Die Opposition scheint manchmal zu vergessen, dass wir hier Politik machen und keine Theatervorstellung geben. Joschka Fischer

Schwule Jungs sind kalter Kaffee

Jo Weil und Thore Schölermann spielen in der ARD-Serie "Verbotene Liebe“ ein schwules Pärchen. Im Interview mit The European erzählen sie, wie die Wahrnehmung von Homosexuellen in der deutschen Öffentlichkeit ist und warum sie sich freuen würden, wenn Deutschland mit Guido Westerwelle einen schwulen Außenminister bekäme.

The European: Sie sind nun schon ein paar Jahre als Paar im Fernsehen unterwegs. Meinen Sie, dass sich etwas in dieser Zeit in der öffentlichen Wahrnehmung von Homosexuellen verändert hat?
Schölermann: Ich kann mich nur auf die Reaktionen beziehen, die wir auf unsere Arbeit bekommen haben. Und da kann ich tatsächlich sagen, dass wir bei einigen Leuten erreicht haben, dass sie anders mit dem Thema umgehen. Mich haben Leute angesprochen, die keinen wirklichen Zugang zu dem Thema oder gar Schwierigkeiten damit hatten.
Weil: Wir können das nur aus unserem Umfeld heraus beurteilen. Wenn ich daran denke, was zum Beispiel unser erster Kuss für ein Thema war, so hat sich auf jeden Fall einiges normalisiert.

“Ich bin gar nicht besonders scharf darauf”

The European: Würden Sie mit dem Thema Akzeptanz für Homosexuelle auch an Orte gehen, wo diese Toleranz noch fehlt?
Schölermann: Ich bin gar nicht besonders scharf darauf. Wir wollen einfach nur unterhalten. Diejenigen, die daran Anstoß nehmen, sollen auf uns zukommen und mit uns darüber diskutieren.
Weil: Man darf nicht vergessen, dass wir in erster Linie Schauspieler sind. Wir spielen eine Geschichte und das hat einen positiven Nebeneffekt, aber wir sind keine aktiven Kämpfer für die Schwulenbewegung.

The European: Damit machen Sie es sich aber ziemlich einfach.
Schölermann: Wir versuchen in unserer Arbeit keine Klischees zu zeigen. Das ist der Part, den wir machen können. Wir sind aber weder Politiker noch Aktivisten. Wenn jemand der Ansicht ist, er hätte ein Problem mit Homosexualität, so ist das seine Sache.

The European: Was sind denn die Klischees, mit denen Sie in der Serie aufräumen?
Schölermann: Die gängigen Klischees bestehen darin, dass Schwule als „Weicheier“ gesehen werden, die sich nur mit Frauenthemen beschäftigen und sich schminken mit „Schatzi hier, Schatzi“.
Weil: Der „weibliche“ Mann. Dass man zum Beispiel, was wir nicht wollten, andere Klamotten trägt, auf einmal ein extrovertierter, bunter Vogel ist, dass sich die Sprache auf einmal ändert und man sich plötzlich für ganz andere Sachen interessiert.

The European: Besteht die schwule Szene nicht zu einem bestimmten Teil aus solchen Männern? Wie nah seid Ihr an der Realität?
Weil: In der Serie sind wir als Homosexuelle komplett in das normale Geschehen eingeschlossen und darin auch etabliert. Ich finde, es ist auch wichtig zu sehen, dass diese beiden Figuren ein ganz normaler Teil des 24-köpfigen Casts sind und keine Außenseiterrolle leben.
Schölermann: Ich finde es auch falsch, es immer wieder zu thematisieren, weil man dadurch erst hervorhebt, dass es etwas Besonderes ist. Man muss so etwas nicht thematisieren, das passiert durch den Alltag.

“Ich persönlich habe einige schwule Freunde”

The European: Das ist ja sehr sympathisch. Spiegelt es aber trotzdem die Realität von Homosexuellen wider? Es gibt ja schließlich auch keinen dritten Schwulen in der Serie…
Weil: Ich persönlich habe einige schwule Freunde und die leben, genauso wie wir es zeigen, ganz normal ihr Leben. Die kapseln sich nicht ab, leben in irgendwelchen Ghettos oder wollen nur unter sich bleiben.

The European: Es gab in diesem Jahr zwei Filme im Kino, die gegensätzlicher nicht hätten sein können, nämlich „Brüno“ und „Milk“. Wie steht ihr zu solchen Filmen? Glaubt ihr, sie haben positive oder negative Auswirkungen auf die Wahrnehmung von Homosexuellen? Könnt ihr solche Filme noch schauen, ohne eure Rolle wahrzunehmen?
Weil: Ich habe beide Filme gesehen, aber nicht mit der Einstellung „Hey, ich spiele Olli, also muss ich mir diesen Film angucken.“ Sie haben mich einfach interessiert. „Milk“ fand ich persönlich sehr gut und ich glaube es ist einer der Filme, die manche Leute wachgerüttelt haben und etwas in der Wahrnehmung Homosexueller bewirkt haben. „Brüno“ hat sich sehr draufgesetzt, es ist aber eine Komödie, von daher glaube ich nicht, dass dieser Film irgendetwas kaputt gemacht hat.

The European: Aber „Brüno“ hat extrem die Klischees bedient…
Weil: Ja, aber der Film steht darüber. Wahrscheinlich saßen auch in diesem Film Leute, die sich gesagt haben: „Genau so sind Schwule.“ Aber diese Leute würden ihre Meinung auch nicht ändern, nachdem sie „Milk“ gesehen haben. Aber ein normal denkender Zuschauer, der sich „Brüno“ ansieht, weiß, dass das alles sehr zugespitzt und mit einem Augenzwinkern zu verstehen ist. Daher glaube ich nicht, dass dieser Film wirklich dazu beigetragen hat, dass irgendwelche Klischees sich festfahren.
Schölermann: Und letztendlich könnten auch die Schwulen, die dem Klischee entsprechen, durch den Film merken, dass sie es manchmal einfach übertreiben. Mir persönlich wäre es jedenfalls zu anstrengend, so zu leben.

The European: Ist Deutschland denn bereit für einen schwulen Außenminister?
Weil: Ich finde, diese Entscheidung sollte vollkommen losgelöst davon fallen, dass Herr Westerwelle schwul ist. Seine politische Arbeit zählt. Die sexuelle Orientierung sollte auch in diesem Bereich eigentlich kein Thema sein.

The European: Immerhin würde er Deutschland auch in Ländern repräsentieren, in denen auf Homosexualität die Todesstrafe zählt…
Schölermann: Wie gesagt, die Homosexualität von Herrn Westerwelle sollte weder verschwiegen, noch ständig thematisiert werden. Und auch in anderen Ländern sollte das egal sein.

The European: Könnte es das Ansehen Deutschlands in der Welt vielleicht sogar heben?
Schölermann: Wenn ein Land dazu bereit ist, wäre es wahrscheinlich Deutschland. Nach allem, was ich – auch aus Fanpost – gehört habe, sind wir in solchen Dingen hier ziemlich weit. Es wäre ein Zeichen, gerade auch im Hinblick auf unsere Geschichte. Gerade im Nationalsozialismus wurden Homosexuelle verfolgt und getötet. Wir könnten deshalb eine Vorreiterrolle einnehmen. Trotz alledem muss man seine Homosexualität nicht ständig thematisieren.
Weil: Ich denke auch, dass es bekannt sein sollte. Es sollte aber nicht der Schwerpunkt bei jeder Berichterstattung über Westerwelle sein. Würden die Menschen in anderen Ländern auf einer anderen Basis mit einem deutschen Außenminister reden, der schwul ist?

The European: Nein, wahrscheinlich nicht. Schließlich sind Diplomaten Profis. Aber schon Angela Merkel ist ein Kuriosum als weibliche Regierungschefin. Ihr Mann muss mit den Gattinnen der anderen Regierungschefs bei Gipfeltreffen das sogenannte „Frauenprogramm“ absolvieren…
Weil: Klar, aber wirklich schlimm ist auch das nicht. Es wird ja nicht thematisiert – und wenn, dann belässt man es beim „Kuriosum.“
Schölermann: Ich habe über diese Problematik ehrlich gesagt noch nicht viel gehört. Man nimmt es hin.

The European: In CDU (Ole v. Beust), SPD (Wowereit) und FDP (Westerwelle) gibt es schwule Politiker. Ist das aus Eurer Sicht ein Anzeichen dafür, dass Deutschland eine “bunte Republik” ist? Kann das ein Modell sein für andere Länder?
Schölermann: Es ist insofern ein Zeichen für ein offeneres Deutschland, da diese Leute schließlich in ihre Ämter gewählt wurden. Das spricht zumindest dafür, dass Homosexualität die Leute nicht abschreckt. Meinem Empfinden nach ist dieses Land ziemlich offen.
Weil: Würde ich nicht diese Rolle spielen, würde ich mich wahrscheinlich mit diesem Thema praktisch nicht auseinandersetzen. Mir ist es im Grunde genommen egal, wie darüber diskutiert wird und das ist, glaube ich, ein Zeichen von Normalisierung.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Lol – 06.01.2012 - 19:44

    Thore Schöllermann ist so heiß … zum anbeißen ;)
    ___

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