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Krieg schafft neue Terroristen

Raus aus der Spirale der Gewalt

Die Erfahrungen im Anti-Terror-Kampf zeigen: Militärische Logik hilft im Kampf gegen islamistische Gewalt nicht weiter. Im Gegenteil: Sie erzeugt nur weitere Brandherde.

  • © gettyimages Wenn es um den Kampf gegen den Terror geht, fällt den USA als erste Antwort immer ein, die Kriegsmaschinerie loszutreten ...
 

Wenn es um den Kampf gegen den Terror geht, fällt den USA als erste Antwort immer ein, die Kriegsmaschinerie loszutreten ...

 

Krieg schafft neue Terroristen

Datum: 2010-02-16

Unmittelbar nach dem gescheiterten Detroit-Anschlag zu Weihnachten sah es so aus, als würden die USA im Jemen eine neue Front im Krieg gegen den Terror eröffnen: Der verhinderte nigerianische Flugzeugattentäter war dort offenbar für den Anschlag rekrutiert worden. Die ersten Reaktionen aus Washington waren durchaus typisch. Nicht Augenmaß, sondern ein militärischer Reflex. Einmal angenommen, das Flugzeug wäre über Detroit explodiert. Würden die Amerikaner in dem Fall den Jemen bombardiert haben wie zuvor Afghanistan? Und wäre die terroristische Gefahr damit aus der Welt geschafft? Oder ginge es in erster Linie um Rache?

Seit den 1990er-Jahren ist der Jemen eine Hochburg des radikalen Islamismus. Aus mehreren Gründen: fortschreitender Staatszerfall, bittere Armut, neben Sudan die höchste Analphabetenquote in der arabischen Welt, regionale und Stammesrivalitäten, ein dramatischer Rückgang der Staatseinnahmen infolge schwindender Erdölreserven.

Krieg schafft neue Terroristen

Hinzu kommt, und darin liegt eine böse Ironie, dass in den 1980er-Jahren Tausende Jemeniten in Pakistan und Afghanistan von den USA an den Waffen ausgebildet wurden, um gegen die sowjetischen Besatzer Afghanistans zu kämpfen. Diese Mudschaheddin kehrten nach dem sowjetischen Abzug 1989 in ihre Heimat zurück und bilden den Kern des gewaltbereiten Islam im Jemen wie auch in Saudi-Arabien.

Im Klartext: Die Amerikaner haben damals ihre Feinde von heute selbst ausgebildet. Die westliche Antwort auf den islamistischen Terror ist seit dem 11. September 2001 in erster Linie eine militärische. Zunächst wurden die Taliban in Afghanistan gestürzt, 2003 erfolgte der völkerrechtlich fragwürdige Einmarsch in den Irak. Die militärische Logik hat das Problem islamistischer Gewalt nicht etwa in den Griff bekommen, sondern im Gegenteil neue Brandherde geschaffen.

Anstatt aus den Erfahrungen in Afghanistan zu lernen, tut sich gerade die deutsche Regierung, diese wie auch ihre Vorgänger, schwer mit der Realität. Das Wort “Krieg” vermeiden deutsche Politiker wie der Teufel das Weihwasser. Mittlerweile ist nicht mehr klar, wo genau eigentlich die Fronten verlaufen. Will man in Berlin kämpfen, bis sich die letzten Taliban ergeben? El Kaida kapituliert? Der Terror weltweit ausgerottet ist?

Waterloo am Hindukusch

Gerade die Unklarheit der Zielsetzung ist ein Rezept für Desaster. In Afghanistan geht es heute nüchtern gesehen nur noch darum, eine Niederlage der NATO gegen die Taliban zu vermeiden. Geostrategie vermischt sich mit Terrorbekämpfung, hat sie längst überflügelt. Kriege in gescheiterten Staaten, ob Afghanistan, Jemen oder Somalia, sind von regulären Armeen nicht zu gewinnen. Die Deutschen, ganz auf Linie Washingtons, werden gemeinsam mit den Amerikanern ihr Waterloo am Hindukusch erleben.

Der islamistische Terror ist die radikalste Form des politischen Islam. Der ist auch eine Antwort auf eine unausgewogene westliche Politik. Die berühmten Köpfe und Herzen der Muslime gewinnt nicht, wer zu der völkerrechtswidrigen Besatzungspolitik Israels schweigt oder bereit ist, noch die korruptesten Regime zwischen Marokko und Indonesien zu unterstützen, solange sie nur pro-westlich sind.

Tatsache ist: Wir müssen mit der Gefahr terroristischer Anschläge auch in Deutschland leben lernen – in dem schmerzhaften Wissen, dass sie zu den Risiken unserer global vernetzten Welt gehört. Nicht anders als Flugzeugabstürze oder Wirtschaftskrisen. Da hilft auch die Ausweitung staatlicher Kontrollbefugnisse (Stichwort Online-Überwachung) nicht weiter.

 

von Michael Lüders – 16.02.2010

 

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