Die CDU ist in wirtschaftspolitischen Fragen weder existent noch seriös. Klaus Wowereit

There we have the salad!

Man möchte am liebsten weghören, wenn so mancher deutsche Spitzenpolitiker im Ausland eine Rede hält. Doch wieso kann unser vielfach akademisch gebildetes Spitzenpersonal kein Englisch? Der Fehler liegt im System.

Man mag kaum hinsehen. Geschweige denn hinhören. Seit Oettingers Günther in Brüssel Politik macht, muss er auch auf Englisch ran. Keine so leichte Sache. Fragen Sie nur mal Guido Westerwelle. Oder Frank-Walter Steinmeier. Oder Claudia Roth. Aber von wem hätten sie auch Englisch lernen sollen? Etwa von Joschka Fischer? Gerhard Schröder? Helmut Kohl? Seien wir nicht unfair. Letzterer konnte wenigstens Altgriechisch. Sagt man.

Seit Jahrzehnten fehlt es Deutschland als Kulturnation und Exportweltmeister an einer politischen Spitzenkraft, die in der Lage wäre, auf internationalem Parkett flüssig mitzudiskutieren. Oettingers jüngster Gewaltmarsch durch das Englische steht in diesem Sinne nur beispielhaft für die durchgängig dürftigen bis schlicht inexistenten Fremdsprachenkenntnisse unseres politischen Personals. Youtubetaugliche Peinlichkeiten bleiben also vorprogrammiert. Der wahre Schaden ist jedoch ein anderer, verweist die sorgsam gepflegte Tradition sprachlicher Inkompetenz doch auf ein grundlegendes Problem des politischen Systems.

Der Horizont wirkt begrenzt

Klicken Sie sich nur einmal durch die Lebensläufe unserer aktuellen Bundestagsabgeordneten und halten dort nach relevanten Auslandserfahrungen Ausschau (Schule, Studium, Arbeit). Nichts, nichts und wieder nichts! 90 Prozent unserer Volksvertreter kennen das Ausland nur aus dem Urlaub. Sie sind lebensweltlich nie über ihren eigenen Wahlkreis hinausgekommen.

Nur deshalb – und damit berühren wir das eigentliche Problem – konnten sie überhaupt Bundestagsabgeordnete werden! Der politische Aufstieg in Deutschland ist noch immer an ein beharrliches Hochdienen durch Orts-, Kreis- und Landesverbände gebunden, das permanente Präsenz vor Ort erfordert. Für mobile, welthungrige und damit ambitioniertere Naturen sieht es strukturell keinen Platz vor. Wer bleibt, steigt. Das einzige Kabinettsmitglied, das in mehr als einer Fremdsprache flüssig parlieren kann, bestätigt diese Diagnose vollauf. Denn Ursula von der Leyen wusste sich qua Familienherkunft solcher Kleinkriege enthoben.

Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen

Die konkreten politischen Konsequenzen dieser systemisch bedingten Horizontbegrenzung sollten nicht unterschätzt werden. Jeder Mensch, der auch nur einige Monate im Ausland verbracht hat, wird bezeugen, dass diese Erfahrung nicht nur ein Verständnis für andere Organisations- und Lebensformen öffnet, sondern vor allem, dass erst die Distanz der Fremde einen klareren Blick auf das Eigene ermöglicht (Goethe: Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen). Der Wert dieser Fremderfahrung ist durch nichts zu ersetzten oder aufzuwiegen. In Zeiten vollends globalisierter Funktionssysteme darf sie als Bedingung der Möglichkeit erfolgreicher Politik überhaupt gelten. Unseren Ministern und Bundestagabgeordneten fehlt sie fast vollständig. Sie stapfen staunend durch Berlin und wähnen sich in einer multikulturellen Weltstadt.

Gott allein kennt die Unzahl der politischen Fehlentscheidungen, die dieser Mangelkonstellation in unserem Land zu schulden sind. Aber wer wird ernsthaft bezweifeln, dass das faktisch vollständige Scheitern der deutschen Einwanderungs- und Integrationspolitik etwas mit der Tatsache zu tun hat, dass unseren Entscheidungsbefugten die Erfahrung der Fremde selbst fremd ist. In jedem Fall ist der wahre Schaden weitaus größer als der Prestigeverlust, der entsteht, wenn sich ein nach Brüssel abgeschobener Ex-Ministerpräsident akzentbedingt zum Äffle machen muss.

Leserbriefe

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    Christian Thaler – 29.01.2010 - 15:07

    in anderen europäischen ist umfangreiche Auslandserfahrung unabdingbar für top Politikerpositionen, in Deutschland ist es ein Nachteil. Komischerweise ist das vor allem in kleinen Ländern der Fall – die, die sich anpassen müssen oder wo Jahrhunderte von Seefahrertradition Internationalität mit in die Wiege gelegt haben.

    Nur leider werden wir einen Sinneswandel in Deutschland nicht mehr erleben bzw. nutzen können.

  • Theeuropean-placeholder
    Robert Rode – 15.02.2010 - 14:28

    Ich kann Herrn Thaler nur zustimmen. Es gibt auch polyglotte bekannte deutsche Politiker (Martin Schulz, Daniel Cohn-Bendit, etc.), aber sie sind tatsächlich nur die Ausnahme. Heutzutage gehört verhandlungssicheres Englisch im Berufsleben einfach oft dazu, außer man bewirbt sich bei der Kreissparkasse. Unser politisches Spitzenpersonal wirkt dagegen oft provinziell. Das kann tatsächlich ein Grund dafür sein, dass Deutschland als de facto Einwanderungsland bis heute keine moderne Einwanderungs- u. Integrationspolitik auf die Reihe bekommen hat.

  • Theeuropean-placeholder
    Max Eisenhut – 15.02.2010 - 19:09

    Joschka Fischer spricht doch super Englisch. Da kann man nichts sagen.
    Aber abgesehen sind die Deutschen eins der wenigen Völker, die sich anmaßen, eine Fremdsprache “gut” sprechen zu wollen (ein Blick zu unseren Nachbarn westlicher Seite genügt).

  • Theeuropean-placeholder
    Mick – 09.03.2010 - 02:27

    Ich würde einfach mal einen Blick nach Osten werfen, und die Nachbarn auf der anderen Seite angucken. Schon mal aufgefallen, wie viele Polen in Großbritannien arbeiten? (Was natürlich auch mit Abschottungs-Gesetzgebung in DE zu tun hat, aber das soll hier nicht Gegenstand sein.) Jedenfalls gibt es in Polen eine erhebliche Zahl von Leuten, die sehr starken Wert auf Englisch- und auch Deutschkenntnisse legen.

  • Theeuropean-placeholder
    Tanja Gabriele Baudson – 22.02.2010 - 09:50

    Herr Eisenhut, wieso denn “anmaßen”? Das ist doch ein hehres Ziel, und im europäischen Vergleich sprechen die Deutschen wirklich kein so schlechtes Englisch (na klar, Skandinavier und Niederländer sind kaum zu toppen — aber wenn z.B. Fernsehsendungen nicht synchronisiert werden, bekommt man einfach auch früher ein Ohr für fremde Sprachen), und der Fremdsprachenunterricht ist deutlich anwendungsorientierter als in anderen Ländern, wie z.B. Frankreich. Natürlich stehen dann diejenigen besonders unter Beschuss, die ein öffentliches Amt bekleiden und die Fremdsprache eben nicht beherrschen (ich warte bei der Oettinger-Rede die ganze Zeit auf das erlösende “Senk ju for träweling wiss Deutsche Bahn, gudbai”) – aber wie sieht es denn in anderen Ländern aus? Wo parliert ein Obama beim Besuch fließend mit seinen Gastgebern?

  • Theeuropean-placeholder
    Max EIsenhut – 02.03.2010 - 22:35

    “Anmaßen” ist tatsächlich nicht so negativ gemeint, wie es klingt. Natürlich tut es nicht weh, eine oder mehrere Fremdsprachen zu beherrschen…
    Ich freue mich aber, dass Sie den Kern meiner Aussage, die im Widerspruch zu den frühreren Kommentaren und Beiträgen.

  • Theeuropean-placeholder
    Max Eisenhut – 02.03.2010 - 22:37

    zustimmen. Vor allem in der Breite der Bevölkerung sind die Fremdsprachenkenntnisse in z.B. Frankreich und Spanien verheerend.

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