Es gibt Leute, denen sieht man an, dass es eine Sünde wäre, sie nicht zu kontrollieren. Günther Beckstein

Wir können in Afghanistan nichts ändern!

Der Westen führt in Afghanistan einen Krieg, den er nicht gewinnen kann und der nicht seine Aufgabe ist. Veränderungen in der Gesellschaft müssen von innen kommen – die deutsche Politik hat das noch nicht begriffen.

Einen Krieg in Afghanistan kann man nicht gewinnen. Wieso? Dazu müssen wir uns anschauen, wie alles begonnen hat. Der Krieg ist aus einer Emotion heraus entstanden. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 haben sich Deutschland, Frankreich und viele andere Länder mit den Amerikanern solidarisiert. Verständlich. Gerade wir Deutsche schulden den USA aufgrund unserer Geschichte auch einiges. Doch dann hat der Westen den Artikel fünf des NATO-Vertrages bemüht: kriegerische Solidarität aller im Angriffsfall gegen einen der Mitgliedsstaaten.

Krieg gegen ein Phantom

Acht Jahre später sind wir noch immer im Krieg, im Krieg gegen ein Phantom: den internationalen Terrorismus. Terrorismus ist aber kein Gegner, sondern eine Art, Krieg zu führen. Wir sind auf diese Weise in etwas hineingerutscht, das gar nicht abzusehen war.

Die Vorstellung, dass wir als Friedensstifter und Samariter auftreten können, ist völlig abwegig. Wir schicken in Afghanistan Menschen in Lebensgefahr, um Mädchenschulen aufzubauen und in der Hoffnung, in Zukunft würden die Frauen keine Burkas mehr tragen. Das ist weder unsere Aufgabe, noch können wir daran etwas ändern. Veränderungen in Afghanistan müssen von innen kommen, als eine Evolution der Gesellschaft. So wie im heutigen Iran, wo eine Mehrzahl der Studenten Frauen sind.

Das Wort Krieg traut sich keiner auszusprechen

Und dann die Vorstellung, man müsse eine afghanische Armee und Polizei aufbauen. Erst kürzlich sind fünf amerikanische Instrukteure von ihren afghanischen Auszubildenden erschossen worden. Und das ist nicht der erste Fall. Ich würde sehr zögern, deutsche Soldaten oder Polizisten als Ausbilder nach Afghanistan zu schicken. Die neuen afghanischen Sicherheitskräfte kämpfen zum Teil mit schlechtem Gewissen aufseiten des Westens, sind manchmal käuflich und unberechenbar. Ein gefährliches Unternehmen.

Die deutsche Politik hat das noch nicht begriffen. Bundestagsabgeordnete reisen nach Afghanistan, werden freundlichen Leuten vorgeführt, besichtigen in Kabul ein Viertel, in dem sich internationale NGOs niedergelassen haben, und sehen dort den Wiederaufbau. Das Wort Krieg traut sich aber keiner auszusprechen.

Anders die Einschätzung in der Bundeswehr. Wenn ich mit deutschen Soldaten spreche und offen die Lage in Afghanistan analysiere, dann widerspricht mir niemand. Die sagen: Herr Scholl-Latour, sie haben völlig recht. Man hätte sich auch vor dem militärischen Engagement am Hindukusch einen Ratschlag von den Russen holen können. Die haben 1988 ihre Truppen abgezogen und wussten schon damals: In Afghanistan kann man keinen Krieg gewinnen.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Felix Struening – 19.11.2009 - 18:09

    Lieber Herr Scholl-Latour,

    angesichts Ihrer internationalen Erfahrung erschüttert dieser Artikel zutiefst. Nicht immer können rational-rechnerische Überlegungen ein Aktivwerden wie in Afghanistan bestimmen. Überlegen Sie mal, was wäre, wenn wir uns jetzt zurückziehen würden. Und Sie müssten eigentlich wissen, wie die Situation unter dem Talibanregime war, insbesondere für Frauen. Da können wir schlecht rechnen, was es uns kostet oder ob wir in jedem Fall “gewinnen” werden. Aus unserer Freiheit wächst Verantwortung, diese Freiheit auch anderen zu bringen. Natürlich muss der gesellschaftliche Wandel von innen kommen. Wir können aber immerhin die richtigen Rahmenbedingungen dafür schaffen.

    Hillary Clinton sagte anlässlich des 20. Jahrestages des Berliner Mauerfalls: „Als Begünstigte dieses großen Vermächtnisses, das wir 1989 geerbt haben, müssen wir uns verpflichten, die wir hier heute Abend versammelt sind, Staatschefs und Bürger gleichermaßen, gemeinsam daran zu arbeiten, die Freiheit über ihre derzeitigen Grenzen hinaus zu verbreiten, so dass die Menschen überall die ihnen sich bietenden Chancen ergreifen können, um ihre Träume und die ihnen von Gott gegebenen Fähigkeiten ausleben zu können.“

    Daran sollten Sie sich ein Vorbild nehmen.

  • Theeuropean-placeholder
    Hans Lausitz – 30.12.2010 - 11:08

    Ja, Herr Felix S., auch Sie haben recht, wenn Sie bei einem Rückzug der Truppen schlimmes befürchten. Ich halte jedoch den Rückzug (früher oder später) für unvermeidlich – mit allen schlimmen Folgen, wir können es leider nicht verhindern.
    Ein früher Abzug würde aber vielen Soldaten das Leben retten.

  • Theeuropean-placeholder
    Sehr geehrter Herr Scholl-Latour – 21.03.2011 - 15:51

    Sehr geehrter, lieber Herr Scholl-Latour,

    danke für Ihren Mut, die Dinge beim Namen zu nennnen.
    Danke für Ihren Mut, die Wahrheit zu sagen.

    Ich sehe Sie als den Einzigen ( gibts da wirklich noch jemand?) der immer zu der Wahrheit und zu Fakten steht.
    Ich wüßte keinen außer Ihnen.

    DANKE!

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