Ein Buch über Twitter im Regal ist wie ein Foto vom Wagenheber im Kofferraum. Sascha Lobo

Die neuen Vertriebskanäle des Lesens

Wird das E-Book das Buch verdrängen? Und wie können die Verlage mit diesem neuen Wirtschaftsfaktor umgehen, um sich zukunftsträchtig positionieren?

Man kann durchaus sagen, dass wir an der Zukunft des Lesens arbeiten. Im weitesten Sinne geht es bei uns um eine Reader-Software, die die typischen digitalen Inhalte – wie sie etwa der epub-Standard bietet – über verschiedene Zusatzmodule anreichert. So haben wir zum Beispiel für einige Verlage Text- und Audio-Bücher miteinander kombiniert. Ein Anwendungsbeispiel wäre: ich sitze in der U-Bahn, lese gerade eine spannende Stelle, muss aber aussteigen, dann schalte ich einfach auf Hörbuch um und höre das Hörbuch weiter. Dabei ist zu betonen, dass es sich um ein echtes Hörbuch handelt, vom Autor oder einem professionellen Sprecher eingelesen. Der Verlag Kein & Aber etwa hat einen Band mit Ringelnatzgedichten, die es im selben Verlag als Hörbuch gibt, gelesen von Harry Rowohlt. Da hatte man dann die Idee, für den elektronischen Bereich ein völlig neues Produkt zu kreieren, das das Hören und Lesen miteinander verbindet.

Aller Anfang ist IPhone

Angefangen haben wir – vor ziemlich genau einem Jahr – mit dem iPhone bzw. iPod Touch und natürlich dem iTunes App-Store als Vertriebskanal. Derzeit hoffen wir auf die baldige Markteinführung des Apple Tablets, um das sich die Gerüchte verdichten. Spätestens dann würde nämlich die Diskussion aufhören, ob man auf diesen kleinen Geräten überhaupt lesen kann.

Generell denken wir aber eher in Betriebssystemen, d.h. wir entwickeln E-Books jetzt nicht für ein Gerät, sondern für jedes auf dem als Betriebssystem Apples OS X läuft. Als zweite Plattform haben wir jetzt Google Android. Unsere Idee ist, dass wir in Zukunft – völlig egal, welches Gerät der Kunde mit sich rumschleppt – die Reader-Software liefern, und der Content wird dann entsprechend mit dem Gerät synchronisiert, das der Kunde nutzt.

Nur die Fantasie setzt die Grenzen

Wenn es die Verlage schaffen, ihre Produkte weiterzudenken und nicht als mehr oder weniger digitale Kopie des Printprodukts zu sehen, sondern zum Beispiel Bonusmaterial beisteuern, wie wir das von DVDs her kennen, ist es richtig interessant. Der Autor könnte in einer exklusiven Video-Botschaft seine deutschen Leser begrüßen. Der englische Verlag Canongate hat für seinen “Bunny Munro“-Titel, Nick Caves neuer Roman, zum Beispiel eine eigene iPhone-App gestrickt, die neben dem Text eine Hörbuchversion vom Autor plus eigens komponierte Songs enthält. Viele Autoren sind ja im Netz sehr aktiv, twittern oder unterhalten aktive Blogs, die ihre Fans abonnieren. Und so lässt es sich auch denken, dass, wenn ich eine Buch-App kaufe, ich als Zusatzkapitel den Blog abonniere. Das wäre eine Verbindung aus Online- und Offline-Content. Ich wäre etwa immer informiert, was der Autor macht, über Lesungen, wo ist er gerade unterwegs. Nur die Fantasie setzt die Grenzen. Da sind die Verlage gefordert, diese Produkte zu entwickeln, die dem Leser einen eindeutigen Mehrwert liefern. Und das tun sie auch gerade. Letztes Jahr zu dieser Zeit standen wir gerade mit zwei Applikationen da, und heute sind es 150 – alles hochwertige Titel großer Publikumsverlage.

Das E-Book wird das Buch wahrscheinlich nicht verdrängen, aber es drängt aus seiner Nische heraus. Wenn die Verlage nicht mit diesem neuen Wirtschaftsfaktor rechnen, werden sie auf jeden Fall starke strukturelle Probleme bekommen.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Björn Behrendt – 14.12.2009 - 12:03

    Sie haben recht! Leider hängen viele Verlage noch zu sehr am gedruckten Papier und agieren zu träge, um wirkliche Medieninnovationen zu entwickeln. Beste Beispiele sind die iPhone-App-Bemühungen des Stern und baldigst auch der BILD-Zeitung, die fast schon panische Versuche darstellen, die “wertvollen Inhalte” zu monetarisieren. Mit Staunen musste ich auf der letzten IFA feststellen, wie aggressiv die Stimmung derzeit unter deutschen Medien-Lenkern gegenüber google ist und auch die jüngste Episode der Medienkrise in der Rupert Murdoch google aussperren möchte zeigt die Ratlosigkeit der Branche auf. Ich kann Ihren Weckruf Herr Oppmann nur unterstreichen: Verlage sollten innovativer denken und die bestehenden Chancen der Social Media für bessere Leserservices und eine stärkere, digitalere Bindung der Leser nutzen! Der Kindle von Amazon ist meiner Meinung nach hier absolut der falsche Weg. Vielmehr sollte in Richtung digitaler Formate gedacht werden, die auf allen Geräten abgerufen und monetarisiert werden können, egal ob das Betriebssystem von google, Amazon, Nokia, Apple oder Microsoft ist.

    Björn Behrendt

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