Unsere Fehlschläge sind oft erfolgreicher als unsere Erfolge. Henry Ford

Wir killen Innovationen

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Wenn Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner verbal gegen Google austeilt, wird wieder einmal der Innovationsgeist der Branche untergraben. Etwas weniger Populismus bitte!

Heute morgen die Schlagzeile bei der Internet-World-Business: “Aigner droht Google Streetview”. Erster Gedanke: Wer zum Henker ist Ilse Aigner? Aaah, ein kurzer Blick in den Haupttext verrät: unsere Verbraucherschutzministerin. Schön, nie gehört (Economist- und The-European-Leser und gelegentlicher Tagesschau-Gucker). Frage an die Leser hier: Wer ist das, was macht sie, hat sie schon mal etwas geleistet? Mich würde nicht wundern, wenn nicht. Wer solche populistischen Forderungen nötig hat, wird wenig Substanz vorzuweisen haben.

Aber weiter im Text: Die Verbraucherschutz-/Datenschutzdebatte in Deutschland macht mich regelmäßig wütend. Reflexartig wird alles Neue als böse abgetan, Datenschutz hat höchste Priorität. Der wesentliche Effekt ist, dass wir Innovation killen. Wir haben ein Innovationsproblem in Deutschland, kein Datenschutzproblem! Im Datenschutz sind wir führend, in Innovation nicht. Und wir geben uns größte Mühe, der digitalen Revolution das Leben schwer zu machen, wo wir nur können. Die Facebooks, Googles, Microsofts und Apples gibt es dann eben nur in den USA, das stört hier offenbar niemanden. Man hat ja schon SAP und Q-Cells, haha. Im Zweifel für den Angeklagten gilt offenbar nicht für die Datenerheber. Mir ist von Google bislang kein konkreter Missbrauch bekannt – Ihnen, mein lieber SysAd? Ich lerne gerne dazu!

Erst fördern, dann regulieren

Mich erinnert die Sache ein wenig an den Anfang der Eisenbahnen – oder waren es Automobile? In der Grundschule habe ich gelernt, dass die Leute damals Angst hatten vor der Innovation. – Würde einem bei 30 km/h nicht die Luft wegbleiben?

Bitte, neue Märkte erst fördern, und dann meinetwegen regulieren. Regulieren durch Töten ist zwar ebenfalls sehr wirkungsvoll, aber sicher nicht im Sinne derer, die positiv durchs Leben schreiten wollen. Ich habe großen Respekt vor dem Berufsstand der Ingenieure als solchem und vor ihren Weltanschauungen und Philosophien. An diesem Punkt habe ich sie nie verstanden. Aber sie haben sich darauf eingeschossen und wollen hier offenbar unbedingt recht bekommen. Die eigene Position wird schon längst nicht mehr hinterfragt.

Wie katastrophal ist es in den Schulen, wie wenig wissen die Lehrer?

Meine lieben Ingenieure, ITler, Frickler, Hacker – geht es nicht auch positiv? Könnt Ihr eure Lobby nicht mal auf dringendere Themen forcieren? Wie wäre es mit Bildung? Dann werden mehr Ingenieure ausgebildet, mehr Menschen verstehen die Gefahren und ganz nebenbei kriegt Ihr mehr Freizeit, da Ihr weniger zur Mangelware werdet. Ja, schießt Euch doch mal auf das Thema Technikbildung ein. – Wie katastrophal ist es in den Schulen, wie wenig wissen die Lehrer? Warum gibt es nicht schon im Kinderprogramm Werbung für die zukünftige Berufswahl? Warum ist Randy Pauschs Lernsoftware nicht schon überall in deutschen Schulen obligatorisch?

Und wo sonst noch wird in Deutschland Innovation gefördert? Ja, Solaranlagen. Aber selbst hier schwimmen die Felle wieder gen USA, weil wir keinen Kapitalmarkt haben, der die ersten Schritte zu den nächsten machen kann. Warum gibt es in Israel mehr Venturecapital als in ganz Europa (Tipp: massive staatliche Initiativen)? Warum in Frankreich viel mehr als in Deutschland (Tipp: massive staatliche Initiativen)? Warum boomt der E-Commerce in den USA trotz schlechterer Postsysteme (Tipp: Mehrwertsteuerbefreiung für E-Commerce)? Wo fördern wir digitale Zukunftstechnologien in Deutschland? Nennt mir eine Regulierung in dieser Richtung!

Liebe Verbraucherschutzministerin, die Piratenpartei wird Sie hoffentlich ohnehin nicht wählen. Fokussieren Sie sich auf das, wo sie viel Wert stiften können. Meinetwegen auf das Gesundheitssystem, da können Sie sicher Wert stiften und gleichzeitig populistisch sein.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Karsten S. – 09.02.2010 - 07:44

    Der geringe Innovationsgrad in Deutschland fördert diese Einstellungen nur noch. Vom Wissensstandort sind wir inzwischen zum Verwalterstandort geworden. Als Bewahrer versucht der deutsche Gesellschaftsvorstand sich hervorzutun, dabei vergisst er völlig, sich ein eigenes Profil zu geben. Leider. Denn so verkommt gut Gemeintes zur Augenwischerei.

    Selbst für Debatten fehlt einem inzwischen der Antrieb. Wo in Deutschland darf man sich noch ungestraft in Neuem versuchen und dabei berechtigterweise auch Fehler machen? Beim ersten würde sicher schon der ganze Neuansatz in Frage gestellt. Leider erlebt man das bei Banken und Politik gleichermaßen. Und so ergibt sich ein Einverständnis wider der Entwicklung. Der Fördergeist ist dabei schon längst verflogen.

  • Theeuropean-placeholder
    Harald – 09.02.2010 - 12:19

    Guter Artikel, gute Meinung – Aber!

    Wenn ich Zeilen wie “Wir haben ein Innovationsproblem in Deutschland” und “Die Facebooks, Googles, Microsofts und Apples gibt es dann eben nur in den USA, das stört hier offenbar niemanden” lese, dann würde ich diese von jemandem erwarten der selbst alles dafür tut die Innovation in Deutschland voran zu treiben. Aber was macht denn Herr Gadowski? Funktionierende Geschäftsmodelle aus anderen Ländern, vorzugsweise den USA, kopieren und diese in Deutschland “nachbauen”. Das mag ja in gewisser Weise das Unternehmertum fördern, aber Innovation bringt das nicht. Und da ausser Team Europe auch alle anderen deutschen VCs und BAs fast ausschließlich nur in CopyCats investieren (zumindest im IT Sektor) wird in Deutschland auch nie das nächste Google entstehen.

    Also Herr Gadowski, vielleicht machen Sie ja den Anfang und sind der erste welcher anfängt innovative Geschäftsmodelle finanziell zu unterstützen auch wenn das finanzielle Risiko für Sie um einiges höher sein wird als bei den CopyCats. Deutschland würde es Ihnen danken.

  • Theeuropean-placeholder
    lukasz – 09.02.2010 - 15:03

    harald, sehr guter punkt!

    a.) ja, ich helfe tatsächlich dabei, das ökosystem zu bauen. und das ökosystem baut sich auch mit copycats gut. Und ich finde auch nicht, das etwas gegen copycats spricht. Ist so in allen Branchen und war schon immer so. Ist immer noch Anspruchsvoll genug, etwas erfolgreiches auf die Beine zu stellen

    b.) ich bin explizit offen für Finanzierung von Innovativen Modellen. Für das höhere Risiko gibt es ja auch eine höhere ‘upside’. Manch andere Investoren sind hier nicht offen. Aber: es fehlen auch die guten Ideen und hier beisst sich die Katze auch ein wenig in den Schwanz: ohne Ökosystem ist es schwerer, gute Ideen zu finden. Und wenn man eine gute Idee hat, dann ist die Erfolgswahrscheinlichkeit hier viel geringer, als in einem geeigneten Ökonsystem. Schwierig. Aber nicht unmöglich!

    c.) Beispiele für innovative Investments von mir/ team europe ventures: rapleaf.com (USA), a.vioary.com (USA), kikin.com (USA); und nun die deutschen/ europäischen: zlio.com, mymuesli.com, absolventa.com, spreadshirt (war kein copycat, habe ähnliche in den US erst nach Gründung gesehen); misterspex (dito), imedo, amiando,… und bei so manchem anderen ist die Grenze fliessend… incl. theEuropean auf dem die Diskussion hier stattfindet ;)

  • Theeuropean-placeholder
    lukasz – 09.02.2010 - 15:05

    p.s.: und ja, du hast recht, I’m not trying hard enough yet/ not there yet.

  • Theeuropean-placeholder
    Harald – 09.02.2010 - 16:54

    Zu a) stimme ich zu. Bei b) und c) habe ich noch kleine Einwände ;)
    Wie Du selbst sagst werden gute Innovative Ideen finanziell unterstützt. Problem hierbei, was ist “gut”. Gut ist meistens nur das was woanders schon funktioniert oder wenn Teile des Business schon für sich funktionieren. Beispiel hierfür misterspex. Dass man mit dem Verkauf von Brillen ein gutes Geschäft machen kann zeigt sich ja bereits “offline”. Wenn man das ganze gut aufzieht und dann online macht, kann das natürlich gut funktionieren. Aber auch wenn das kein Copycat ist, wo ist hier die große Innovation? Ein Brillenversandhandel mit Website… Ist ja auch gut und gar nichts dagegen einzuwenden, aber die von Dir angesprochene “google-Innovation” fehlt halt auch hier.
    Mymuesli, coole Idee, cool umgesetzt, funktioniert. Auf jeden Fall ein gutes Vorbild in DE. Aber wird das ein google, zappos…
    imedo, gabs doch schon in den USA. Das hebt trotz seinen 5 Mio Funding bis heute nicht ab, oder? Nach meiner persönlichen Meinung auch trotz mehrerer Relaunches sehr unübersichtlich.
    amiando, top Leute, top Vermarktung, scheint noch viel Potential zu haben. Aber war das Geschäftsmodell bei der Finanzierung nicht noch das einer privaten Eventorganisation und kein E-Ticketing?
    spreashirt, gute Idee, gute Umsetzung, vorallem auch im b2b Bereich. Auf jeden Fall auch ein gutes Vorbild. Aber wie soll aus einem “t-Shirt-Bedrucker” das nächste facebook werden? Auch hier wird ein bereits funktionierendes Model (das individuelle bedrucken von Textilien) nun online und in Masse gemacht. Ist ja auch gut, aber so richtig innovativ?
    Bei absolventa ähnlich. Alles gut, aber Potential ein Google zu werden?

    Aber letztlich will ich Deine Arbeit ja gar nicht nur kritisieren. Du finanzierst Junge Unternehmen, förderst in gewisser Weise das Unternehmertum, aber im von Dir selbst angesprochenen Punkt fehlender oder unterdrückter Innovation in Deutschland wirst Du Deinen eigenen Ansprüchen bisher nicht gerecht. Du leistest auf jeden Fall einiges für die Deutsche StartUp Welt und es wäre gut wenn das noch einige andere so machen würden, aber Innovation alla facebook, twitter, google etc. ist in deinem Portfolio auch nicht zu finden. Hättest Du einen Kerl gefundet der Dir erzählt: Ich baue eine Plattform auf der kann sich jeder ein Profil einrichten und Kurznachrichten von 140 Zeichen schreiben – jeder der Lust kann die lesen…

    „p.s.: und ja, du hast recht, I’m not trying hard enough yet/ not there yet.” finde ich sehr cool. Diese Einstellung fehlt den meisten…

  • Theeuropean-placeholder
    Karsten S. – 09.02.2010 - 15:14

    Danke für das Statement. Ich hatte gehofft, noch mehr zu lesen.

    Solang die Gesellschaft Andersdenken, Neudenken und Entrepreneurship nicht akzeptiert und fordert, so lang wird sich nur ein kleiner unbelehrbarer Teil nach Neuen Wegen suchen. Mit dem bekannten Ergebnis.

    Wenn selbst die oberste Geschäftsebene unserer Firma Deutschland duchblicken lässt, das Innovation nicht erwünscht ist, dann blüht diese höchstens im Verborgenen und es fehlen die Chancen für ein Reifen europäischer Interpretationen von Lösungen.

    Kurz noch zum Thema copycat:
    Jeder, wirklich jeder setzt aus bestehenden Dingen neue zusammen. Plattes kupfern ist billig und zeugt nicht von Kreativität. Entwickelt man daraus aber neue und bessere Lösungen, dann sind wir schon bei Innovation. Und die wünsche ich ausdrücklich.

  • Theeuropean-placeholder
    Thomas K – 09.02.2010 - 17:12

    Frage ist doch, wo ist das Problem in der deutschen Gesellschaft?

    Ein Ansatz zur Diskussion von meiner Seite:

    Ein relativ große Schicht von Reichen, die sich kaum bewegen und das Geld untereinander austauschen.

    Eine kleine Schicht innovativer HB-Männchen.
    Eine kleine Schicht intellektueller Freigeister.

    Eine frustrierte (und kleine) Mittelschicht, die für das Gros des Steueraufkommens und die “Drecksarbeit” zuständig ist.

    Und zu guter Letzt eine große Unterschicht, die nur über Castingshows eine Aufstiegsmöglichkeit sieht und ansonsten in ihrem Millieu von HartzIV, Niedriglohn und Schwarzarbeit zufrieden ist.

    Der Antrieb und der Aufstiegswillen der Unter und Mittelschicht ist durch den Druck der Globalisierung auf die Arbeitsplätze und das Festhalten der Pfründe der Reichen komplett eingebrochen.

    Zu guter Letzt wird diese Situation auch noch medial unterstützt indem jeder seine Nische findet und so sich als das Opfer sehen kann und die Schuld auf “die Anderen” schieben kann.

    Die Politik hat unter dem unverträglichen, täglichen Druck durch Umfragewerte null Möglichkeit in Deutschland die beiden Gruppen Innovation und Freigeister zu fördern. Nur eine Person wie ein Obama kann mit seiner Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand hier an den Medien vorbei rasen…und selbst er kann dabei noch scheitern.

  • Theeuropean-placeholder
    Karsten S. – 09.02.2010 - 17:43

    Sinnvoll wäre eine Gründerkultur die sich selber trägt und ausbildet. Damit auch der Spielraum für exzessives Nachdenken entsteht. Ohne Förderwahn und politische Definitionen.

    Erfolgreiche Gründer betreiben Gründerförderung, die wiederum fördern usw. Das sorgt für Erfolg, ist langfristig eine Wachstumschance und bildet Wissenscluster aus. In Auszügen erkennt man das ja schon an mancher Stelle. Auch bei Team Europe. Nun gilt es das zu kultivieren.

    Oh, mir fällt grad auf das wäre dann auch nur ein Copycat. Vom Valley… :-)

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