Pakistan. Das bedeutet für die meisten heutzutage Terroranschläge und Talibanisierung eines Landes mit Atomwaffen – dies vor dem Hintergrund eines traditionellen und rückständigen Islams, den man Land und Leuten gerne unterstellt. Ein Blick in die Geschichte scheint dieses Bild zunächst zu bestätigen und den heutigen Islamismus historisch zu verankern. Denn das Land wurde unter expliziter Bezugnahme auf den Islam gegründet, beziehungsweise von Britisch-Indien abgetrennt, als dieses 1947 unabhängig wurde. Es sollte ein Staat sein für die muslimischen Inder. Doch war ein islamischer Staat in dem Sinne, wie ihn heutzutage Fundamentalisten anstreben, damals beabsichtigt? Ein Land, in dem altes islamisches Strafrecht gilt und wo es kaum mehr Platz gibt für die Anhänger anderer Religionen?
So lohnt es sich also, genauer hinzuschauen: diesmal nicht auf den Entstehungsgrund “Islam”, sondern auf die Charaktere und Denkweisen dreier Personen, die seiner Gründung den Weg bereiteten und in einem Falle den jungen Staat noch ein Stück weit begleiteten.
Die Verbindung von Islam und europäischem Denken
Pakistan hatte mit Mohammad Iqbal (1877–1938) einen geistigen Vordenker, der in Europa Philosophie studierte hatte und den Islam für das moderne europäische Denken öffnen wollte, mit Mohammad Jinnah (1876–1948) einen politischen Gründer, der in feinem englischen Zwirn neben seiner europäisch gekleideten Frau im Garten saß und Hunde hielt und mit Mohammad Asad (1900–1992) einen vom Judentum zum Islam konvertierten Österreicher als ersten Botschafter bei der UNO.
Iqbal wollte das Denken im Islam dynamisieren und es so offen machen für die Gedanken von Henri Bergson und Friedrich Nietzsche, wie es der mittelalterliche Islam für die griechische Philosophie gewesen war. Politisch dachte er vor seinem mehrjährigen Aufenthalt in Europa national indisch und richtete sich gegen die britische Kolonialmacht. Doch wandelte sich Iqbal zu einem Skeptiker allen ethnischen und damit auch indischen Nationalismus, als er die europäischen Nationalstaaten in den blutigen Ersten Weltkrieg verstrickt sah. An die Stelle des Nationalisten trat der religiöse Universalist, der dann in einer Rede 1930 die Idee eines muslimischen Staates unabhängig vom hinduistischen Indien entwarf. Doch kein rückwärtsgewandter Urislam schwebte ihm vor, sondern ein staatlicher Rahmen, in dem Muslimen eine Entfaltung aller lebensprägenden Kraft gelingen sollte, die dem menschlichen Selbst innewohnt. Was die europäischen Philosophen Bergson oder Nietzsche dem Einzelnen empfahlen, sah er dank des Islams für Muslime auch als kollektive Selbstverwirklichungsmöglichkeit an, sobald sie einen geeigneten Staat hätten. Iqbal starb 1938, er erlebte die Gründung Pakistans nicht mehr.
Nichtmuslimische Minderheiten sind in der Flagge des Landes repräsentiert
Bei der Staatsgründung 1947 gab Mohammad Jinnah, der in Großbritannien zum Juristen ausgebildete erste Präsident des eigenständigen Pakistans, ein eindeutig säkulares Bekenntnis ab: “Sie sind alle frei, frei in Tempel oder Moscheen oder alle anderen Orte des Gottesdienstes im Staat Pakistan zu gehen. Sie mögen zu jedweder Religion, Kaste oder Glaubensrichtung gehören, das hat nichts mit den Aufgaben des pakistanischen Staates zu tun.” Diesem sollte Rechnung getragen werden, indem die Flagge des Landes neben dem für den Islam symbolträchtigen Grün auch ein weißes Viertel für die nichtmuslimischen Minderheiten erhielt. Religiöse Minderheiten machen heutzutage noch fünf Prozent der Bevölkerung aus und bestehen vor allem aus Hindus und Christen. So stimmten dann auch alle christlichen Abgeordneten in den lokalen Parlamenten für die Gründung Pakistans, und in den Kriegen gegen Indien erhielten Christen hohe militärische Auszeichnungen. Auch wenn Jinnah als Garant der säkularen Ausrichtung (die auf dem Bild augenfällig wird) ein Jahr nach der Gründung Pakistans starb, blieben Islamisierungstendenzen in den 50er- und 60er-Jahren eher Randerscheinungen.
Bis 1954 vertrat Mohammad Asad das neu gegründete Pakistan bei der UNO. Asad trat im islamischen Recht – dessen Geltung heute als Aushängeschild eines islamischen Staates gilt – für eine völlige Trennung von überzeitlicher Scharia und konkret geltendem Recht ein, das er dynamisch anhand moderner Erfordernisse ausrichten wollte. Das alte islamische Strafrecht gehörte nicht dazu, doch sollte es nach seinem Abschied aus Pakistan auch noch ein Vierteljahrhundert dauern, bis dieses auf die Tagesordnung kam.
Keiner der hier vorgestellten Persönlichkeiten hätte gewollt, dass Pakistan dahin kommt, wo es heute steht. Zugleich werden Iqbal und Jinnah weiterhin verehrt, und vielleicht gelingt es, dass Pakistanis auch wieder mehr auf ihre Gedanken achten, statt nur ihre Namen im Munde zu führen. Der Widerstand der Richter gegen altislamisches Recht und die kulturelle Vielfältigkeit des Landes geben Hoffnung.


















