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  <claim>Aus dem Scheitern lernen</claim>
  <content>&lt;p&gt;Ich nenne zun&#228;chst drei Thesen, warum der Bologna-Prozess nach seinen eigenen Zielen als gescheitert gelten muss. Dann messe ich den Bologna-Prozess an Zielen, die er zwar nicht selbst verfolgt, aber meines Erachtens verfolgen sollte. Auch dieses Ergebnis ist negativ. Es gibt daher nur zwei M&#246;glichkeiten: entweder den Bologna-Prozess als ganzen zu beerdigen oder ihn tief greifend und rasch zu reformieren.&lt;/p&gt;&amp;#x000A;&lt;h6&gt;Beerdigung oder Reformation?&lt;/h6&gt;&amp;#x000A;&lt;p&gt;1. Internationale Konkurrenzf&#228;higkeit. Die Bachelor-Abschl&#252;sse, die wir jetzt produzieren, laufen in eine selbst gestellte Falle. Wir sind n&#228;mlich mit der Verk&#252;rzung der Schulzeit plus drei Jahre Bachelor nach 15 Jahren fertig, das transatlantische Konkurrenzmodell aber, mit vier Jahren Bachelor und 12 Jahren bis zum Highschool-Abschluss, erst nach 16 Jahren. Die Folge ist: Wir geben amerikanischen Universit&#228;ten ein einfaches Instrument in die Hand, sich die Billig-Konkurrenz aus Europa vom Leibe zu halten. Unsere BA-Abschl&#252;sse sind transatlantisch nicht konkurrenzf&#228;hig.&lt;/p&gt;&amp;#x000A;&lt;p&gt;2. Mobilit&#228;t. Die Mobilit&#228;t sinkt durch die Umstellung drastisch. Bologna-Bef&#252;rworter wenden zwar ein, dass es zwischen Bachelor-Abschluss und Aufnahme des Master-Studiums jetzt eine neue, &amp;#8220;vertikale&amp;#8221; Mobilit&#228;tsphase gebe. Allerdings war die Umstellung doch so gemeint, dass das Gros der Studierenden die Universit&#228;t nach dem Bachelor-Abschluss verl&#228;sst. Die jetzige Mobilit&#228;t aber gilt nur f&#252;r die, die weiterstudieren.&lt;/p&gt;&amp;#x000A;&lt;p&gt;3. Abbrecherquote. Diese sinkt in einigen F&#228;chern, unter anderem in meinem Fach. Im Schnitt aber steigt sie nach der Umstellung. Das ist ein Faktum. Es hat keinen Sinn, daran herumzureden.&lt;/p&gt;&amp;#x000A;&lt;h6&gt;Externe Ziele&lt;/h6&gt;&amp;#x000A;&lt;p&gt;Bislang habe ich Bologna nach seinen eigenen Kriterien beurteilt. Jetzt nehme ich noch drei Kriterien hinzu: Kriterien, die nicht in den Zielen der Bologna-Papiere formuliert sind, die ich aber f&#252;r wichtig halte.&lt;/p&gt;&amp;#x000A;&lt;p&gt;1. Sozialvertr&#228;glichkeit. Eine gro&#223;e Mehrheit der Studierenden finanziert ihr Leben &#252;ber Jobs neben dem Studium. Sie machen sich unabh&#228;ngig von Stipendien und von ihren Eltern. Realit&#228;tskontakt ist wichtig, auch wenn es die Zeit, die man in den Bibliotheken verbringen kann, einschr&#228;nkt. In den verschulten Bachelor-Studieng&#228;ngen allerdings ist ein Nebenjob undenkbar geworden.&lt;/p&gt;&amp;#x000A;&lt;p&gt;2. Die Vielfalt der Wissenschaftskulturen. Bologna hei&#223;t Verschulung der Studieng&#228;nge. Die Studierenden sitzen zwischen 30 und 40 Stunden in den Seminaren und Vorlesungen, f&#252;r Selbststudium bleibt kein Raum. Die Vielfalt der F&#228;cherkulturen ist bedroht.&lt;/p&gt;&amp;#x000A;&lt;p&gt;3. Einheit von Forschung und Lehre. Jene Universit&#228;ten, die immer als Vergleich herangezogen werden, die &amp;#8220;Ivy League&amp;#8221; der &lt;span class="caps"&gt;USA&lt;/span&gt;, haben im Vergleich zu den europ&#228;ischen Universit&#228;ten einen rund zehnmal so hohen Etat pro Student. Und sie haben eine andere Betreuungsrelation: zwei Seminare f&#252;r die &amp;#8220;full professors&amp;#8221;, mehr nicht. 12 bis 14 Studierende, mehr nicht. Eher weniger. Wenn wir wirklich Spitze sein wollen, dann sollten wir nicht etwas kopieren, das es so gar nicht gibt.&lt;/p&gt;&amp;#x000A;&lt;p&gt;Es gibt kein Zur&#252;ck zum Status quo ante, der auch seine Probleme hatte. Aber wir brauchen eine durchgreifende Reform der Reform, mit so viel Humboldt wie m&#246;glich, so viel akademischer Freiheit wie m&#246;glich und so viel R&#252;cksichtnahme auf die Bed&#252;rfnisse einer neuen Generation von Studierenden wie m&#246;glich. Wir sollten damit nicht zu lange warten. Den sich jetzt abzeichnenden Zustand akademischer Monokultur, Verschulung des Studiums, sozialer R&#252;cksichtslosigkeit und geistiger Ver&#246;dung k&#246;nnen wir uns nicht lange leisten.&lt;/p&gt;</content>
  <created-at type="datetime">2009-11-27T12:56:32Z</created-at>
  <excerpt>An seinen eigenen Zielen gemessen, muss der Bologna-Prozess als gescheitert gelten. Schlimmer noch: Es drohen uns akademische Monokultur, verschulte Studieng&#228;nge, soziale R&#252;cksichtslosigkeit und geistige Ver&#246;dung. Bologna muss daher tief greifend reformiert werden. Oder europaweit beerdigt.</excerpt>
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  <published-at type="datetime">2009-11-30T13:40:00+01:00</published-at>
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  <title>Scheitern des Bologna-Prozesses</title>
  <updated-at type="datetime">2010-01-22T10:28:51Z</updated-at>
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