Wenn ich etwas nicht komplett verstanden habe, dann schreibe ich auch nicht darüber. Frank Schätzing

Wir brauchen keine Matrix

Was heute bei Sportübertragungen im Fernsehen allgegenwärtig ist, wird bald auch in andere Bereiche unseres Alltags Einzug halten: die Anreicherung unserer Wahrnehmung mit digitalen Informationen. Eine nur scheinbar schöne neue Welt.

Augmented Reality, kurz AR und auf Deutsch zumeist als “Erweiterte Realität” bezeichnet, verändert unsere Wahrnehmung der Umwelt. Abhängig von unserem Stand- und Blickpunkt wird die Umgebung perspektivgerecht mit Informationen angereichert, überlagert oder verändert. Doch glauben Sie nicht, dass dies erst in einigen Jahren der Fall sein wird. Augmented Reality ist bereits in unserem Alltag fest etabliert, nur kommt sie still und leise daher, weil das, was sie bewirkt, für uns häufig auch so naheliegend ist. Haben Sie kürzlich mal im Fernsehen ein Skispringen verfolgt? Da sehen Sie eingeblendet die Weiten der Vorspringer, den Schanzenrekord etc. Unabhängig davon, von wo die Kamera filmt, die Markierung wirkt, als hätte sie jemand direkt auf dem Schnee angebracht. Das ist Augmented Reality!

Während im industriellen und militärischen Umfeld für die visuelle Überlagerung häufig spezielle Datenbrillen zum Einsatz kommen, bieten neue leistungsfähige Gadgets zunehmend eine echte Alternative für eine Nutzung im Consumer-Bereich. Insbesondere aktuelle Smartphones, aber nicht zu vergessen auch die wiederentdeckten Tablet-PCs – jetzt als “Slates” –, bieten hier eine Möglichkeit, Augmented Reality an quasi jedem Ort und zu jeder Zeit zu erleben. Das Gerät wird hier wie ein kleines Fenster in die AR-Welt benutzt. Die mit der rückwärtigen Kamera aufgenommenen Bilder werden dabei durch künstliche, virtuelle Inhalte erweitert.

Noch gibt es Grenzen

Für eine korrekte visuelle Augmentierung ist es hier wichtig, den Blickpunkt und die Blickrichtung des Betrachters beziehungsweise des Geräts möglichst genau zu erfassen. Das in den Geräten heutzutage bereits integrierte GPS kann da leider nur eine verhältnismäßig grobe Lokalisation liefern. Für die genaue Bestimmung wird hier ebenfalls das Kamerabild verwendet. Durch Computer-Vision-Verfahren können hier Merkmale oder Geometrien extrahiert werden, welche eine sehr genaue Bestimmung ermöglichen. Für die Nutzung an einem beliebigen Ort stoßen solche Verfahren heute allerdings noch sehr schnell an die Grenzen der Leistungsfähigkeit – noch!

Allerdings ist Augmented Reality nicht auf visuelle Inhalte beschränkt, sondern lässt sich prinzipiell auf alle Sinne ausweiten, wobei dies in der Praxis zurzeit insbesondere akustische Inhalte sind. Hier hat man auch bereits die Möglichkeit, durch Noise-Cancellation Umgebungsgeräusche nicht nur zu überlagern, sondern auch komplett zu löschen oder gegebenenfalls durch andere zu ersetzen. Dies wird in absehbarer Zeit auch für visuelle Inhalte möglich sein. Während zurzeit die künstlich eingefügten virtuellen Inhalte noch deutlich als solche erkennbar sind, wird dies in der Zukunft nicht mehr der Fall sein. Reale und virtuelle Inhalte werden für den Betrachter nahtlos und ununterscheidbar miteinander verschmelzen.

Die eigene Frau zehn Jahre jünger gemacht und geliftet – garantiert absolut unblutig

Somit wird jeder – sofern er über das notwendige Equipment verfügt – die Welt partiell nach seinen Vorstellungen anpassen und umgestalten können: Mich stört der Gartenzaun des Nachbarn? Einfach weg damit. Und wenn man schon dabei ist, ersetzen wir das Haus doch durch einen Blick auf den Palmenstrand. Funktioniert natürlich irgendwann auch mit Personen: Die Frau von gegenüber einfach markiert und aus meiner Wahrnehmung gelöscht – dafür die eigene Frau zehn Jahre jünger gemacht und geliftet – garantiert absolut unblutig!

Wir brauchen keine Matrix! Wer es sich leisten kann, wird sich die Welt, in der er lebt, einfach “schön augmentieren”. Wer nicht, wird sich leider mit der Realität abfinden müssen.

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