Die Kriminalisierung des Drogenkonsums hat weder Angebot noch Nachfrage grundlegend verändert. Wolfgang Nešković

Es gibt keinen IPCC-Skandal

In den Medien liest man derzeit wöchentlich über neue Fehler im IPCC-Klimabericht aus dem Jahr 2007. Von einem IPCC-Skandal ist die Rede. In Wahrheit erleben wir aber gerade einen Medienskandal.

Wir erleben derzeit keinen IPCC-Skandal. Auch wenn man berechtigt über noch bessere Verfahrensweisen und einen stärkeren Vorsitzenden diskutieren kann – die IPCC-Berichte sind eine vorbildlich solide und eher konservative Beschreibung des Sachstandes in der Klimaforschung. Was wir erleben, ist ein Medienskandal, in dem zahlreiche Medien ohne kritische Prüfung einfach das wiederholen, ausschmücken und verstärken, was ihnen von politisch interessierter Seite eingeflüstert wird. Was steckt dahinter?

Etwa alle sechs Jahre fasst das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) in drei dicken Bänden von je knapp tausend Seiten das Wissen zum Klimawandel aus der Fachliteratur zusammen. Rund 450 Haupt- und 800 Nebenautoren arbeiteten ehrenamtlich am vierten, 2007 erschienenen IPCC-Bericht mit. Über 2500 Fachgutachter lieferten rund 90.000 Kommentare zu den Entwürfen. Circa 18.000 Quellen aus der Fachliteratur wurden zitiert.

Wohl jeder wird vermuten, dass ein derart umfangreiches Gemeinschaftswerk nicht 100 Prozent fehlerfrei sein kann. Und tatsächlich wurde in Band 2 – in dem Ökologen und Sozialwissenschaftler die Folgen des Klimawandels diskutieren – eine falsche Jahreszahl zum Abschmelzen der Himalaja-Gletscher zitiert. Ein peinlicher Fehler, der durch Streichen von zwei Sätzen auf Seite 493 bereinigt ist, ohne dass sich sonst an den Folgerungen des Berichts irgendetwas ändert. Schon gar nichts an den Aussagen der Klimatologen, die in Band 1 des Berichts (wo es um die Physik des Klimasystems geht) in einem 45 Seiten starken Kapitel völlig korrekt den Kenntnisstand zum Gletscherschwund besprechen.

Wöchentlich ein neues “Gate”

Was dann in den Medien geschah, war höchst merkwürdig. Zunächst wurde die falsche Himalaja-Zahl zu “einer der zentralen Prognosen des IPCC” und der Fehler zu einem Skandal (“Himalayagate”) aufgeblasen. Dann kamen wöchentlich neue “Gates” hinzu, fast alle ausgehend von einem Journalisten der Sunday Times. “Africagate” wegen einer angeblich unausgewogenen Diskussion der Dürrerisiken in Nordafrika. “Seagate”, weil das IPCC die Fläche Hollands unter dem Meeresspiegel mit 55 Prozent angegeben hatte – eine Zahl, die eine holländische Regierungsbehörde geliefert hatte. “Amazongate”, weil ein Blogger fälschlich behauptet hatte, die IPCC-Aussagen zum Dürrerisiko im Amazonaswald seien nicht sauber wissenschaftlich belegt. In der Welt wurde gar behauptet, die wissenschaftliche Grundlage für “angeblich heftiger gewordene Naturkatastrophen” sei “hanebüchen” – wegen einer Spitzfindigkeit bei der Beschreibung der Ergebnisse einer Studie, die sich überhaupt nicht mit der Frage beschäftigt, ob Naturkatastrophen zugenommen haben.

Surreale Mediendebatte

Surreal an dieser Mediendebatte ist, dass auf einmal Grundkenntnisse der Klimatologie infrage gestellt werden – etwa ob der Mensch die globale Erwärmung verursacht und damit Gletscherschmelze, Meeresspiegelanstieg und schlimmere Wetterextreme. Dabei betrifft keiner der echten oder vermeintlichen Fehler überhaupt den Band 1 des IPCC-Berichts und damit Resultate der Klimatologie. Bizarr ist, dass ein oder zwei isolierte Fehler in einem 2800-Seiten-Bericht, in dem nach wie vor 99,9 Prozent korrekt ist, im Ton der Entrüstung skandalisiert werden – in Zeitungsartikeln, in denen kaum 50 Prozent des Gesagten sachlich korrekt ist. Erstaunlich auch, dass zahlreiche Medien begierig über diese vermeintlichen Fehler berichten – aber niemand sich die Mühe macht nachzuprüfen, an welchen dieser Vorwürfe überhaupt etwas dran ist.

Weblinks zu diesem Kommentar:

Verkehrte Welt

Fehler im IPCC-Bericht?

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Steffen Hentrich, Felipe de Jesús Calderón Hinojosa, Oliver Krischer.

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