Selbsterforschung
- Fühlen Sie sich oft nicht hinreichend gewürdigt?
- Halten Sie viel von sich selbst?
- Bewerten Sie Ihre Bedürfnisse und Gefühle höher als die anderer Menschen?
- Haben andere Menschen überhaupt Bedürfnisse und Gefühle?
- Sind Sie das wichtigste Wesen im ganzen Universum?
Innerer Monolog
Was stimmt mit diesen Leuten nur nicht? Wie können sie alle nur dasitzen und zuhören, wie der Typ da herumschwafelt? Sieht denn niemand, dass du ein nagelneues Hemd anhast? Und dazu noch ein so schönes, in diesem wunderbaren, hellen Blauton – “Himmelblau” hatte der Verkäufer es genannt –, der deine Augen so gut zur Geltung bringt und von deinem superben Geschmack in Kleiderfragen kündet. Warum macht dir niemand ein Kompliment wegen deines hervorragenden Geschmacks?
Warte mal. Die Dame da drüben mit dem Schleier – hat sie nicht gerade herübergesehen? Oder nicht? Also das Mindeste, was sie tun könnte, wäre ein “Daumen hoch” für das Hemd. Aber nein, nichts da, sie wendet sich wieder diesem langweiligen Minister und seiner ununterbrochen monoton dahinplätschernden, deprimierenden Grabesstimme zu. Ah, verstehe. Die Dame ist tot. Das mag traurig sein, aber so sehr wir auch jammern, es bringt sie nicht zurück. Warum gehen wir nicht alle einfach zur Tagesordnung über und wenden uns den schönen Dingen des Lebens zu? Zum Beispiel diesem obercoolen Hemd?
Diese Schwachköpfe würden ein schönes Hemd auch dann nicht erkennen, wenn es seine Ärmel um ihren Hals schlingen und alles Leben aus ihren wertlosen Körpern herauspressen würde. Wie kannst du von solchen Kretins erwarten, dass sie dein ausgeprägtes Stilempfinden würdigen? Merken die denn gar nichts?
Diagnose
Zwar ist jedem Menschen ein gewisser Grad an Narzissmus eigen, aber Leute mit einer ausgeprägten narzisstischen Persönlichkeitsstörung legen extreme Selbstsucht und Egomanie an den Tag. Menschen mit dieser Störung sind davon überzeugt, dass sie die Klügsten, Talentiertesten und Anziehendsten, die besten Fahrer, die besten Pizzabesteller … die besten, was auch immer sie sich gerade in den Kopf gesetzt haben, sind. Sie beuten andere Menschen schamlos zu ihrem eigenen Fortkommen aus und machen sich eine permanent veränderliche Moral zu eigen, um ihre Bedürfnisse zu stillen. In vielen Fällen lügen sie, erfinden Tatsachen oder Expertenmeinungen, um zu untermauern, was immer es sei, das sie sagen oder erreichen wollen. Wenn Sie nun glauben sollten, möglicherweise unter narzisstischer Persönlichkeitsstörung zu leiden, tun Sie das höchstwahrscheinlich nicht. Sollten Sie allerdings davon überzeugt sein, dass Sie die Störung garantiert nicht haben, besteht zumindest eine geringe Chance, dass Sie sie doch haben, denn ein Narzisst wird jede Andeutung der Möglichkeit, dass er möglicherweise einen Makel oder eine Unzulänglichkeit aufweisen, sich gar irren könnte, weit von sich weisen. Wobei es sehr wahrscheinlich ist, dass diese Krankheit ihre Wurzeln im Grunde in einem unterdrückten Gefühl von Unterlegenheit hat. Konfrontiert mit der Tatsache, dass manche Menschen keine Lust haben, sich ergeben ihrem allumfassenden unüberbietbaren Verständnis von allem und jedem unterzuordnen, werden sie womöglich an irgendeinem Punkt von einem Gefühl der Leere und Demütigung heimgesucht, aber da sie sich derartige Unvollkommenheiten nicht zugestehen können, werden sie diese unterdrücken und damit ihren Narzissmus weiter nähren. Wird ihr Ego hinreichend stark angekratzt, schlagen sie unter Umständen in blindem Zorn zurück.
Ursache
Manche Experten mutmaßen, dass der Hang zu narzisstischen Tendenzen und unterdrückten Minderwertigkeitsgefühlen sich aus nicht befriedigten emotionalen Bedürfnissen während des Kleinkindalters ergibt. Andere halten dagegen, er wurzle möglicherweise in irgendeinem Missbrauch oder Trauma, der beziehungsweise das den Betroffenen innerhalb der ersten sieben Lebensjahre zugestoßen ist.
Behandlung
Da die Wurzeln der narzisstischen Persönlichkeitsstörung vermutlich bis in die Kindheit zurückreichen, kann nicht viel getan werden, sie “zu heilen”. Die schiere Unmöglichkeit, einen Narzissten dahin zu bringen, einen persönlichen Fehler einzugestehen, lässt die Behandlungsfrage einigermaßen zweifelhaft erscheinen.
Übrigens …
Der Begriff “narzisstisch” entstammt der griechischen Mythologie: Narkissos war verdammt, sein eigenes Spiegelbild zu lieben, verzehrte sich in dessen Betrachtung auf der Wasseroberfläche einer Quelle vor lauter Selbstliebe und wurde schließlich zur gleichnamigen Blume, der Narzisse. Und wenn er nicht gestorben wäre, säße er noch heute an der Quelle und würde jedermann erklären, dass diese von der Anwesenheit seiner wundervollen Erscheinung definitiv profitiere.
Der Beitrag stammt aus dem bei DVA erschienenen Buch “Der kleine Neurotiker. Lexikon für Verrückte und solche, die es werden wollen”.


















