Was meine Frisur betrifft, da bin ich Realist. Rudi Völler

Kehrtwende jetzt!

Der Bologna-Prozess ist gescheitert. Konformistische Leistungsbereitschaft ist das neue Maß der Dinge, die Studienbedingungen aber haben sich eher noch verschlechtert. Wenn man merkt, dass der falsche Weg eingeschlagen ist, wieso ändert man dann nichts?

Die Hochschulen werden missbraucht. Sie werden zu Parzellen des auftragsorientierten Forschens und Lehrens umfunktioniert, an denen spezialisierte Leistungsträger herangezüchtet werden. Die Möglichkeiten der Mitgestaltung werden eingeschränkt, schließlich gilt es, Entscheidungsprozesse zu beschleunigen. Statt Hochschulverwaltungen gibt es jetzt Hochschulmanagements. Wettbewerbsorientierte Exzellenzcluster gelten nunmehr als das einzig wichtige Gütezeichen wissenschaftlichen Arbeitens. Mit freier Entfaltung und Streben nach Erkenntnis hat das freilich nichts mehr zu tun.

Kampf um die Finanzierung

Von Bund und Ländern in die wirtschaftliche Abhängigkeit entlassen, müssen Hochschulen betriebswirtschaftlich Erträge erzielen, die ihnen den Zugang zu öffentlichen Geldern erst sichern – Gelder, die der Hochschule dann allerdings nicht in ihrer Gesamtheit zur Verfügung stehen.

Der Kurs lautet: Schotten dicht! Auf der Jagd nach den begabtesten Köpfen sind willkürliche Auswahlgespräche und konformistische Leistungsbereitschaft zu den entscheidenden Kriterien geworden. Von den Studenten wird erwartet, dass sie sich brav auf vorgegebene Inhalte beschränken, um möglichst bald einen produktiven Beitrag leisten zu können. Über den Tellerrand blicken? Tut mir leid, keine Zeit!

Pluralität und Toleranz als Nährboden für wissenschaftliche Exzellenz

Die Aufgabe der Hochschulen muss jedoch eine andere sein: Für moderne Gesellschaften sind sie ein lebenswichtiger Ort der Erkenntnis. Denn nur wenn sie Wissen hervorbringt und weitergibt, kann sich eine Gesellschaft entwickeln. Nur wenn sie sich fortwährend selbst kritisch analysiert, gewinnt sie neue Perspektiven. Und nur, wenn jeder, der will, daran teilhaben kann, entstehen Pluralität und Toleranz – der wichtigste Nährboden für wissenschaftliche Exzellenz. Es gilt daher, die Unabhängigkeit der Hochschulen zu wahren und ihren Stellenwert neu zu bestimmen.

Statt also das Engagement widerständiger Studenten zu diffamieren, ist es an der Zeit, ihrer Kritik Gehör zu schenken. Sie sind nicht die verlorene Generation. Sie wollen aber auch nicht die Versuchskaninchen sein. Studiengänge sollten reformiert, aber nicht zusammengestrichen werden. Nicht die Vergleichbarkeit, sondern die Vernetzung von Forschungsprojekten muss das Ziel einer Europäisierung des Hochschulraumes sein.

Nach zehn Jahren Bologna ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Wenn wir diesen Zeitpunkt nicht nutzen für ein Nachdenken über den Wert und die Ausgestaltung von Bildung, verkommt das höchste gesellschaftliche Gut zu einem Produkt, das nicht mehr wert ist als die Statistiken, die man selbst gefälscht hat.

Leserbriefe

Aus der Debatte

Bildungsstreik

Erwachsenenbildung

Steiner_egon_bundesarchiv

Volkshochschulen bieten mehr als nur Bildung für Erwachsene, sie beinhalten einen sozialen Faktor. Doch die Finanzierung ist bedroht und Privatisierung würde die Flächendeckung Preis geben.

Dr
von Martin Lätzel
05.07.2010

Alternativer Bildungsweg

Schule_keine 2

André Stern hat nie die Schulbank gedrückt – heute ist er glücklich und zufrieden, denn er übt den Beruf aus, den er liebt. Stern ist das beste Beispiel dafür, dass man auch abseits des klassischen Bildungssystems Erfolg haben kann.

Bildungsdebatte_foto_andre_stern
von André Stern
11.06.2010

Studiengebühren 2.0

Sarah_bond

Das Bildungsideal Humboldts ist überkommen – die Debatte um eine Reform dreht sich im Kreis. Für ein künftiges Finanzierungsmodell der Universitäten muss zunächst grundsätzlich geklärt werden: Was bedeutet Universität heute?

Anheier-kopf
von Helmut Anheier
10.06.2010

Mehr zum Thema: Oekonomisierung, Hochschulwesen, Bologna

meistgelesen / meistkommentiert