Jahren wird man sich aus dem blutigen Schlamassel zurückziehen müssen.
Danke an Frau Käßmann. Und dem Baron sei gesagt:
Wenn sich die Geschichte schon wiederholt, dass ein Adliger unsere Leute verheizt, dann kommt auch ein 14.Juli wieder."
Sehr geehrter Herr Biniossek,
herzlichen Dank für Ihren Leserbrief. Der militärische Einsatz in Afghanistan ist eine Notwendigkeit, die sich die Bundeswehr nicht ausgesucht hat. Das Diktum von Herrn Struck, dass die Freiheit Deutschlands am Hindukusch verteidigt werden muss, ist leider nur insofern obsolet, dass diese Freiheit auch im Jemen und an anderen Orten der Welt auf dem Spiel steht und jederzeit von dort aus angegriffen werden kann.
Wie können wir dieser Form von Bedrohung durch nicht-staatliche Akteure begegnen? Mit Entwicklunghilfe? Ja. Mit Mitteln der klassischen Politik? Auch. Als ultima ratio bleibt angesichts eines bis zu den Zähnen bewaffneten Gegnern nichts anderes übrig, als zu den Waffen zu greifen.
“Selig, die Frieden stiften” – auch mit Waffen. Am Ende muss allerdings eine friedliche Gesellschaft in Afghanistan stehen, sonst war der Blutzoll umsonst.
Lieber Alexander,
mit Verwunderung lese ich, dass meine “Freiheit am Hindukusch verteidigt werden muss”… Denn mich hat bislang ein Taliban weder bedroht noch angegriffen. Ist dies bei dir anders??
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Dass die Kirchen die Kanonen segneten, das hatten wir schon genug und wir haben es satt ! customer service skills